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Pressestimmen zu Griechenland: "Die Krise ist keineswegs ausgestanden"

Im Schuldenstreit haben sich die Euro-Gruppe und Griechenland erst einmal geeinigt. Die Europäische Presse zeigt sich erleichtert über den Kompromiss - warnt aber vor Risiken.

Die Kontrahenten: der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis und Wolfgang Schäuble.

Die Kontrahenten: der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis und Wolfgang Schäuble.

"Politiken" (Dänemark)

"Mit einer vorübergehenden Lösung vermeidet Europa eine unvorhersehbare Periode mit einer schwachen Wirtschaft. Und Griechenland entgeht nicht zuletzt dem, was am Monatsende der Ruin für das verschuldete Land gewesen wäre. Aber auch wenn die intensiven Verhandlungen über die Rettung Griechenlands Wochen gedauert haben und es um viele, viele Milliarden Euro ging, hat man die eigentlichen Probleme nicht gelöst. Griechenland ist immer noch ein Land, in dem die Wirtschaft nicht funktioniert."

"De Telegraaf" (Niederlande)

"Dass Griechenland die strenge Haltung der anderen Euroländer akzeptiert, war unausweichlich. Alle Eurostaaten (mit Deutschland an der Spitze) lehnten eine Lockerung der Bedingungen ab, zu denen Griechenland Unterstützung bekommt. Diese eiserne Haltung war für die neue griechische Regierung äußerst schmerzhaft, denn sie war mit dem Wahlversprechen an die Macht gekommen, diese Auflagen abzuschwächen. Griechenlands Regierung mag es bedauern, dass sie die Segel streichen musste, aber für die Disziplin innerhalb der Eurozone ist das gut. Jedes Land weiß nun, dass für alle dieselben Spielregeln gelten. Es gibt kein Herumdoktern an Kreditbedingungen und diese Erkenntnis ist sehr viel wert."

"NZZ" (Schweiz)

"Leidtragende der verhärteten Fronten könnte Griechenlands Bevölkerung sein, die seit 2009 starke finanzielle Einbussen erlitten hat und in Alexis Tsipras einstweilen einen unerschrockenen Kämpfer für die Interessen des Landes sieht. Ausgeblendet wird, dass die Obstruktionspolitik der unkonventionellen Regierung ihren Preis hat: Die Bereitschaft der Kreditgeber, die Wirkung bisheriger Sparauflagen und Reformmassnahmen zu überdenken, was dringend nötig wäre, hat abgenommen. Auch nach der vorläufigen Einigung vom Freitagabend ist die Krise keineswegs ausgestanden."

"Lidove noviny" (Tschechien)

"Die drückende Vorstellung, dass dem griechischen Staat und den dortigen Banken bald das Geld ausgehen könnte, ist nun weniger wahrscheinlich geworden. Das Rettungspaket soll für vier Monate verlängert werden. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte mehr Entgegenkommen, forderte die Griechen aber zugleich zu stärkeren Zugeständnissen auf. Gerade Deutschland schulden die Griechen am meisten - 50 Milliarden Euro. Die Griechen hatten bisher ihre grundsätzliche Bereitschaft zum Schuldendienst erklärt, aber weiteren Druck aus dem Ausland zu härteren Sparmaßnahmen abgelehnt. Doch das Kabinett von Alexis Tsipras sitzt in der Falle, weil immer mehr Griechen in den letzten Tagen Geld bei ihren Banken abgehoben haben."

"Pravda" (Slowakei)

"Seit den Wahlen, die Syriza gewonnen hat, ist noch nicht einmal ein Monat vergangen, und die griechische Regierung zieht sich von ihren Grundsatzpositionen zurück. Die Rahmenlinien der europäischen Politik lassen nicht viel Raum für Exzesse. Der Großteil der Probleme wird stets durch Kompromisse gelöst. Die griechischen Politiker werden jetzt die schwere Aufgabe haben, zu Hause ihr Gesicht zu wahren und trotzdem mit der EU eine Einigung zu finden."

"El País" (Spanien)

"Das ist eine wunderbare Nachricht vor allem wegen der unmittelbaren Wirkungen. Die Einigung wird wohl nämlich jedes Risiko einer Finanzpanik in Folge eines Kollaps der griechischen Wirtschaft - um nicht von einem Euro-Austritt Athens zu reden - ausschalten. Es hatte sich um eine ganz und gar unerwünschte Aussicht gehandelt: Ein Bruch der Eurozone würde die Unumkehrbarkeit der gemeinsamen Währung und damit auch die Stabilität jedes einzelnen der Mitglieder infrage stellen. In diesem Sinne ist das Abkommen in erster Linie ein Ritterschlag für die Gültigkeit des Euro als politisches Projekt."

"Die Presse" (Österreich)

"Tsipras mag das daheim verkaufen, wie er möchte: Der Kompromiss von Brüssel war erst die halbe Miete. Ob das Land aus der Währungsunion ausziehen muss, wird sich in ein paar Monaten erneut entscheiden. Bis dahin, so die Hoffnung im Berliner wie im Wiener Finanzministerium, sollte die extrem linke Regierung in Griechenland am Boden der Realität angekommen sein. Ihre Träume, sie könnte das gesamte Wirtschaftssystem der EU aus der Position eines Krisenstaats heraus ändern, sollten sich aufgelöst haben."

"Sega" (Bulgarien)

"Die Staaten der Eurozone einigten sich im Prinzip, das derzeitige Hilfsprogramm für Griechenland um vier Monate zu verlängern. Dies ist aber mit bestimmten Bedingungen verbunden (.). Athener Quellen hatten schon zuvor gesagt, dass in Griechenland keine zusätzlichen Maßnahmen zur Finanzdisziplin und zum weiteren Sparen verhängt würden. Die Griechen sahen darin einen Erfolg für die neue Regierung. Andere Staaten meinten allerdings, es sei viel wichtiger, dass Griechenland keine Entlastungen bekommt und weiterhin die Bedingungen für die Hilfen einhalten muss."

kis/DPA / DPA