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Papandreous Kehrtwende Athens Chaostag endet unversöhnlich


Die Griechen sind Konfusion gewohnt, doch der Donnerstag geht selbst in die Annalen Athens als Chaostag ein. Das Drama von Papandreous Kehrtwende - Fortsetzung garantiert.
Von Dirk Benninghoff

Am Morgen ging Europa noch von einem griechischen Referendum aus. Die "Bild"-Zeitung erzürnte das Vorhaben so sehr, dass das Boulevardblatt gleich zur deutschen Volksabstimmung aufrief - mit dem offenkundigen Ziel, den Griechen einen Denkzettel zu verpassen für ihr ach so dreistes Vorhaben. Die Leser sollten gar darüber abstimmen, die Hellenen aus der Eurozone zu schmeißen. "Jetzt reicht's uns!", maulte die Zeitung.

Im Laufe des Tages wurde die Aktion dann jedoch obsolet. Von Stunde zu Stunde rückte das Volksvotum in Athen in immer weitere Ferne, bis es am Abend ganz gecancelt wurde. Zwischenzeitlich sah es so aus, als würde der Initator des Entscheids schon am Donnerstag gleich mit verschwinden.

Giorgos Papandreous Kehrtwende nahm am Vorabend ihren Anfang: Auf seine Ankündigung, das Volk über internationale Hilfen abstimmen zu lassen, reagierten Deutschland, Frankreich und die Spitzen der EU in der Nacht zum Donnerstag mit aller Härte: Acht Milliarden Euro Hilfsgelder wurden auf Eis gelegt, ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone nicht ausgeschlossen. Vor allem die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy übten Druck aus und fanden offenbar geharnischte Worte für Papandreous Vorhaben.

Das saß. Schwer angeknockt ging der Premier in den Tag - und wurde dann noch aus eigenen Reihen attackiert. Finanzminister Evangelos Venizelos machte klar, dass er gar nichts von dem Referendum hält. Die Zukunft des Landes in der Eurozone dürfe nicht von einer Volksabstimmung abhängen. Kurz darauf der nächste Schlag für den Ministerpräsidenten: Zwei Abgeordnete seiner Sozialisten kündigten an, ihm bei der geplanten Abstimmung im Parlament am Freitag nicht das Vertrauen auszusprechen. Die Mehrheit war dadurch arg gefährdet, "Papandreou vor dem Sturz" - diese Schlagzeile zu dem Zeitpunkt nicht übertrieben.

Nachfolger wurden gehandelt

Am späten Vormittag hieß es dann sogar, der Grieche stünde kurz vor dem Rücktritt. Sogleich wurden die Namen von Nachfolgern gehandelt, darunter der frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, Lucas Papademos und Ex-Premier Kostas Simitis. "Ich glaube nicht, dass die Regierung heute Abend noch steht", sagte der Chef der Meinungsforschungsinstituts Alco, Kostas Papagopoulos.

Immer mehr EU-Granden verkündeten unterdessen unverhohlen und ganz offensichtlich stark verärgert, die Eurozone komme auch ohne Griechenland zurecht - so beispielsweise Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker. Die G20 berechneten schon die Kosten einer Griechenpleite und FDP-Mann Rainer Brüderle meinte frank und frei, Deutschland werde den Bankrott der Griechen schon überstehen. Wie sich die Töne ändern.

Gegen Mittag tauchte in Athen dann erstmals ein Begriff auf, der sich nach Krieg anhört: Die "Regierung der Nationalen Rettung". Zahlreiche Minister und Abgeordnete von Papandreous sozialistischer Regierungspartei PASOK brachten sie ins Spiel - und bis zum Abend hatte sich das martialische Konstrukt als Heilslösung der Hellenen durchgesetzt. Der Premier sprach mit Staatspräsident Karolos Papoulia über die Rettungsregierung - einige Medien spekulierten, er würde auch gleich seinen Rücktritt einreichen.

Die Allianz der beiden Großen

Doch daran hat Papandreou offenbar gar nicht gedacht. Vielmehr schlug er seinem Ministerrat am frühen Nachmittag die dringende Billigung des Hilfspakets für Griechenland durch die beiden großen Parteien des Landes vor. Aus der Volksabstimmung wurde also ein Parlamentsvotum. Die zweite große Partei im Lande ist die konservative Nea Dimokratia (ND). Deren Chef Antonis Samaras, härtester Widersacher Papandreous, hatte zuvor die Bildung einer Übergangsregierung gefordert. Die könnte das Land führen, bis das griechische Parlament das Hilfspaket billigt. Danach stellt sich Samaras Neuwahlen vor.

Dem Gedankengut schlossen sich am Nachmittag 30 Abgeordnete beider Parteien an, die in einem offenen Brief eine Abkehr vom Referendum forderten. Derweil sah in Berlin SPD-Chef Sigmar Gabriel gar die Kanzlerin gefordert. Sie solle die Opposition in Athen, schließlich auch konservativ, zur Räson bringen. Doch die Kanzlerin denkt gar nicht daran, Cannes zu verlassen.

Inzwischen tickerte das Wort "fieberhaft" via Nachrichtenagenturen in die deutschen Redaktionen. In diesem Zustand sollten sich die beiden Parteien befinden bei ihrer Suche nach der Lösung. Knackpunkt: Papandreou stellt sich ein von ihm geführtes Übergangskabinett vor, für die Opposition besteht die Regierung allerdings aus unabhängigen Experten. Neuwahlen sollten schon im Dezember kommen, fordert die ND.

Börse fix und fertig

Die Börse ist mittlerweile mit den Nerven vollkommen runter. Als sich immer klarer abzeichnet, dass es wohl nichts wird mit dem Referendum und Papandreou sich zur Übergangsregierung mit ND-Beteiligung bereit erklärt, ziehen die Kurse zwar an. Aber dem emotionalen Zustand der Börsianer ist die Meldung auch nicht zuträglich. "Man weiß nicht mehr, worauf man eigentlich hoffen soll", sagt stellvertrend für viele ein entnervter Tobias Basse, Aktienstratege bei der NordLB. Immerhin: Der Dax legt am Ende fast drei Prozent zu.

Gegen 16 Uhr dann vollzog Papandreou ganz offen die Kehrtwende. Da er die großen Parteien hinter sich versammelt habe im Ansinnen das nächste Hilfspaket sicher nach Griechenland zu bringen, benötige er die Volksabstimmung nicht mehr. Kurzum: Papandreou ist sich jetzt sicher, eine breite Zustimmung zu haben. Sagt er jedenfalls. Das Referendum sei nie ein Selbstzweck gewesen. Dass die Abrechnung der europäischen Größen und die möglichen Konsequenzen Wirkung zeigten, gab der Premier mehr oder weniger unverholen zu. Der einzige Weg damit Griechenland im Euroland bleibt, sei die Einhaltung der Vereinbarungen mit den Partnern in der EU, verkündete er kleinlaut.

Und sucht jetzt die Partnerschaft der ND. "Wir werden jetzt verhandeln, um zu sehen ob unsere Kooperation fortgesetzt werden kann." Der verhinderte Volksbefrager konnte gar nicht genug kriegen von Zusammenarbeit: "Wir werden kooperieren soviel wir können." Die Vorstellung darüber, wie es bis zu den Neuwahlen weitergeht, scheint aber etwas unterschiedlich zu sein. Samaras forderte am Abend den Rücktritt seines vermeintlichen Partners, der für ihn weiterhin nichts als ein Rivale ist. Nur ohne ihn könne es die Rettungsregierung geben. Papandreou scheint das einzusehen. Am Abend sagte er im Athener Parlament, er hänge nicht an seinem Posten.

Fortsetzung des Athener Chaostages also garantiert.

Von Dirk Benninghoff; mit Agenturen

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