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Vergifteter Doppelagent Skripal "Legt endlich überzeugende Beweise für die Schuld Russlands vor!"

Der Fall Skripal sorgt seit Wochen für internationale Spannungen
Der Fall Skripal sorgt seit Wochen für internationale Spannungen. Im Bild zu sehen sind britische Militärs, die in Schutzanzügen in Salisbury nach Spuren suchen. 
© Adrian Dennis / AFP
Das Labor in Großbritannien kann das beim Anschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Skripal verwendete Gift nicht zweifelsfrei nach Russland zurückverfolgen. Die Briten bleiben dennoch bei ihren harten Anschuldigungen gen Moskau. So reagiert die Presse.

Die Fronten zwischen Großbritannien und Russland nach dem Giftanschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Skripal und seine Tochter bleiben verhärtet. Unter der Woche hatten die britischen Giftgasexperten eingeräumt, dass eine russische Herkunft des Nervengifts im Fall Skripal nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte. Die Regierung bekräftete anschließend dennoch, Russland sei "höchstwahrscheinlich" für die Attacke verantwortlich. Moskau weist den Vorwurf aus London entschieden zurück und spricht von "Blödsinn". Ein Bericht der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) dazu wird für kommende Woche erwartet.

So kommentiert die Presse das Thema.

"Weser-Kurier": "Es gibt eine Häufung mysteriöser Todesfälle von Ex-Agenten und Kreml-Kritikern in Großbritannien. Es gab in den 90er-Jahren einen Anschlag mit dem sowjetischen Kampfstoff Nowitschok auf einen russischen Banker. Damals war der Telefonhörer präpariert, bei den Skripals war es die Klinke der Haustür. Das sind starke Indizien, die nach Moskau weisen, aber keine Beweise. Experten der Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen haben am Tatort Proben entnommen, auch Blutproben der Opfer. Ihr Befund kann vielleicht die Indizien bekräftigen. Der Kreml ist nervös: Seine Fragen an die Organisation zielen vor allem darauf ab, deren Glaubwürdigkeit zu untergraben: "Was soll das Technische Sekretariat auf Bitten der Briten bestätigen?" Als ginge es um ein Gefälligkeitsgutachten. In diesem Stil wird die Propaganda-Schlacht auch nach Veröffentlichung der Ergebnisse weitergehen. Also muss man darauf hoffen, dass irgendwann die Opfer aussagen können - und täglich um deren Leben bangen."

"Berliner Morgenpost": "Es klingt logisch: Ein ehemaliger russischer Geheimdienstler fällt einem Anschlag zum Opfer, bei dem ein in der Sowjetunion entwickeltes Nervengift verwendet worden sein soll. Moskau hat einmal erklärt, Verräter zu vernichten. Die Spur kann also nur direkt in den Kreml führen. Eine andere Möglichkeit gebe es faktisch nicht, lautet die Londoner Logik. Gibt es aber doch. Schon die Berufsbezeichnung Doppelagent für Skripal legt nahe, dass es mindestens zwei Seiten gibt, die offene Rechnungen mit dem Opfer haben könnten. Vor allem aber fehlt bisher jeder handfeste Beweis. So sind nicht nur Skripal und seine Tochter vergiftet, auch die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen sind es. Für eine Rückkehr zu den üblichen diplomatischen Gepflogenheiten sollte es aber nie zu spät sein."

"Volksstimme": "Russland steht im Fall Skripal am Pranger wie seit dem Afghanistan-Einmarsch nicht mehr, auch bei der Sitzung der Chemiewaffen-Verbotsorganisation. In Großbritannien macht die Stimmungsmache von Regierung und Medien glauben, der Nowitschok-Cocktail sei direkt in Putins Büro zusammengebraut worden. "Pervers" finden die Briten die russische Idee gemeinsamer Ermittlungen zu dem Anschlag von Salisbury. Bisher ziehen die westlichen Verbündeten beinahe uneingeschränkt mit. Die Bundesregierung bekräftigt in ungewohnter Nibelungentreue zu London, dass nur Russland als Täter infrage komme. Vielleicht richtig, vielleicht auch nicht. Dann aber droht Großbritannien der große Verlierer einer Gift-Attacke zu werden, die zu einer Weltaffäre hochgekocht ist. Falls es Putin schafft, US-Präsident Donald Trump beim avisierten Gipfeltreffen für sich einzunehmen, könnten die USA schnell von der Fahne gehen, gefolgt von der EU. Es würde einsam werden um die Brexit-Briten."

"Neue Osnabrücker Zeitung": "Wenn eine staatliche russische Verantwortung oder gar Täterschaft so zweifelsfrei feststeht, wie die Briten und viele andere behaupten, müsste es doch ein Leichtes sein, die Fakten darzulegen, die zu diesem Schluss führen. Man muss misstrauisch werden gegenüber der westlichen Lesart und dem mit ihr verbundenen, so unverhältnismäßig erscheinenden Ausmaß der Empörung. Schon klar, russischen Behauptungen ist ebenfalls mit Vorsicht entgegenzutreten. Aber nicht mehr und nicht weniger als den Beschuldigungen all derer, die Russland sowieso für das Reich des Bösen halten. Wenn es also Beweise gibt, dann raus damit. Wenn nicht, sollten die Ermittler ihre Arbeit machen, und zwar ohne fortlaufenden politischen Druck, der der Glaubwürdigkeit von Vorwürfen am Ende mehr schadet als nutzt."

"Tagesspiegel": "Die Kritiker in Deutschland (...) tun dabei so, als gehe es im Fall Skripal um ein Gerichtsurteil, gefällt nach einer lückenlosen öffentlichen Beweisführung. (...) Die Ausweisung der Diplomaten und auch die russische Gegenreaktion ist keine Strafe, es sind keine 'Sanktionen' mit wirtschaftlichen Folgen für die Bevölkerung Russlands verhängt worden. Es handelt sich um eine politische Botschaft an Russland. Und die lautet: Es reicht. (...) Es geht um eine konzertierte politische Antwort auf russische Manipulation, Desinformation, Übertretungen des Völkerrechts und - mit einiger Wahrscheinlichkeit, wenn auch vielleicht nicht Sicherheit - ein politisches Attentat auf dem Boden eines anderen Staates. Es geht um Vertrauen. Die Bundesregierung, die Nato, die USA haben sich entschlossen, nicht Russland, sondern Großbritannien zu vertrauen. Was sonst?"

"Nordwest-Zeitung" (Oldenburg): "Die Skripal-Affäre entwickelt sich zu einer peinlichen Posse. Peinlich für Großbritannien und die EU. Selbst das britische C-Waffen-Labor Porton Down kann die Herkunft des Giftes, mit dem der Doppelagent Sergej Skripal angegriffen wurde, nicht nachweisen. Trotzdem bleibt London auf Konfrontationskurs mit den Russen. Die Briten führen dabei angeblich unwiderlegbare Beweise an - die sie aber der Öffentlichkeit vorenthalten. Das ganze läuft zur Zeit nach dem Motto: "Beweise präsentieren wir euch nicht - aber ihr wisst doch genau, wie raffiniert und hinterhältig der Russe ist." Also bitte, London und Brüssel: Legt endlich überzeugende Beweise für die Schuld Russlands vor und kehrt so zu einem ernstzunehmenden Politikstil zurück!"

"Straubinger Tagblatt": "Der Anschlag auf europäischem Boden muss verurteilt werden, ja. Doch voreilige Schlüsse und Anschuldigungen sind da fehl am Platz, so viel auch auf Russland hindeuten mag. Was aber, wenn sich der Anschlag nie zweifelsfrei zuordnen lässt? Im Zweifel für den Angeklagten, heißt es vor Gericht. Auf internationaler Bühne gestaltet sich das mitunter schwierig."

fin DPA AFP

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