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Robert E. Rubin: "Wir sind fast überall auf dem Holzweg"

Der frühere US-Finanzminister Robert E. Rubin über die verfehlte Wirtschaftspolitik der Bush-Regierung, Chinas Aufstieg und eine deutsche Erfolgsgeschichte

Mister Secretary, der US-Präsident wird bei dem G-8-Gipfel in Heiligendamm mit viel Gegenwind rechnen können, nicht nur in der Klimapolitik. Wo steht Ihr Land im Jahr sieben von George W. Bush?

Unsere Wirtschaftspolitik befindet sich in fast allen Bereichen auf dem Holzweg. Wir haben große finanzielle Sorgen, eine immense Schuldenlast. Wir gingen in dieses Jahrzehnt mit einem Zehnjahresüberschuss von 5,5 Billionen Dollar, und nun stehen wir mit einem ebenso großen Minus da. Mit einer ausgewogenen Wirtschaftspolitik hätte das vermieden werden können. Die Sparquote liegt bei gerade mal zwei Prozent, die Pro-Kopf-Verschuldung ist besorgniserregend hoch.

Aber...

Moment, ich bin noch nicht fertig. Unser Land leidet außerdem unter einem mangelhaften Bildungssystem und großen Problemen im Gesundheitswesen. Unsere Infrastruktur ist nicht mehr zeitgemäß, und in der Forschung sind wir zwar immer noch stark, aber unser Vorsprung vor dem Rest der Welt wird auch dort kleiner.

Das klingt fast apokalyptisch.

Es geht noch weiter. Das soziale Wohlfahrtssystem ist dringend verbesserungswürdig, und unser Rechtssystem mit all den Klagefluten führt zu Exzessen. Und so geht das in einem fort.

Aber das können Sie doch nicht alles der jetzigen Regierung anlasten.

Ich tadele das politische System als Ganzes. Und damit meine ich nicht Demokraten oder Republikaner. Es ist das System.

Auch Konservative wenden sich scharenweise von Bush ab. Den meisten ist schleierhaft, wie ein republikanischer Präsident mehr Schulden anhäufen konnte als all seine 42 Vorgänger.

Die Steuersenkungen, von denen in erster Linie die Reichen profitieren, sind sicher der Hauptgrund. Und Disziplinlosigkeit in der Ausgabenpolitik.

Wie wäre es jetzt mit Steuererhöhungen?

Das ist nicht sonderlich populär bei uns.

Aber wenn sich beim Haushaltsdefizit nichts tut, ist der große Crash doch nur eine Frage der Zeit.

Eines Tages, nicht heute oder morgen, aber eines Tages könnte der Markt sein Vertrauen verlieren und ängstlich reagieren.

Vielleicht noch in diesem Jahr?

Es gibt dafür noch kein Indiz. Denn wir haben einen immensen Strom von Kapital in unser Land, vornehmlich aus China, Hongkong und Japan und den Öl-Nationen. Die halten das System noch aufrecht.

Was wird passieren, wenn diese Investoren es irgendwann leid sind, die US-Schulden mitzufinanzieren, und ihre Zahlungen stoppen?

Sie müssen sie nicht einmal stoppen. Sie müssten - und ich hoffe, dass wir das nicht erleben und bis dahin unsere Politik korrigiert haben -, sie müssten ihren Kapitalfluss nur drosseln.

Oder, wie bereits zu sehen, sich vom US-Dollar abwenden. Einige Länder wie Saudi- Arabien wenden sich verstärkt dem Euro zu. Der Dollar ist so schwach wie seit fast 30 Jahren nicht, schon nähert sich der Euro der 1,40-Dollar-Marke.

Wir machen so viele Schulden, dass wir eben einen niedrigen Dollarkurs benötigen. Außerdem müssten wir natürlich auch mal unsere Sparquote verbessern.

Die Sparquote der Amerikaner liegt bei 2 Prozent. In Deutschland sind es 11, in China sogar 45 Prozent. Warum können Amerikaner nicht sparen?

Ich glaube, das hat kulturelle Gründe. Egal, wie viele Anreize wir schaffen - Amerikaner geben ihr Geld aus. Wir lieben es einfach zu konsumieren. Ausgeben, ausgeben, ausgeben.

Ein anderes viel beschworenes Szenario: Die Immobilienblase platzt, die USA taumeln in eine tiefe Rezession und lösen damit eine Weltwirtschaftskrise aus. Wie realistisch ist das?

Schwer vorauszusagen. Bislang sind wir ja ziemlich sanft gelandet. Aber es stimmt, einige Leute auch hier in der Citibank glauben, dass die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch ist, der Markt sich aber irgendwie noch auspendeln könnte. Die andere Fraktion bei uns glaubt, falls die Immobilienpreise fallen und damit die Verschuldung der Hausbesitzer steigt, wird das zu einem Teufelskreis führen und in einer Rezession enden. Ich bin mir nur sicher: Wenn wir in den USA diese Probleme kriegen, bekommt auch der Rest der Welt das zu spüren.

Wann rechnen Sie damit?

Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Vielleicht sind wir noch Jahre davon entfernt. Oder sie liegt schon um die Ecke.

Sie haben den Aufstieg von China und Indien mit dem Amerikas vor 100 Jahren verglichen. Steht die Welt tatsächlich vor dem größten Wandel seit der industriellen Revolution?

Absolut. Sollte China nicht stolpern, was passieren kann, aber nicht unbedingt wahrscheinlich ist, werden die Chinesen zur stärksten Wirtschaftsmacht der Welt. Es wird auf Dauer fünf große Kräfte geben: Die USA, Europa, China, Indien, Japan.

Was trauen Sie den Europäern und speziell den Deutschen da noch zu?

Ich war vor ein paar Wochen in Berlin zu einer Podiumsdiskussion und traf dort Peer Steinbrück. Sehr interessanter Mann, sehr direkt, sehr beeindruckend. In der Diskussion nach der Gesprächsrunde aber wurde nicht eine einzige Frage nach Asien gestellt. Das wäre hier nicht vorstellbar. Wenn man hier auf Wirtschaftsempfänge geht, spricht keiner über Europa. Alle sprechen über Asien.

Was folgern Sie daraus?

Meine Vermutung ist, dass sich die Westeuropäer, insbesondere Deutschland, Richtung Osteuropa orientieren. Ihr Deutschen habt ja einen gewaltigen Exporterfolg. Deutsche Waren stehen für Qualität und behaupten sich auf dem Markt. Das ist eine beachtliche Geschichte. Und dennoch: Wäre ich deutscher Politiker, würde ich mich sorgen angesichts unflexibler Arbeitsgesetze und vor allem der demografischen Entwicklung. Wir haben in den USA immerhin Einwanderung.

Deutschland versucht sich ja gerade zu reformieren - wenn auch schwerfällig.

Mag sein, aber unser System hier stärkt den Anreiz zu arbeiten. Und mein Eindruck ist, dass sich das in Deutschland immer noch anders verhält. Aber klar ist auch: Deutschland und Europa bleiben ein Powerhouse.

Zumal London New York als Finanzhauptstadt ablösen könnte.

Keine Frage, London wird weiter rapide wachsen. New York hat immer noch große Umsätze, und ich glaube, dass es genug Platz gibt für zwei großartige Finanzstandorte. Aber der Trend spricht momentan für London.

Die Kluft zwischen Arm und Reich in den USA wird immer größer. Vor etwa 100 Jahren verdiente John Rockefeller, damals reichster Mann Amerikas, 7000-mal mehr als der Durchschnittsangestellte. Heute verdienen Hedgefonds-Manager unfassbare 38 000-mal so viel.

Wenn man sieht, was Lehrer, Feuerwehrleute, einfache Arbeiter leisten, dann ist das natürlich eine ungerechte Verteilung. Der beste Weg, um die Einkommensunterschiede zu überbrücken, ist dauerhaftes wirtschaftliches Wachstum. Da könnte eine Menge getan werden. Mit einer besseren öffentlichen Schulausbildung wären die Menschen besser gerüstet und letzten Endes auch produktiver. Wenn man stärker in die Forschung investiert, katalysiert man auch ökonomische Aktivität. Aber diese größer werdende Schere zwischen Arm und Reich ist ja nicht allein ein Problem hier in den USA, sondern ein globales. In Europa ist das so, und diese Entwicklung kommt auch auf die Chinesen zu.

Interview: Michael Streck und Jan Christoph Wiechmann / print