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Polnisch-amerikanische Beziehungen: Warum Polens Liebe zu den USA rostet

Die einst bedingungslose polnische Liebe zu den Amerikanern ist merklich abgekühlt. Donald Tusk und sein Außenminister Radosław Sikorski wollen den USA nichts mehr schenken - schon gar nicht einen Freifahrtschein für den US-Raketenschild, über den in wenige Wochen verhandelt wird.

Von Rafal Wos, Warschau

Polen verspürt unter dem neuen Premierminister Donald Tusk (PO) und seinem Chefdiplomat Radosław Sikorski keine Lust mehr, das "trojanische Pferd Amerikas" in Europa zu spielen. Der erste ernsthafte Test für den neuen Kurs der Warschauer Regierung steht kurz vor der Tür. In den kommenden Wochen wird entschieden, ob in Polen der amerikanische Raketenschild aufgebaut werden soll. Schafft es das Duo Tusk/Sikorski, ohne Zerwürfnisse den Kurs zwischen den gegensätzlichen Erwartungen Washingtons und innerhalb der EU zu steuern?

Es war ein heißer Nachmittag Mitte Juli 2007 in Washington. Der polnische Präsident Lech Kaczyński war schon sehr müde. Mit offenem Hemd stand er am Pult und berichtete den Journalisten von seinem Vier-Augen-Gespräch mit US-Präsident George W. Bush. "Was den Raketenschild angeht, ist die Sache schon entschieden, man muss noch ein paar Details klären", sagte Kaczyński, ohne Rücksicht darauf, dass dieser Satz zu Hause eine große Empörung auslösen würde. "Wie kann man mitten in den Verhandlungen sagen, dass wir alle Wünsche Amerikas einfach so akzeptieren", schimpften die polnischen Medien. Gerade in dem Moment, als die unglückliche und enttäuschte Liebe Polens zu Amerika ihren historischen Tiefpunkt erreicht hatte.

Woodrow Wilsons war Polens bester Freund

Warum sollen eigentlich unsere Soldaten in Afghanistan und Irak ihr Leben riskieren? Warum wird die Visa-Pflicht für die Polen, die treuesten Verbündeten bei Bushs Eskapaden, nicht abgeschafft? Wieso haben unsere Firmen keine lukrativen Kontrakte beim Aufbau Iraks bekommen? Sollen wir, ohne etwas dafür zu bekommen, neuen Ärger mit Russland wegen des Raketenschilds riskieren? So lauten die Fragen, die seither die öffentliche Debatte in Polen anheizten. Die Opposition hatte alles blitzschnell verstanden und reagierte. "Ich verspreche, die Truppen aus dem Irak zurückzuziehen", betonte Kaczyńskis Herausforderer Donald Tusk im Wahlkampf und übernahm später die Macht. "Wir sollten den Amerikaner nichts mehr geschenkt geben", sagte Diplomat Radosław Sikorski und wurde der beliebteste Minister im neuen Kabinett.

Noch vor paar Jahren wäre es kaum denkbar gewesen, mit den kämpferischen Ansagen gegenüber Amerika bei den polnischen Wählern zu punkten. Amerika galt doch als der beste und eigentlich einzige Freund Polens. Es war doch US-Präsident Woodrow Wilsons Idee gewesen, in Versailles 1918 aus damaligen deutschen und russischen Gebieten ein unabhängiges Polen zu schaffen. Später hatten doch die Amerikaner den kalten Krieg gegen die Sowjetunion geführt. Wenn man heute stichprobenartig einen Polen fragt, wer die UdSSR besiegt hat, wird man zwei Namen hören: den von Papst Johannes Paul II. und den des früheren US-Präsidenten Ronald Reagan.

So schnell rostet alte Liebe nicht

"Die Vereinigten Staaten bedeuten bei uns Großzügigkeit und Opferbereitschaft. Das unabhängige Polen will Ihr Freund und Partner sein", deklarierte Lech Walesa noch 1989 im amerikanischen Kongress. Aber das waren nur die Worte. Das schwache und arme Polen erwartete damals von "Uncle Sam" mindestens das, was Deutschland nach dem Krieg mit dem Marschallplan bekommen hatte. Aber das trat nicht ein. Am Anfang sah noch der polnische Nato-Beitritt wie ein großes Geschenk Amerikas aus. Schnell wurde aber klar, dass ein militärisches Bündnis nichts ist, was den Alltag der Menschen verbessert. Die Polen mussten weiterhin in kilometerlangen Schlangen stehen, um ein Visa für die USA zu bekommen.

So schnell rostet alte Liebe aber nicht. Noch als die Irakkrise ausbrach, stellte sich Warschau an die Seite Amerikas. In den europäischen Hauptstädten wurde das als größte Undankbarkeit des neuen EU-Mitglieds gegenüber der Europäischen Union verstanden. Erst später folgte eine langsame Ernüchterung. Die Beteiligung im Irak hat Polen keinen konkreten und erwarteten Gewinn gebracht, gleichzeitig wurden für die Bürger die ersten Vorteile des EU-Beitritts sichtbar. Nun sind 83 Prozent der Polen mit der EU-Mitgliedschaft zufrieden, und Amerika hat das Image des "Dreamlands" verloren, wo man viel Geld verdienen oder eine bessere Ausbildung bekommen kann. Jetzt verfolgen ehrgeizige Polen ihre Ziele in London, Dublin oder Berlin.

Außenminister Radoslaw Sikorski ist das Gesicht der Wende

"Als Kaczynskis Regierung den Krach mit Europa verursachte, gab es in der polnischen Öffentlichkeit einen Mentalitätswandel. Der radikale atlantische Kurs der Zwillinge wurde mit der peinlichen Kaczynski-Diplomatie assoziiert und abgelehnt", sagte Grzegorz Kostrzewa-Zorbas zu stern.de. Kostrzewa-Zorbas ist ein Diplomat, der selber pro-amerikanisch eingestellt war, bei Zbigniew Brzezinski promovierte und jetzt Polens Wende zu Europa hin mit vollem Herzen verteidigt. Nicht nur er: Die Mehrheit der Polen findet Außenpolitik als eine der größten Stärken der neuen, seit Oktober amtierenden Regierung.

Der Wechsel hat ein Gesicht, das des Außenministers Radoslaw Sikorski. Eine der ersten Entscheidungen des 45-Jährigen war die Eröffnung neuer Raketenschildverhandlungen mit den Amerikanern. "Er hat als erster polnischer Chefdiplomat die Beziehungen zur USA normalisiert. Früher haben die Polen einfach alle amerikanischen Forderungen im Namen der Freundschaft rückhaltlos akzeptiert", sagte der ehemalige stellvertretende Verteidigungsminister Stanislaw Koziej zu stern.de.

Der große Test für die neue Regierung fängt allerdings gerade erst an. Bush will noch vor seinem Abschied den Raketenabwehr-Deal mit Polen und Tschechien unter Dach und Fach bringen. Und Deutschland sowie Frankreich wollen eben das vermeiden. "Ich fürchte, dass es unmöglich ist, aus dieser Situation ohne schmerzhafte und folgenschwere Entscheidungen rauszukommen", sagte einer der renommiertesten polnischen Analytiker Roman Kuźniar auf Nachfrage. Und er, genauso wie viele andere polnische "Kissingers", ist sich sicher, dass diese Entscheidung die schwierigste für die polnische Diplomatie seit Jahrzehnten ist.