HOME
Stern Spezial

Kampf gegen den Müll: Kenia verbietet die Plastiktüte: Die erste Bilanz ist verblüffend

Die Plastiktüte war in Kenia fester Bestandteil des Lebens, als Tragetasche und sogar als Toilette in den Slums. Dann hat der Staat die Tüte verboten - mithilfe des schärfsten Gesetzes weltweit. Die Bilanz nach acht Monaten? Erstaunlich.

Kenia, Nairobi: Ein Mann packt seine Einkäufe in eine Stofftüte.

Kenia, Nairobi: Ein Mann packt seine Einkäufe in eine Stofftüte.

AP

Egal, wohin es dich verschlägt, es gibt da etwas, das war immer vor dir da: die Plastiktüte. Auf dem Mount Everest, in den Tiefen der Ozeane, an den Polarkappen. Die Plastiktüte ist für ihre rund 50 Jahre bereits unglaublich viel gereist, und am schlimmsten ist: Sie bleibt im wahrsten Sinne ewig. Gut für die Umwelt ist das nicht. Die Plastiktüte muss weg - das ist schon lange bekannt, nur die Umsetzung in den einzelnen Ländern ist bekanntlich nicht ganz so einfach.

Vor acht Monaten hat ein Land trotzdem den anstregenden Kampf gegen die Plastiktüte aufgenommen, entschlossener als jeder andere Staat zuvor. Kenia, afrikanische Ostküste, circa 50 Millionen Einwohner, hatte genug von den Beuteln, die sie dort aus den Gewässern fischten. Hatte genug von den Plastikrückständen, die Fleischer in den Tiermägen fanden. Hatte genug von sogenannten "flying toilets" - Fäkalien, die in Plastiktüten entsorgt wurden. 

Menschen durchsuchen im Dandora Slum in Nairobi einen Müllberg nach wiederverwertbaren Gegenständen.

Menschen durchsuchen im Dandora Slum in Nairobi einen Müllberg nach wiederverwertbaren Gegenständen. Das war 2015. Nun drohen jedem, der in Kenia eine Plastiktüte nutzt, bis zu vier Jahren Haft oder maximal 32.500 Euro Strafe. 

AP


Seit Ende August 2017 sind Plastiktüten in Kenia verboten. Komplett verboten. Herstellung, Einfuhr, Verkauf, Verwendung, alles. Wer trotzdem mit einer Tüte erwischt wird, dem droht eine Strafe von bis zu 32.000 Euro - oder auch Haft von bis zu vier Jahren. Kein Land dieser Erde geht schärfer gegen Plastiktüten vor.

Plastiktüte verboten: Die Behörden ziehen eine positive Bilanz

Bis vor Kurzem war die Plastiktüte in Kenia noch fester Bestandteil des Lebens, vom Einkauf im Supermarkt bis zur Slum-Toilette. Etwa 100 Millionen Tüten wurden der kenianischen Umweltbehörde Nema zufolge jährlich ausgeteilt. Die Tüte landete in Bäumen und auf Straßen, in Abflüssen und an Stränden.

Nun, acht Monate nach Inkrafttreten des Plastiktüten-Verbots, sagt David Ong'are, der Direktor der Regierungsbehörde für Umweltpolitik in Kenia, dem britischen "Guardian": "Unsere Straßen sind generell sauberer, das hat den Wohlfühlfaktor angekurbelt." Keine herumfliegenden Plastiktüten mehr, sagt er. Freiere Wasserläufe. Weniger Beutel in den Netzen der Fischer an der Küste und im Victoriasee. Das Plastik ist besiegt, zumindest ein bisschen, zumindest in seinen Anfängen, so in etwa klingt das bei den öffentlichen Stellen. Vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen heißt es: Das Plastiktüten-Verbot solle erst der Anfang sein. Das kenianische Beispiel solle "definitiv andere Länder in der Welt ermutigen, Plastiktüten und andere Einweg-Plastikgegenstände zu verbieten - nicht nur in Afrika." 

+++ Lesen Sie auch: Alle hassen Plastik - dabei ist es eigentlich der perfekte Müll +++

Herstellerverband klagt über Einbußen und Kündigungen

Tatsächlich: Das Verbot scheint seine Wirkung nicht zu verfehlen. Der "Guardian" zählt in einer Menschengruppe von Hunderten lediglich zwei, die eine Plastiktüte tragen oder eine solche verkaufen. Nur: Nicht alle sind so richtig glücklich mit dem Verbot.

Der kenianische Herstellerverband klagt: 80 Prozent der Mitgliedsfirmen seien vom Verbot betroffen und fast 100.000 Menschen sei mittlerweile gekündigt worden. "Das Verbot hat unsere Wirtschaft erschüttert." Eine Marktfrau, mit der der "Guardian" sprach, berichtet, dass die neuen recyclebaren Tüten, die sie nun verwenden müsse, sechs Mal teurer seien und sie auf den Kosten sitzen bleibe. Andere Händler baten ihre Kunden, einfach selbst Plastikschüsseln mitzubringen - doch quellen die eben schnell über. 

Das FlipFlopi, ein traditionelles Segelboot, aus recyceltem Plastikmüll.

Das FlipFlopi, ein traditionelles Segelboot, gebaut aus recyceltem Plastikmüll. Eine Initiative will zeigen, was mit wiederverwendetem Plastik alles möglich ist. 

DPA


Man hätte das Ganze doch schrittweise einführen beziehungsweise schrittweise verbieten können, heißt es vom Herstellerverband. Aber auch: "Das Verbot hat definitiv die öffentliche Wahrnehmung für die Notwendigkeit einer sauberen Umwelt gesteigert. In den vergangenen sechs Monaten haben wir sicher mehr erreicht als in den vorherigen fünf Jahren."

Elektromülldeponie Agbogbloshie: Kupfer ist König: Leben und arbeiten am verseuchtesten Ort der Welt
pg