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Präsidentenwahl in Frank­reich: Ein Sozialist klopft an den Élysée-Palast

Die Franzosen wählen ihren Präsidenten. Amtsinhaber Nicolas Sarkozy droht eine Niederlage. Herausforderer François Hollande würde vieles in unserem Nachbarland ändern.

Von Niels Kruse

Wenn am Sonntag die erste Runde der Präsidentschaftswahl ansteht, dann lässt sich im Grunde jetzt schon sagen, wer am 6. Mai den zweiten Wahlgang bestreiten wird: Amtsinhaber Nicolas Sarkozy und sein Herausforderer François Hollande. Und wenn man ein paar Tage weiter in die Zukunft blickt, dann deutet vieles daraufhin, dass der konservative Präsident nach nur einer Amtszeit aus dem Elysée-Palast wird ausziehen müssen.

Die letzten Zahlen, die vor der Wahl veröffentlicht werden durften, sagen für den Sozialisten Hollande einen Stimmenanteil in Höhe von 29 Prozent voraus, Sarkozy kommt laut den Meinungsforschern von Ipsos auf 25,5 Prozent. Für die Stichwahl prognostizieren diverse Demoskopen einen klaren Sieg für Hollande, dem zwischen 53 bis 58 Prozent vorhergesagt werden, während der Präsident abgeschlagen bei 42 bis 47 Prozent läge.

Die extreme Rechte auf Platz drei

Der Rest der Bewerber hat bereits vor dem ersten Wahlgang die Hoffnung aufgegeben. Etwa der Kandidat der Linksfront und Kumpel von Oskar Lafontaine, Jean-Luc Mélenchon. Mit 14 Prozent liegt er derzeit auf Platz vier und bat seine Anhänger auf seiner letzten Kundgebung nun darum, ihn zumindest auf Platz drei zu wählen. Es wäre zumindest eine Frage der Ehre für den Ex-Sozialisten, denn bislang liegt dort, wenn auch nur einen Prozentpunkt entfernt, seine Erzfeindin, die Rechtsextreme Marine Le Pen, Tochter des legendären Hetzers Jean Marie Le Pen. Seitdem der 2002 für alle Franzosen völlig überraschend in die Stichwahl gegen den damaligen Präsidenten Jacques Chirac eingezogen war (und haushoch verlor), fürchten sie sich vor den Kandidaten des Front National. Und die Meinungsforscher vor einer erneuten Panne.

Ein wenig Spannung bleibt also bei dieser als Richtungswahl stilisierten Abstimmung. Der große Favorit Hollande warnt deshalb vor zuviel Siegesgewissheit und darf sich doch berechtigte Hoffnungen machen, am Ende in den Pariser Präsidentenpalast einzuziehen. Denn der 57-Jährige gilt zwar als Langeweiler, als jemand, der weder geliebt noch gehasst wird, aber er hat einen entscheidenden, wenn nicht den alles entscheidenden Vorteil: Er ist das Gegenteil von Nicolas Sarkozy, den viele Franzosen schnellstmöglich loswerden wollen.

Die Bilanz Sarkoys: eher mau

Bei seinem Amtsantritt 2007 war Sarkozy noch Hoffnungsträger, doch im Jahr fünf seiner Präsidentschaft gilt er als unpopulärstes Staatsoberhaupt der fünften Republik - trotz seiner adretten Ehefrau Carla Bruni, die ihm als erstem Bewohner des Elysée ein Kind geschenkt hat. Und trotz seines Reformeifers - oder vermutlich genau deswegen. Wie ein Wirbelwind drehte er nahezu jeden der Steine um, die unter seinen Vorgängern liegen geblieben waren. Allerdings nur mit wenig Erfolg. Die Staatsschulden sind so hoch wie nie, die Arbeitslosenquote steigt, die Wirtschaft stagniert. Er setzte zwar gegen den Widerstand der Straße das Renteneintrittsalter von 60 auf 62 Jahre hoch, senkte aber auch die Steuern für Wohlhabende.

Mindestens genauso übel nehmen ihm die Franzosen sein durch und durch unpräsidiales Verhalten: So feierte er seinen Wahlsieg vor fünf Jahren mit Unternehmensbossen und Popstars in einem protzigen Nachtclub. Nicht gerade beliebtheitsfördernd ist und war auch seine Vorliebe für auffällige Uhren und Jachten, der Versuch, seinem Sohn einen lukrativen Job in einem öffentlichen Unternehmen zuzuschustern, und die Beschimpfung eines Mannes, der ihm nicht die Hand geben wollte, mit den Worten "Hau ab, du Arschloch". Seither hat er sich darum bemüht, den Eindruck des ungeduldigen, aufdringlichen, zappeligen und groben Mannes zu korrigieren. Vergeblich allerdings.

Hollande und die Dinge, die Franzosen gerne hören

Gegen diesen Derwisch ist der Technokrat François Hollande die ersehnte Alternative. Zumal er die Franzosen, ebenfalls im Gegensatz zu Sarkozy, auch von den schlimmsten Zumutungen der Modernisierung fernhalten will. Das Rentenalter soll nach seinem Willen wieder auf 60 Jahre zurückgesetzt werden. Im ausgemergelten Bildungsbereich will er 60.000 neue Stellen schaffen, aber vorrangig sei, so Hollande, die Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen. Womit der Kandidat seine Versprechen bezahlen will, lässt er allerdings offen. Den Steuersatz für Reiche auf 75 Prozent zu erhöhen, wie er wünscht, wird jedenfalls kaum ausreichen. Auch wenn der Durchschnittsbürger solche Parolen natürlich gern hört.

Die Franzosen haben also die Wahl zwischen dem Veränderer Sarkozy und dem Bewahrer Hollande. Leider aber ging der reichlich zahme Wahlkampf an der Bevölkerung vorbei. Keiner der Kandidaten vermochte es, die Massen zu mobilisieren, dazu kamen Schulferien. Was vom Wahlkampf bleibt, sind rund ein Drittel unentschlossener Wähler. Laut den letzten Umfragen sind zurzeit nur 63 Prozent an der Abstimmung interessiert - vor fünf Jahren waren es noch 72 Prozent.

Für wen werden die Verlierer stimmen?

Weil der Einzug der beiden Favoriten in die Stichwahl als sicher gilt, orakeln die französischen Medien bereits darüber, wer nach diesem Sonntag vorne liegen wird. Denn der Sieger, so die Überzeugung, wird in zwei Wochen mit Rückenwind in die letzte Runde gehen. Allerdings ist noch nicht ausgemacht, zu welchem Kandidaten die Anhänger der Außenseiter wie Le Pen, Mélenchon oder dem Zentristen Zentristen François Bayrou am 6. Mai wechseln werden - zusammengenommen immerhin fast ein Drittel aller Franzosen.