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Reiche Russen auf Zypern: Die Party ist vorbei

20 Milliarden Euro aus Russland sollen auf zyprischen Bankkonten liegen - das meiste dürfte mit dem EU-Rettungsplan verschwinden. Die Angehörigen der Superreichen aber werden Zypern treu bleiben.

Von Andreas Albes, Limassol

Vom Meer weht eine sanfte Brise, das Wasser leuchtet türkis in der Sonne, sanft laufen die Wellen auf den Strand. Dahinter die wohl exklusivste Baustelle, die Zypern derzeit zu bieten hat: eine Villa, drei Etagen, hohe Säulen, geschwungene Giebel, ausladende Terrassen. Die Palmen im Garten sind bereits gepflanzt. Ein Schild warnt: Kameraüberwachung. Auf dem Grundstück gibt es ferner einen Bungalow für die Bediensteten und ein Haus, in dem Gäste nächtigen können. Zum Wasser sind es keine 50 Meter. Die Anlage liegt unweit von Limassol. Bauherr ist Roman Abramowitsch, der Paradiesvogel unter Russlands Oligarchen, Sammler von Superyachten und Eigentümer des FC Chelsea.

Viele Zyprer zweifeln nun, ob Abramowitsch sein schmuckes, neues Zuhause wohl jemals beziehen wird. "Russlands Liebe für Zypern ist erloschen", titelte eine Tageszeitung, nachdem die Regierung eine Sonderabgabe auf Spareinlagen über 100.000 Euro beschlossen hat. Die Regelung entstand auf Druck der EU und soll vor allem reiche Russen treffen, die ihr Vermögen auf Zypern deponiert haben. Nach Ansicht vieler EU-Politiker handelt es sich dabei vor allem um Schwarzgeld. Da könne ruhig ein Teil einbehalten werden, um den Inselstaat vor der Pleite zu retten. Die Russen fühlen sich deshalb beraubt. An der Autobahn Richtung Süden hängt eine weiß-blau-rote Fahne mit der Losung: "Verratet eure Brüder nicht." Die Botschaft dahinter: Dank unseres Kapitals habt ihr jahrelang in Saus und Braus gelebt, jetzt wollen wir nicht für euer Missmanagement bezahlen.

Ab 20 Millionen gibt es einen zyprischen Pass

Die meisten Russen leben an der Südküste in Limassol, auch Klein-Moskau genannt. Limassol hat russische Schulen, russische Supermärkte, Restaurants und Theater. Etwa 12.000 Russen sind insgesamt auf Zypern registriert. Eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt, wer mindestens 300.000 Euro investiert, ab 20 Millionen gibt es einen zyprischen Pass. Um die 20 Milliarden Euro aus Russland sollen auf zyprischen Bankkonten liegen. Schwarzgeld oder nicht - genau weiß das niemand.

Aber alles begann in den 90er Jahren, als der Kampf um die Privatisierung sowjetischen Staatseigentums tobte, und am Flughafen von Larnaca viele Privatjets aus Moskau landeten, deren Passagiere Koffer voll mit Bargeld schleppten.

Zypern - das Land, wo Milch und Geld fließt

Christis Christoforou, Zypern-Chef des internationalen Finanzdienstleisters Deloitte, wartete damals noch mit Flugblättern auf die neureiche Kundschaft. Heute residiert er in einem Büro im neunten Stock mit Blick über die Insel und zählt viele russische Oligarchen zu seinen Freunden. Seine Mitarbeiter sind seit Tagen im Dauereinsatz, um sie mit Informationen zu versorgen. "Die Zwangsabgabe ist ein schwerer Schlag für Zypern als Finanzplatz", sagt Christoforou. Werden seine Klienten viel Geld verlieren? "Nein, das hält sich in Grenzen. Die operieren ja wie alle Weltkonzerne und halten keine großen Summen auf ihren Konten hier. Zypern dient ihnen als Transferland für Geldströme. Aber der Beschluss bedeutet einen enormen Vertrauensverlust. Unternehmer schätzen vor allem eines: Verlässlichkeit und Stabilität. Wir haben sie enttäuscht."

Die Top 200 der superreichen Russen hätten auf Zypern Firmen registriert, sagt Christoforou. Über die investieren sie ihr in Russland erwirtschaftetes Geld wieder in Russland. Das hat zwei Vorteile: Sie zahlen nur zehn Prozent Unternehmenssteuer (statt 20 in Russland). Und: Ihre Konzerne unterliegen zyprischem Unternehmensrecht. Denn der korrupten und vom Kreml kontrollierten Justiz in ihrer Heimat trauen sie nicht. Für Zypern war dieses Geschäftsmodell jahrelang so etwas wie eine Gelddruckmaschine. Die Banken erwirtschafteten den größten Teil des Bruttoinlandsprodukts. Hätten sie nicht den fatalen Fehler begangen, in griechische Staatsanleihen zu investieren - es wäre ewig so weitergegangen. Nun wird dieses System wohl zusammenbrechen.

"200 Aufträge täglich, Geld aus Zypern abzuziehen"

Neue Interessenten aus anderen Ecken der Welt sind bereits auf Zypern eingeflogen, um die enttäuschte Kundschaft zu umgarnen. Der Chef eines russischen Investmentfonds erzählt: "Ich hatte in den letzten Tagen schon Besuch aus Hongkong und Singapur. Alle wollen, dass ich meinen Firmensitz verlege. Einer bot mir an: Ab 500 Millionen Euro Jahresumsatz gibt's die Büroräume gratis." In den riesigen Anwaltskanzleien auf Zypern, wo Hunderte Wirtschaftsexperten das gigantische Netz aus Briefkastenfirmen betreuen, wird seit einer Woche rund um die Uhr gearbeitet. "Wir bekommen bis zu 200 Aufträge täglich, sämtliches Geld sofort aus Zypern abzuziehen", erzählt ein Mitarbeiter. "Viele transferieren es erst einmal ins Baltikum. Später werden sie es wohl über Dubai oder Abu Dhabi anlegen."

Dass Moskau sich weigert, Zypern aus der finanziellen Klemme zu helfen, enttäuscht die Russen. "Aber der Kreml vertraut Zypern nicht", sagt ein ehemaliger russischer Offizier, der in Nikosia lebt und enge Kontakte zu beiden Regierungen pflegt. "Moskau hat 2011 ja schon einmal mit einem 2,5-Milliarden-Euro-Kredit ausgeholfen. Und was haben sie hier damit gemacht? Ihre Beamten bezahlt." Und die seien, so beschweren sich viele Russen, mit den Jahren immer korrupter geworden. Den örtlichen Direktor des Ölkonzerns Lukoil, der 30 Tankstellen auf der Insel betreibt, sollen sie gerade sechs Monate das Einreisevisum verweigert haben, um ein saftiges Schmiergeld zu erpressen.

Das Geld geht, die Familien bleiben

Alexej Wlobojew, 40, besitzt in Limassol eine Karaoke-Bar und hat den Radiosender Russian Wave gegründet. In Russland verdiente er einst mit einer Ölraffinerie Millionen und kam vor sieben Jahren auf die Insel. "Ich werde Zypern verlassen und mit meiner Familie nach London gehen", sagt er. "Die Party ist vorbei. Zum Glück habe ich mein Vermögen bereits vor Monaten nach Großbritannien transferiert."

Juri Nikolenko, der schon zu Sowjetzeiten nach Nikosia zog und dort eine große Privatklinik betreibt, glaubt, dass am Ende nur wenige seiner Landsleute verschwinden. "Auch wenn sie ihr Geld abziehen, werden sie bleiben. Die Sonne scheint auf Zypern trotzdem noch." Unter den Einwohnern sind viele Familien russischer Oligarchen. Von den Superreichen selbst lebt keiner auf der Insel. "Aber sie schicken ihre Eltern, Frauen und Kinder hierher", erklärt Nikolenko. "Weil sie neben dem Klima die guten Schulen schätzen und vor allem, dass es auf Zypern sicher ist. Es gibt kaum Kriminalität." Alle paar Wochen landen die Multimilliardäre dann in ihren Privatjets. Ab Moskau sind es nur vier Flugstunden. Und so wird wohl auch die Abramowitsch-Villa bald bezogen. Angeblich von der Ex-Frau des Oligarchen und den gemeinsamen Kindern.