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Rio de Janeiro: Krieg für die "Friedensspiele"

In den Drogensumpf mancher Armenviertel von Rio de Janeiro traut sich die Polizei nur noch schwer bewaffnet hinein. Jetzt rückte sie sogar mit Unterstützung von Panzern an. Doch die kriminellen Banden lassen sich kaum zerschlagen - sie ziehen einfach weiter.

Rio de Janeiro, die "Cidade Maravilhosa", die wunderbare Stadt der Olympischen Sommerspiele 2016, zeigt sich von ihrer hässlichsten Seite. "Der Krieg von Rio", unter dieser Überschrift berichtete die Zeitung "O Globo" über die Kämpfe zwischen Drogenbanden und Polizei und Militär um die Kontrolle einiger der etwa 900 Favelas, der Elendsviertel der Millionenmetropole am Zuckerhut.

Die Drogenbanden sind derart mächtig und gefährlich, dass die ohnehin schon militärisch ausgerüstete Polizei erstmals Panzer und Soldaten zur Hilfe rufen musste. Nicht auszudenken, wenn die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele zwei Jahre später von Häuserkämpfen und dem Geknatter automatischer Waffen begleitet werden sollten. In dieser Woche starben Medienberichten zufolge mindestens 37 Menschen.

Die Drogenbanden gaben dieser Tage schon mal eine Kostprobe, wozu sie fähig sind. Sie blockierten wichtige Straßen und überfielen dann Autos, die im Stau steckten. Mindestens 70 Busse und andere Fahrzeuge wurden seit Montag in Brand gesetzt. Und deshalb soll das Problem der kriminellen Banden, die aus dem staatlichen Niemandsland der Favelas heraus jederzeit zuschlagen können, so schnell wie möglich beseitigt werden.

Zwar dürften sich die zur WM und zu den Olympischen Spielen erhofften Touristen-Millionen kaum in so brandgefährliche Gegenden wie den jetzt besetzten Slum Vila Cruzeiro verirren. Aber in Rio liegen die Favelas und die besseren Stadtteile so unmittelbar und krass beieinander wie in ganz Brasilien Arm und Reich nebeneinander her leben.

Die fünftgrößte Nation der Welt, die in einigen Jahren auch die fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sein will, hat bisher kein Rezept gegen die für ganz Lateinamerika typischen brutalen sozialen Unterschiede gefunden. "Belinda" wird das Land manchmal genannt, eine Mischung aus Belgien und Indien, Industrieland und Entwicklungsland zugleich. Daran haben auch die Boomjahre unter dem jetzt scheidenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva nicht wirklich etwas geändert. An die Adresse der Drogenbosse sagte Lula: "Wir werden das Notwendige tun, um den Dreck zu beseitigen, den diese Leute im ganzen Land hinterlassen." Aber das war im vergangenen Jahr.

Die Drogenbanden haben offensichtlich keine Probleme, immer wieder junge Männer aus den Armenvierteln zu werben. Eine Waffe tragen zu dürfen, Geld zu haben und wenn nicht geachtet, dann zumindest gefürchtet zu sein, ist diesen Kindern der Hoffnungslosigkeit so viel wert, dass sie die Lebenserwartung von nur etwa 25 Jahren für Gangmitglieder in Kauf nehmen. Der Motor für die organisierte Kriminalität ist ähnlich wie in Kolumbien und Mexiko der Drogenhandel. Die Illegalität des Konsums verschafft den Dealern horrende Gewinne, mit denen sie Polizisten und Politiker bestechen können. Und die Konsumenten sind nicht die Hungerleider der Favelas, sondern vor allem die schnell wachsende Mittel- und Oberschicht.

Die Hauptleidtragenden der Kämpfe zwischen Kriminalität und Staat sind wie immer die Bewohner der Slums. Verängstigt verkriechen sie sich in ihre Häuschen aus unverputzten Ziegelsteinen. Und selbst dort sind sie nicht sicher: eine 14-Jährige wurde am heimischen Computer von einer verirrten Polizeikugel tödlich getroffen. Die Schulen sind geschlossen, Krankenhauspersonal muss im Spital übernachten.

Bei der Olympiaentscheidung in Kopenhagen im vergangenen Jahr garantierte Lula 2016 "sichere Spiele". Wenn den Polizisten und dem Militär aber nicht Programme für die Schaffung von Arbeitsplätzen, Bildungsangebote und Gesundheitsdienste folgen, dann wird auch dieser "Krieg" in den Favelas wieder so ausgehen, wie so viele zuvor. Die Drogenbanden werden aus einem Slum in den nächsten vertrieben, wie am Donnerstag auf Live-Bildern des brasilianischen Fernsehen zu sehen war, mit ihren Waffen. Die kriminellen Strukturen aber bleiben. Ebenso wie die Probleme.

Jan-Uwe Ronneburger, DPA / DPA