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Ukraine-Krise Olympischer Friede? Putin nutzt die Großevents lieber für den Krieg

Der Präsident von Russland, Wladimir Putin, hier bei einem bei einem Manöver der russischen Armee
Expansion in Zeiten von Olympia: Der Präsident von Russland, Wladimir Putin, hier bei einem Manöver der russischen Armee
© Mikhail Klimentyev / Picture Alliance
Einen Tag nach dem Ende der Olympischen Winterspiele in Peking beordert Russlands Präsident Wladimir Putin Soldaten in die Ostukraine. Es ist bereits das dritte Mal, dass Putin im Windschatten von Olympia Konflikte eskaliert.

"Wir fordern die Mitgliedstaaten nachdrücklich auf, einzeln und gemeinsam heute und in Zukunft die Olympische Waffenruhe einzuhalten und das Internationale Olympische Komitee bei seinen Bemühungen um die Förderung des Friedens und der Verständigung zwischen den Menschen durch den Sport und das olympische Ideal zu unterstützen." Diese Sätze stammen aus der Millenniumserklärung der Vereinten Nationen, verabschiedet von der UN-Generalversammlung am 8. September 2000.

Die Olympische Waffenruhe, die auch als Olympischer Friede bezeichnet wird, hat ihren Ursprung in der Antike. Unter der Tradition der Ekecheirie (Waffenstillstand, Gottesfriede) verstanden die Griechen eine Art Immunität für die Athleten, um diesen eine sichere Anreise und Teilnahme zu ermöglichen. Nach Vorstellung der UN bedeutet die Olympische Waffenruhe, dass in den Tagen unmittelbar vor, während und unmittelbar nach den Spielen kriegerische Konflikte ruhen sollten.

Russland nutzt Olympia zur militärischen Expansion

Die Vorstellung einer umfassenden Waffenruhe rund um die Wettkämpfe hatte allerdings schon in der Antike und hat auch in der Neuzeit wenig mit der Realität zu tun. Im Gegenteil, könnte man im Fall von Russland sogar sagen: Für Wladimir Putin scheinen Olympische Spiele ein willkommener Anlass für kriegerische Expansionen zu sein. Die Fackel bei den Winterspielen in Peking war gerade erst erloschen, als der russische Präsident am Montagabend die Welt mit der Nachricht schockte, Russland erkenne die Unabhängigkeit der Separatistengebiete in der Ostukraine an und werde seine Armee in die Region entsenden.

Zweieinhalb Wochen – vom 4. bis zum 20. Februar – hatten die Wettbewerbe in China gedauert und in dieser Zeit hatte Putin die russischen Truppen an der Grenze zur Ukraine immer weiter aufgestockt. Am 10. Februar startete er in Belarus ein gemeinsames Militärmanöver an der Nordgrenze der Ukraine, den USA zufolge mit 30.000 russischen Soldaten. Zwei Tage später begann Russland zudem ein Marine-Manöver nahe der Krim. Zeitgleich verbreitete Moskau die Behauptung, die Ukraine würde in den Separatistengebieten einen Genozid verüben und meldete mehrfach angebliche ukrainische Angriffe auf russisches Territorium. Mit der Anerkennung der selbsternannten "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk bereitete Putin dann endgültig den Boden für ein militärisches Eingreifen.

Das Vorgehen des russischen Präsidenten folgt dabei einem Muster: Schon zu den Sommerspielen 2008, die ebenfalls in Peking stattfanden, zeigte er, wie wenig ihn die Olympische Waffenruhe interessiert. Als kurz vor Beginn der Wettkämpfe die seit Jahren schwelenden Auseinandersetzungen um die abtrünnigen Regionen Abchasien und Südossetien zwischen Georgien und Russland eskalierten, kündigte der damalige russische Präsident von Putins Gnaden, Dmitrij Medwedjew, bei einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates in Moskau "Gegenmaßnahmen" gegen eine angebliche "Militäroffensive Georgiens" an. Am 8. August 2008, noch während Putin auf der Tribüne des Pekinger Nationalstadions der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele zusah, griff Russland sowohl aus der Luft als auch über Land und See Georgien an.

Der Krieg dauerte nur fünf Tage. Russlands Panzer hatten den Westen kalt erwischt. Am 12. August stoppte Medwedjew den Angriff. Die Sicherheit der Soldaten und der Staatsbürger sei gewährleistet und der "georgische Aggressor" bestraft, erklärte er und warnte, man könne jederzeit wieder losschlagen. Der Kaukasus-Konflikt hatte große Auswirkungen auf das Verhältnis der EU und der USA zu Russland. Die Ost-West-Beziehungen gerieten in eine ernste Krise.

Ukraine wird zu den Winterspielen 2014 zum Opfer

Nur sechs Jahre später, als Putin bei den Winterspielen vom 7. bis zum 23. Februar in Sotschi selbst der Olympia-Gastgeber war, folgte seine bislang folgenschwerste Missachtung der Ekecheirie. Die Spiele waren für Putin ein Prestigeprojekt, mit dem er eigentlich die Leistungsstärke Russland demonstrieren wollte. Doch Debatten um Menschenrechtsverletzungen, die Umweltproblematik von Wintersport in der viel zu warmen Schwarzmeerregion und die immensen Sicherheitsmaßnahmen und Kosten hatten schon im Vorwege dunkle Schatten auf das Großevent geworfen. Zahlreiche hochkarätige Politiker:innen und Staatsoberhäupter blieben der Veranstaltung deshalb fern. Weder der damalige Bundespräsident Joachim Gauck noch Bundeskanzlerin Angela Merkel reisten an. Auch die Plätze von Frankreichs Präsident François Hollande und US-Präsident Barack Obama im Fisht-Stadion blieben leer.

Putins "Kriegserklärung" im Video: "Ukraine ist ein Marionettenstaat der USA"

Im Nachhinein dürften die Abwesenden über ihren Boykott der Spiele besonders erleichtert gewesen sein. Denn noch während die Athletinnen und Athleten um Medaillen kämpften, bereitete Putin die Annexion der zur Ukraine gehörenden Krim vor. In den Morgenstunden des 27. Februar 2014 war es dann so weit: Soldaten ohne Rang- und Hoheitszeichen auf den Uniformen, bei denen es sich mutmaßlich um russische Spezialtrupps handelte, besetzten strategisch wichtige Punkte auf der Halbinsel. Bald kontrollierten sie das Regionalparlament und das Gebäude der Regionalregierung in der Hauptstadt Simferopol und hissten an offiziellen Gebäuden die russische Flagge. Nur drei Wochen später, am 18. März 2014, unterzeichnete Putin einen Vertrag über die Eingliederung der Krim in die Russische Föderation.

"Man muss sich klar sein, es ist nicht mehr als das. Es ist ein ethisches Statement", bewertete der Friedensforscher an der Uni Innsbruck, Wolfgang Dietrich, im Deutschlandfunk die Resolution der Vereinten Nationen über den Olympischen Frieden. Für Wladimir Putin ist sie wohl nicht einmal mehr das.

Quellen: Millenniumserklärung der Vereinten Nationen, Bundeszentrale für politische BildungLandeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Deutschlandfunk

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