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Proteste gegen Wahlausgang in Ägypten Teufel oder Beelzebub


Viele Ägypter sind sauer. Statt einer demokratischen Zukunft haben sie nur noch die Wahl zwischen einem Islamisten und einem Vertreter des alten Regimes im Präsidentenamt. War die Revolution umsonst?
Von Manuela Pfohl

Rauchschwaden, die in die Luft steigen, Scheibenklirren, wilde Schlachtrufe von Demonstranten und Sirenengeheul. In der vergangenen Nacht dürften sich viele Ägypter wieder an den Beginn der Revolution im Januar 2011 erinnert haben. Denn ausgerechnet jetzt, da es erstmals freie Parlaments- und Präsidentschaftswahlen gab, in einem Moment, in dem eigentlich alle feiern müssten, wächst in der Hauptstadt Kairo neuer Widerstand. Der Grund: Es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass die allernächste Zukunft Ägyptens wenig mit dem zu tun haben wird, was viele junge Revolutionäre sich im vergangenen Jahr auf dem Tahrirplatz erträumten.

Schon bei den Parlamentswahlen hatten die islamistischen Muslimbrüder haushoch gesiegt, gefolgt von den Hardcore-Salafisten von Hizb al Nur. Jetzt bei den Präsidentschaftswahlen zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: In der ersten Wahlrunde erhielt der Kandidat der Muslimbruderschaft, Mohammed Mursi, mit knapp 5,8 Millionen die meisten Stimmen, überraschend gefolgt von Ahmed Schafik, der auf 5,5 Millionen Stimmen kam. Der frühere Luftwaffenchef und letzte Ministerpräsident des gestürzten Präsidenten Husni Mubarak wird als Zweitplatzierter Mitte Juni in einer Stichwahl gegen Mursi antreten. Damit ist klar: Statt einer demokratischen Zukunft steht Ägypten nun die wahlweise Regentschaft von Teufel oder Beelzebub ins Haus. So zumindest sehen es viele Revolutionäre.

Keine Einheit mehr im Widerstand

Der Schockstarre ihres ersten Entsetzens folgt jetzt die Wut. Bis zu 2000 Demonstranten hatten am späten Montagabend in Kairo das Wahlkampf-Hauptquartier von Ahmed Schafik angriffen und Feuer gelegt. In allen Zimmern der Villa wurden Computer und Möbelstücke umgestoßen oder zerstört. Gleichzeitig versammelten sich in der Nacht zum Dienstag Tausende auf dem Tahrir-Platz, um gegen den Ausgang der ersten Wahlrunde zu protestieren, die sie als unfair und nicht repräsentativ kritisierten. Auch aus anderen Städten wie Alexandria und Suez wurden Proteste gemeldet.

Fast scheint es, als ginge der Aufstand in Ägypten von vorne los. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zum vergangenen Jahr: Während damals Einigkeit herrschte, dass der gemeinsame Gegner das Regime von Husni Mubarak ist, spielen jetzt ganz unterschiedliche Interessen eine Rolle. Während ein Teil der Revolutionäre noch immer eine Demokratie nach westlichem Vorbild will, favorisieren andere vehement die "religiöse Erneuerung" des Landes unter der Führung der Muslimbrüder. Eine dritte Gruppe schließlich unterstützt die "reformistischen Kräfte", die aus der alten Regierung hervorgegangen sind und zu denen sie Schafik zählt.

Vor dem Scherbenhaufen der Revolution

Dass diese drei Gruppen sich heftig anfeinden und es schon zu Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der verschiedenen politischen Lager gekommen ist, dürfte nur den derzeit herrschenden Militärrat freuen. Schließlich hatte er mehr als einmal angekündigt, die Macht erst dann abgeben zu wollen, wenn "stabile Verhältnisse" eingetreten seien. Eine solche Militärregierung wäre allerdings das letzte, was die Ägypter gebrauchen können – und das genaue Gegenteil dessen, was sie sich mit dem Sturz Mubaraks erhofft hatten.

Viele Beobachter stehen derweil kopfschüttelnd vor dem Scherbenhaufen der Revolution und fragen sich, was schief gelaufen ist und wie es nun weitergehen soll. Die meisten Organisationen der sogenannten Revolutionsjugend neigen dazu, zur Wahl Mursis aufzurufen. Im Vergleich zum Ex-Regime-Mann Schafik betrachten sie ihn als das "geringere Übel". Doch ist er das wirklich?

Mursi steht offiziell ganz in der Tradition der Muslimbrüder, die je nach Publikum und Gelegenheit für einen Staat mit demokratischen Rechten plädieren, oder aber knallharte islamistische Positionen vertreten. Für viele Ägypter, und ganz besonders für den Großteil der bettelarmen Landbevölkerung, ist das kein Makel. Im Gegenteil. Während die jungen, gut gebildeten und gut situierten Revolutionäre in Kairo ihre Ideen von einer demokratischen Zukunft in die Welt twitterten, haben die Muslimbrüder in ebenso aufwendigen wie erfolgreichen Kampagnen gezeigt, was sie zu bieten haben: praktische Hilfe in allen Lebenslagen. Sie verteilten Lebensmittel, halfen bei Ärger mit den Behörden und organisierten medizinische Betreuung für die, um die sich sonst keiner kümmerte.

Ägypter wollen keine weitere Unterwerfung

Vielen Ägyptern schmeichelt es, wenn Mursi allen wirtschaftlichen und sozialen Niedergängen zum Trotz ein neues Selbstbewusstsein der "Grande Nation" fordert und eine Führungsrolle des Landes in der Region beansprucht. Die Aussicht einer "Einbettung in die westliche Gemeinschaft", wie ein Teil der Kairoer Revolutionäre sie forderte, kommt ihnen hingegen wie eine weitere Unterwerfung vor. Als Agitator und Gründer der "Ägyptischen Kommission gegen den Zionismus" machte der 60-Jährige zur Zufriedenheit vieler Ägypter deutlich, was von ihm außenpolitisch zu erwarten ist: kein Frieden mit Israel, kein "Diktat der USA" im Nahen Osten, keine Zusammenarbeit mit Staaten, die "die Unterdrückung des Islam" dulden. Eine Melange, die umso erstaunlicher ist, weil der Ingenieur zeitweise in den USA lebte und an einer Uni in Kalifornien unterrichtete.

Für die Zukunft Ägyptens und die #link;Stabilität in der arabischen Welt;Stabilität in der arabischen Welt# sind das mehr als bescheidene Aussichten. Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass nicht nur die Mehrheit im Parlament von den Muslimbrüdern gestellt wird, sondern auch der Präsident ein Muslimbruder ist, vereint die islamistische Organisation nahezu alle Macht auf sich. Demokratische Korrekturen dürften künftig schwer durchzusetzen sein. Die Revolution wäre dann auf ganzer Linie gescheitert. Und schlimmer noch: Die in der Revolution mühsam gewonnene Einheit des Volkes könnte in bürgerkriegsähnlicher Feindschaft verloren gehen. Die Zeichen jedenfalls stehen auf Sturm.


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