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Internationale Pressestimmen

Anschlag in Straßburg: "Die Täter sind immer öfter Kleinkriminelle"

Der tödliche Anschlag im französischen Straßburg beschäftigt Kommentatoren weltweit. Hätte das Attentat verhindert werden können? "Wer einen Anschlag verüben will, kann dies leicht tun", meint etwa eine französische Zeitung. Die Pressestimmen.

Nach dem schweren Terroranschlag in Straßburg macht die Polizei in Frankreich und Deutschland Jagd auf den Attentäter. Der polizeibekannte Gefährder Chérif Chekatt war am Dienstagabend auf der Flucht vor der Polizei von Soldaten verletzt worden und schließlich spurlos verschwunden. "Der Terrorismus hat erneut unser Gebiet getroffen", sagte der Pariser Antiterror-Staatsanwalt Rémy Heitz. Zeugen hätten den Angreifer "Allahu Akbar" (Allah ist groß) rufen hören. Chekatt hatte am Dienstagabend mitten in der Weihnachtssaison das Feuer in der Straßburger Innenstadt eröffnet. Zwei Menschen wurden getötet, ein Opfer sei hirntot, zwölf weitere Menschen wurden verletzt, sagte Heitz.

Verfolgen Sie alle aktuellen Ereignisse rund um den Anschlag in Straßburg in unserem Ticker.

"Die Terrorgefahr lässt sich zwar begrenzen, aber sie lässt sich nicht völlig ausschalten", kommentiert etwa die "Frankfurter Rundschau". Viele Kommentatoren teilen diese Ansicht. Meinen aber auch: Nur ein "Mehr an Zusammenarbeit" garantiert auch ein "Mehr an Sicherheit" in Europa, so etwa das "Straubinger Tagblatt". Die Pressestimmen.

Frankreich: Pressestimmen zum Anschlag in Straßburg

"Les Dernières Nouvelles d'Alsace" (Straßburg): "Wer einen Anschlag verüben will, kann dies leicht tun. Der Einzel-Terrorismus braucht keine großen Mittel. Aber er richtet große Schäden an. Das ist in tragischer Weise an diesem 11. Dezember in Straßburg geschehen. (...) Der Mann hätte überall töten können. Am Bahnhof beispielsweise, der außerhalb der Kontrollstellen liegt. Aber er (der mutmaßliche Täter) zog es vor, den Kontrollen zu trotzen, bevor er seine Verbrechen ganz in der Nähe des Münsters beging und flüchtete - ungeachtet der Polizei- und Militärpatrouillen. (...) Die Bestürzung ist über diesen Weihnachtsmarkt hereingebrochen, der in der ganzen Welt berühmt ist, der zur Identität der Stadt gehört und der deswegen den Killer fasziniert hat. Der Terrorismus ist hinterlistig. Er benutzt die deutlichsten Bilder, um sie zu manipulieren."

"Le Journal de la Haute-Marne" (Paris): "Im Jahr 2015 hatte Straßburg seinen Weihnachtsmarkt einige Monate nach den Anschlägen in Paris aufrechterhalten. Nur um dem internationalen Terrorismus zu beweisen, dass es nicht in Frage kam, dem Diktat eines mittelalterlichen Extremismus nachzugeben. Aber dieses Mal wurde die elsässische Hauptstadt direkt ins Visier genommen. Wird sie nach einer solchen Tragödie (...) die Feier fortsetzen können? Natürlich wird die Atmosphäre nicht festlich sein."

Deutschland

"Süddeutsche Zeitung" (München): "Die Täter sind immer öfter Kleinkriminelle, so wie auch jetzt in Straßburg. Es sind Männer, die noch jung sind, aber ihr Leben schon als gescheitert betrachten; Typen, die man unter anderen Umständen vielleicht Amokläufer nennen würde; Gewalttäter, die oft einfach eine Ausrede suchen. Und das ganze Gerede der Ideologen, die das hinterher politisch deuten oder für sich reklamieren, ist immer öfter nur das: Gerede."

"Frankfurter Rundschau": "Die Terrorgefahr lässt sich zwar begrenzen, aber sie lässt sich nicht völlig ausschalten. Dass jemand kommt und einfach um sich schießt, können Beton und Stahl nicht verhindern. Umso mehr gilt es, einsame Wölfe wie Anis Amri und Chérif C. ins Visier zu nehmen, desintegrierte Menschen also, denen - aus eigener Sicht! - kein anderer Weg gangbar erscheint, als das individuelle Scheitern im Sinne einer islamistischen Botschaft zu verklären."

"Straubinger Tagblatt": "Und doch ist im Schengen-Raum mit seinen offenen Grenzen eine Übertragung nationaler Kompetenzen an europäische Behörden unumgänglich. In einer freiheitlichen Gesellschaft, die sich trotz aller Bedrohungen ihre Freiheiten von niemanden nehmen lassen will, garantiert nur ein Mehr an Zusammenarbeit auch ein Mehr an Sicherheit."

"Stuttgarter Zeitung": "Das Gegenteil von Frieden ist Gewalt, und was genauso zerstörerisch wirkt: die Furcht vor möglicher Gewalt. Wir müssen den Attentätern dieser Welt dieses Gefühl verweigern. Sie dürfen unsere Angst nicht bekommen. Furcht darf sich nicht wie eine eisige Glocke über unser Miteinander legen. Wir müssen gegen sie ankämpfen, wenn sie in uns aufkommt. Wir müssen weiter auf Konzerte und in Stadien gehen, S-Bahn fahren und Weihnachtsmärkte besuchen."

"Neue Osnabrücker Zeitung": "Die Ermordung Unschuldiger auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg macht klar: Egal wie viele Betonblöcke eine Veranstaltung abschirmen mögen, egal auch, wo überall Sicherheitspersonal patrouilliert und wie wachsam die Bürger sind: Das Verbrechen sucht sich und findet seinen Weg, ob in Form eines gewöhnlichen Kriminellen oder eines Extremisten. Und noch etwas zeigt die Tat in Straßburg. Vor allem junge Muslime mit prekärem Hintergrund sind anfällig, sich von Extremisten das Hirn vernebeln zu lassen. Sie zu identifizieren und vor Radikalisierung zu bewahren oder aber konsequenter gegen sie vorzugehen ist ein Kraftakt, dem sich alle Einwanderungsgesellschaften Europas stellen müssen. Gewalttäter und Gefährder aus Drittstaaten gehören abgeschoben, und zwar schneller als bisher."

Schweiz

"Neue Zürcher Zeitung": "Die Verbindung krimineller Machenschaften mit terroristischen Aktivitäten ist indes keineswegs eine Überraschung. Bereits die Bolschewisten in Russland, später auch die Rote-Armee-Fraktion und der Nationalsozialistische Untergrund in Deutschland finanzierten ihren Kampf mit Banküberfällen. Der Jihadismus geht vielleicht noch einen Schritt weiter, indem er bewusst kriminelle Kreise infiltriert, um neue Anhänger und Kämpfer zu rekrutieren. (...) Es erstaunt deshalb auch nicht, dass sich Chérif C. im Gefängnis radikalisiert haben soll. (...) Zwar gibt es in Europa Bemühungen, um die Radikalisierung in den Gefängnissen einzudämmen. Doch gänzlich wird sich dieses Problem nicht lösen lassen. Mit Anschlägen wie in Straßburg muss deshalb noch längere Zeit gerechnet werden."

fs / DPA / AFP