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Protestwelle in der Türkei Anatomie eines Aufstands


Natürlich gibt es Occupy-Anhänger und Globalisierungsgegner, die sich Straßenschlachten mit der Polizei liefern. Doch die Mehrheit der Demonstranten in der Türkei sind schlicht frustrierte Normalos.
Von Niels Kruse

In bester Autokratenmanier ließ er Schimpftiraden gegen die "Plünderer" vom Taksimplatz ab, nannte das Protesthauptmedium Twitter die "schlimmste Bedrohung der Gesellschaft" und verortete als Drahtzieher der Demonstrationen, natürlich, "das Ausland". Ganz ohne Zweifel: Mit seinen Reaktionen auf die Unruhen im Land hat Recep Tayyip Erdogan, Ministerpräsident der Türkei, seinen Ruf als unbelehrbar-konservativer "Sultan von Ankara" alle Ehre erwiesen. Wenn man allerdings den zahllosen Aktivisten glaubt, dann rekrutiert sich der Widerstand auf den Straßen Istanbuls, Ankaras und Izmirs aus allen Bevölkerungsschichten, allen Glaubensrichtungen und allen Ideologien.

Ein Überblick über die Akteure:

Schon jetzt ganz heiß als das Symbolbild für die Proteste der Türken gegen den Abriss des Gezi-Parks sowie gegen die Regierung Erdogans wird dieses Bild einer jungen Frau gehandelt, die am Taksim-Platz unter Tränengasbeschuss steht. Der deutschstämmige Fotograf Marco Bohr beschreibt in seinem Blog "Visual Culture", warum das Foto das Zeug zur Ikone hat: "Das Bild symbolisiert eindringlich den Aufstand in der Türkei. Eine ganz normale junge Frau, bekleidet in einem roten Sommerkleid, ohne Maske, ohne Helm oder Schutzbrille, wird von einem hochgerüsteten Polizisten mit Chemikalien angegriffen. Anders als die Frau im Vordergrund versucht sie nicht zu fliehen, sie schützt sich nicht einmal." Alle Bilder der Szene, die der Reuters-Fotograf Osman Orsal geschossen hat, wurden mittlerweile veröffentlicht. Sie zeigen, dass die Frau von dem Polizisten verfolgt und attackiert wird, obwohl sie sich offensichtlich zurückziehen will.

Querschnitt der Istanbuler Bevölkerung

Entzündet haben sich die Unruhen an einem geplanten Abriss des Gezi-Parks unweit des zentralen Taksim-Platzes in Istanbul - eine der wenigen Grünflächen in der Metropole. Auf dem Gelände sollte die Nachbildung einer alten Militärkaserne als Fassade für ein Einkaufszentrum entstehen. Wer zu Beginn in dem winzigen Park gegen den Abriss demonstrierte, zeigt dieses Video: Es ist eine kunterbunte Mischung aus jungen und alten Menschen, Studenten, Geschäftsleuten, Arbeitern, Umweltschützern - ein Querschnitt der Istanbuler Bevölkerung.

Akademische Blogs über das Wie und Warum

Natürlich, und wie so oft bei solchen Veranstaltungen, mischen sich auch die üblichen Occupy-Globalisierungsgegner unter das Protestvolk. In einem etwas soziologielastigen Beitrag beschreibt die türkischstämmige Burcu Baykurt aus den USA die Beweggründe für den unter #occupygezi firmierenden Aufstand.

Hier eine kurze Zusammenfassung

"Letzte Woche habe ich mich an dieser Stelle gefragt, warum die türkische Occupy-Bewegung erst jetzt loslegt. Hinter dem Protest von einigen wenigen verbirgt sich ein wachsender Frust, sowohl über die Transformation Istanbuls als auch über den globalen Kapitalismus. Die neoliberale Stadtplanung der Regierung erfolgt ohne Diskussion und Rücksprache, im Gegenteil, sie verdammt den Konsens geradezu."

Kurzum: Die türkische Wirtschaft boomt zwar seit Jahren, doch das Wachstum ging auf Kosten der Menschen. Sie fühlen sich von der Regierung an den Rand gedrängt, übergangen und vor vollendete Tatsachen gestellt.

Die "Taksim Plattform", eine bis zu den Unruhen eher kleine Oppositionsgruppe, die Mitsprache bei der Dauerrenovierung des zentralen Platzes einfordert, schreibt auf ihrer Homepage: Taksim ist der symbolträchtigste Platz in der Türkei. Wir fordern ein Recht auf Transparenz und Mitsprache bei seiner Umgestaltung. Die Entscheidung darüber, wie dieser öffentliche Raum aussieht und genutzt wird, ist gleichbedeutend mit einer Änderung der Verfassung."

Guy-Fawkes-Masken sind natürlich auch dabei

Obwohl viele türkische Medien nur wenig, und wenn, vor allem regierungsfreundlich über die Proteste berichten, gelangen zahlreiche Bilder über (ausländische) Agenturen oder Tumblr-Seiten wie occupygezi an die Öffentlichkeit. Seit einigen Tagen immer häufiger zu sehen: die Guy-Fawkes-Maske, sowohl Symbol für die weltweite Anonymous-Bewegung als auch für Widerstand generell.

Die Hackergruppe mischt nun offenbar auch mit, die Anti-Regierungs-Demonstrationen zu unterstützen. In einem Video erklären die Macher, dass sie aktiv am Widerstand teilnehmen werden. In dem Zwei-Minuten-Clip vergleichen sie die Regierung in Ankara mit den Regimen in China und Iran und kündigen an, die "tyrannische türkische Regierung in die Knie zwingen" zu wollen.

Hochzeit mit Gasmaske

Wie man trotz Ausschreitungen und Polizeibrutalität etwas Würde und Hoffnung behält, zeigen dieses Hochzeitspaar und seine Gäste auf der Istiklal Caddesi, einer beliebten Einkaufsmeile, die zum Taksim-Platz führt. Trotzig regen sie ihre Finger zum Peace- und Victory-Zeichen empor - und der Bräutigam trägt eine Gasmaske.


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