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Prozessbeginn in Mailand: "Bunga Bunga" ohne Berlusconi

Auf dieses Verfahren haben Italien und die Welt gewartet: Heute beginnt in Mailand der "Bunga-Bunga"-Prozess gegen Premierminister Silvio Berlusconi. Zwar wird der Lebemann noch nicht persönlich vor die Richter treten, pikante Details werden dennoch erwartet.

Der Mailänder Justizpalast wird zum Tummelplatz der internationalen Medien. Auch wenn die Staatsanwälte im Gericht keine Fernsehkameras haben wollen, so sind doch alle Scheinwerfer auf "Rubygate" gerichtet. Italiens Lebemann, Milliardär, Medienzar und Regierungschef Silvio Berlusconi muss sich wegen Sex mit minderjährigen Prostituierten bei wilden "Bunga-Bunga"-Festen in seiner Villa bei Mailand verantworten - und wegen Amtsmissbrauchs.

Wegen der absehbar pikanten Details und einer prominenten Zeugenliste ist Riesenrummel garantiert. Berlusconi gibt sich wie immer gelassen und ist dabei auffallend hektisch. Sein Showdown mit drei Richterinnen muss aber noch warten - am Mittwoch tritt der 74-jährige Cavaliere zum Verdruss der Medien wohl noch nicht vor sie.

In einem Schnellverfahren haben die Staatsanwälte der norditalienischen Metropole den Auftakt des Prozesses gegen den umstrittenen, schillernden Sohn der Stadt vorangetrieben. Wenn es jetzt um dutzendfachen Sex Berlusconis mit dem damals minderjährigen marokkanischen Escortgirl "Ruby" geht, schaut alle Welt neugierig zu - und wenn es auch nur der Aufmarsch der jungen und attraktiven Zeuginnen vor dem Justizpalast oder schlüpfrige Schmankerln sein sollten, die die Gerichtsreporter dazu erzählen.

Berlusconi im Dauer-Clinch mit der Justiz

Berlusconi, der gleichzeitig gegen ein Zerbrechen seiner Mitte-Rechts-Koalition in Rom ankämpft, nutzte die Tage vor der Prozesseröffnung zu einer medienwirksamen Vorwärtsverteidigung. Im Dauer-Clinch mit der Justiz seines Landes, derzeit in immerhin gleich vier Verfahren verwickelt, erschien er erstmals seit acht Jahren wieder einmal vor Gericht - im sogenannten Mediatrade-Vorverfahren um Steuervergehen. Alles in Ordnung, sagte er lächelnd den versammelten Fans, nur wollten die linken Staatsanwälte ihn wieder einmal zu Fall bringen. Danach trat er auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa auf, um vor den Kameras ein rasches Ende des Immigrantendramas zu verkünden.

Das sollte nach Berlusconis Blitzbesuch dann zwar doch etwas länger dauern als vollmundig von ihm verkündet - das Wetter stand für den Abtransport all der Bootsflüchtlinge aus Tunesien nicht auf seiner Seite. Der Kommunikationsguru aus dem Regierungspalazzo Chigi in Rom machte indessen ungerührt weiter auf Macher - und verbreitete Optimismus. Für den Montag vor dem Mailänder Prozessbeginn setzte er einen Flug übers Mittelmeer nach Tunis auf sein Programm, wobei er eigentlich an diesem Tag schon wieder einen Gerichtstermin hätte. Aber die medialen Nebenschauplätze sind ideal: Tunesien soll den Exodus in Booten stoppen und das Heer der 20.000 Immigranten zurücknehmen.

Regierungschef kämpft an mehreren Fronten

Diese PR-Kampagne in eigener Sache ist nicht die einzige Front, an der Berlusconi Dämme gegen die eifrigen Staatsanwälte und Richter im italienischen Norden zu bauen versucht. Am Dienstag, dem Tag vor der Prozesseröffnung im "Rubygate", bastelte seine wackelige Mehrheit im Parlament an juristischen Befreiungsschlägen für ihren Cavaliere.

Zum einen geht es um einen neuen Schutzschild, der - maßgeschneidert für ihn - mindestens zwei Verfahren gegen den Regierungschef vom Tisch fegen dürfte: Verkürzte Verjährungsfristen durch ein "Processo breve" (kurzer Prozess) würden ihn vor allem vor einer drohenden Verurteilung wegen Bestechung des britischen Anwalts David Mills bewahren. Dieser Prozess gilt als sein derzeit gefährlichster. Außerdem ging es im Parlament darum, ob höchstrichterlich geklärt werden muss, ob die drei Richterinnen überhaupt befugt sind, über einen Amtsmissbrauch des Ministerpräsidenten zu befinden.

Auch wenn es daran Zweifel geben sollte, hielte das den Prozess zunächst aber nicht auf. Also werden Berlusconis sturmerprobte Anwälte daran gehen, Verfahrenstaktik anzuwenden und mit einer illustren Liste von 78 Zeugen die Glaubwürdigkeit der jungen Marokkanerin zu untergraben versuchen: Filmsuperstar George Clooney sowie Weltfußballer Cristiano Ronaldo sollen dabei helfen. Denn auf den Festen sei es ganz züchtig zugegangen, beteuert Berlusconi. Und er meinte zu den Dutzenden junger Frauen, denen er für intime Partys Geld und Schmuck geschenkt haben soll, mit dem ihm eigenen Macho-Charme: "Schaut euch mein Alter an, das schaffe selbst ich nicht mehr." Vorhang auf also für das "Rubygate".

Hanns-Jochen Kaffsack, DPA / DPA