Russischer Journalist Tod im Schneetreiben


Angeblich stürzte sich der Militärjournalist Iwan Safronow aus einem Fenster. Doch viele seiner Kollegen in Russland glauben nicht an Selbstmord. Denn er starb kurz vor dem Ende seiner Recherchen über den Waffenschmuggel in seinem Land.
Von Bettina Sengling

Der Mann hat noch wenige Minuten zu leben, als er über den Gehweg nach Hause kommt. Er trägt einen Beutel Apfelsinen in der Hand. Schneeflocken schwirren durch die Luft, es ist Anfang März, ein kalter Nachmittag im Osten Moskaus. Iwan Safronow, 51, angesehener Journalist der Tageszeitung "Kommersant", hat seinen Arzt besucht, seit ein paar Tagen ist er krankgeschrieben. Vor einer Woche war er noch in Abu Dhabi unterwegs. Die Dienstreise zur Waffenmesse Idex-2007 in den Vereinigten Arabischen Emiraten war nicht besonders angenehm. Ein Magengeschwür quälte Safronow, doch Anlass zur Sorge gebe es nicht, sagte seine Ärztin. Sie war zufrieden mit ihm, Safronow ging es besser, und die Schmerzen lassen nach. Bald will er wieder in die Redaktion.

Notarzt will nicht kommen

Safronow schlägt die Holztür seines Wohnhauses auf und gibt in die kleine Tafel am Eingang den Sicherheitscode ein, der eine zweite Tür öffnet. Das Schloss brummt kurz, die Tür springt auf, Safronow geht die Treppen hoch. Wenig später hören zwei Studentinnen, die auf dem Balkon eines Nachbarhauses rauchen, einen dumpfen Aufprall. Sie sehen einen schweren Mann, der vor einem der Eingänge von Haus Nr. 9 in der Nischegorodskaja-Straße liegt. Ihnen kommt es vor, als bewege er sich noch. Die beiden vermuten, der Mann könne betrunken sein, und rufen einen Krankenwagen. Doch der Notarzt will nicht kommen. "Wir können nicht alle Besoffenen einsammeln", sagt die Stimme am Telefon. Noch eine Stunde später liegt Safronow vor der Haustür, als würde er sich im Schnee ausruhen. Auf seinem Gesicht liegen Schneeflocken. Er ist tot.

Wieder ist ein Journalist in Russland gestorben, doch der Fall verschwindet schnell aus den Zeitungen. Selbst Safronows Redaktion zeigt öffentlich wenig Interesse an der Aufklärung des Fenstersturzes und stellt die Berichterstattung nach drei Artikeln ein. Nicht einmal gründliche Ermittlungen fordern die Kollegen in ihren Texten. Obwohl sich unter Journalisten in Moskau das Gerücht verbreitet, der Reporter sei umgebracht worden. Viele, auch im Haus des "Kommersant", glauben nicht an einen Unfall. "Ich bin mir sicher, dass Safronow umgebracht worden ist", sagt Oleg Panfilow von der Russischen Journalistenunion.

Journalisten-Tode häufen sich

13 Journalisten in Russland starben nach vorsichtigen Schätzungen in den vergangenen sechs Jahren gewaltsam – und zwar deshalb, weil sie unbequem waren. Der Fall des Militärexperten Safronow ist mysteriös. Doch das Rätsel um seinen Tod wirft ein Licht auf die Atmosphäre des Schreckens, in der nach den Morden an der Journalistin Anna Politkowskaja und dem ehemaligen Geheimagenten Alexander Litwinenko auf einmal alles möglich scheint. Und er zeigt auch, wie es Journalisten in Russland inzwischen ergehen kann, angefeindet von Behörden und Ministerien, abgeschnitten von offiziellen Informationen, bedroht durch Ermittlungsverfahren und Anklage.

Als vor Safronows Wohnhaus endlich die Polizei anrückt, tippen die Ermittler sofort auf Selbstmord. Zwischen der dritten und vierten Etage entdecken sie ein offenes Flurfenster, auf dem Boden davor kullern die Apfelsinen, seine Mütze liegt auf dem Fensterbrett. Safronow, so schließen sie, lief an seiner Wohnung im zweiten Stock vorbei, stieg die Treppen empor bis zu dem Fenster, dort stürzte er hinaus. Im Fallen streifte er das kleine Blechdach über dem Hauseingang. Er erlitt innere Verletzungen und brach sich mehrere Rippen. Qualvoll muss er gestorben sein. Am frühen Abend ruft ein Kollege aus der Redaktion bei Safronow an. Als er sich auf dem Handy nicht meldet, versuchen sie es zu Hause. Safronows Schwiegersohn nimmt ab. "Iwan ist tot", sagt er. Ilja Bulawinow, stellvertretender Chefredakteur des "Kommersant", sagt: "Wir hielten das für einen schlechten Scherz. Wir dachten, die trinken gemütlich zusammen und machen Witze." Dann fällt ihm ein, dass Safronow seit dem Magengeschwür keinen Alkohol mehr anrührt. Nach 20 Minuten rufen sie noch mal an.

Selbstmord? Safronow? Bulawinow glaubt nicht einen Moment daran. Iwan Safronow hinterließ keinen Abschiedsbrief, dafür eine Familie, die er liebte und um die er sich nach Angaben seiner Kollegen rührend kümmerte. Mehr als 20 Jahre lang war er mit Jelena verheiratet, einer Lehrerin. Sein Sohn Iwan möchte im Sommer Journalistik studieren, und Safronow setzte alles daran, ihn an der Moskauer Universität unterzubringen. Außerdem unterstützte er seine kranke Mutter, mit der sich seine Familie eine Wohnung teilt. "Er war der Ernährer der Familie", sagt Bulawinow, "er kümmerte sich um alles." Safronow selbst wollte sich aus dem Journalismus verabschieden, er bekam viele Angebote und verhandelte gerade über einen Job als Pressesprecher in einem Unternehmen. Der Reporter, den Kollegen ausgeglichen und freundlich erlebten, war kein aufbrausender Hitzkopf. "Er urteilte nie übereilt, er war bedacht, nicht spontan, er arbeitete gewissenhaft und lieferte seine Artikel immer mit Verspätung ab", sagt Safronows Chef Bulawinow.

Also Mord? An Safronow? Der Militärjournalist des "Kommersant" war kein lauter Kritiker des Putin-Regimes wie Anna Politkowskaja, die im vergangenen Oktober wohl aufgrund ihrer scharfen Berichte aus der Kriegsregion Tschetschenien ermordet wurde. Er war nicht politisch engagiert wie der ehemalige Duma-Abgeordnete Jurij Schtschekotschichin, stellvertretender Chefredakteur der Zeitung "Nowaja Gaseta", der gegen Korruption kämpfte und 2003 vermutlich vergiftet wurde. Ihn interessierten keine Wirtschaftsverbrechen wie Paul Klebnikov, den amerikanischen Chefredakteur der russischen "Forbes"-Ausgabe, erschossen 2004. Safronows Leidenschaft waren Raketen und das Weltall, sein Wissen über Kosmonautik und Waffentechnik galt in der Branche als nahezu enzyklopädisch.

Hilfreiche Vergangenheit als Ex-Offizier

Safronow kannte die Raketentruppen wie kaum ein anderer Journalist. 20 Jahre diente er als Offizier, zuletzt als Pressesekretär bei den Weltraumstreitkräften. Fast zehn Jahre lang arbeitete er danach bei "Kommersant". Seine Kontakte in die Rüstungsindustrie und zivile Raumfahrt verhalfen ihm zu exklusiven Informationen sowie einer wachsenden Zahl von Feinden. Vor seinem Tod hatte er Hausverbot bei den Raketentruppen und bei der Raumfahrtbehörde "Roskosmos". Der ehemalige Verteidigungsminister und potenzielle Putin-Nachfolger Sergej Iwanow strich Safronow wütend aus seinem Journalisten-Pool. Einmal ließ der Chef von "Roskosmos" eine Presseveranstaltung platzen, nachdem er Safronows Namen auf der Teilnehmerliste entdeckt hatte, heißt es. "Im heutigen Russland wird jeder gewissenhafte Journalist, sogar gegen seinen Willen und seine Überzeugung, ein Gegner des Regimes", urteilt der russische Militärjournalist Pawel Felgengauer.

Immer wieder klagte Safronow in seinen Texten über die "Systemkrise" der russischen Raumfahrt. Er schrieb über missglückte Satellitenstarts und technische Fehler bei der Raketensteuerung. Als einer der Ersten berichtete er über die neue Interkontinentalrakete "Bulawa", ein russisches Prestigeprojekt, das mehrmals hintereinander erfolglos getestet wurde. Die Rakete sollte von einem U-Boot im Weißen Meer bis auf ein Übungsgelände bei Kamtschatka fliegen. Doch bereits eine Minute nach dem Start stürzten die neuen Geschosse ins Nordmeer. Ärgerlich beschrieb der Reporter, wie ohne technische Veränderungen immer wieder getestet wurde, ohne Rücksicht auf die Mannschaft des U-Bootes. "Der Start gilt als geglückt", zitierte Safronow eine Quelle aus dem Flottenkommando. "Denn beim Start erlitten die Mannschaft des U-Bootes und das U-Boot selbst keinen Schaden."

Bestechungsversuche ignoriert

2005 löste Safronow mit Kollegen einen internationalen Skandal aus, als er berichtete, Russland wolle Syrien Boden-Boden-Raketen des Typs "Iskander-E " verkaufen. Israel und Amerika machten Druck. Präsident Wladimir Putin persönlich verbot den geplanten Handel mit diesen und anderen Waffen. "Roskosmos" soll Safronow 2006 ein zweites Gehalt angeboten haben – falls er sich verpflichtete, nicht mehr über sie zu schreiben. Doch der Journalist lachte die Funktionäre aus. Mehrmals bestellte ihn der Geheimdienst FSB ein. Doch der Reporter machte sich nichts daraus, behaupten Kollegen. Zahlreiche Versuche, ihn zu verklagen, endeten ohne Ergebnis.

Kurz vor seinem Tod arbeitete Safronow an einem Text über Waffenhandel. Seinen Informationen zufolge wollte Russland Kampfjets des Typs Su-30 und Mig-29 sowie "Zenit"-Trägerraketen und Boden-Boden-Raketen an Syrien und an den Iran liefern. Der geheime Deal war laut Safronows Erkenntnissen über Weißrussland geplant. Weißrussland, Reich des autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenko, gilt Beobachtern seit Langem als Drehscheibe des illegalen Waffenhandels. Vorteil für Russland: Über Weißrussland können Waffen unbemerkt und problemlos verschoben werden.

Weißrussland ist Drehscheibe des illegalen Waffenhandels

Weißrussland verkauft die Waffen angeblich aus seinen eigenen sowjetischen Reserven, sodass Rückschlüsse auf russische Waffenlieferungen kaum möglich sind. "Der Vorteil ist nicht nur, dass das nicht kontrolliert werden kann", urteilt der Militärexperte Felgengauer. "Es bringt den Lieferanten auch ungeheure Gewinne." Wer diese Gewinne wegen eines Journalisten schwinden sieht, könnte sehr wohl einen Mord begehen, lautet Felgengauers Überlegung. "Ich kenne einen Militärjournalisten, der in seiner Wohnung an einen Stuhl gefesselt und zwei Stunden lang von unseren Geheimdienstagenten verprügelt wurde." Ein ähnlicher Waffendeal flog in den 1990er Jahren auf, als Jewgenij Ananjew, einst Chef des staatlichen Rüstungsunternehmens "Roswooruschenie", militärisches Gerät nach Peru lieferte. Das Millionengeschäft wurde über Weißrussland abgewickelt. Ananjew wird wegen Geldwäsche seit 2004 international gesucht.

Auf der Waffenmesse in den Vereinigten Arabischen Emiraten, zu der die russische Delegation üblicherweise mit mehreren Hundert Mann anreist, bekam Safronow die brisanten Informationen bestätigt, heißt es im "Kommersant". Er sei allerdings gewarnt worden, den Text zu veröffentlichen. Trotzdem versprach der Journalist, den Artikel noch von zu Hause aus durchzutelefonieren. In der Redaktion kam sofort der Verdacht auf, Safronows Tod könnte mit der Waffen-Recherche zusammenhängen. Doch die Redaktion war zunächst offenbar ratlos. Der "Kommersant" meldete am nächsten Morgen nicht einmal Safronows Tod. Erst in der dritten Ausgabe veröffentlichte die Zeitung, der Militärreporter habe vor seinem Tod an einer Geschichte über Waffenschmuggel gearbeitet. "Wenn es auch nur die kleine Möglichkeit gibt, dass sein Tod mit dieser Recherche verbunden ist, musste ich das Leben derer schützen, die auch davon wussten", sagt der stellvertretende Chefredakteur Bulawinow.

"Die Wahrheit werden wir nie erfahren"

Doch nach zwei Artikeln über Safronows Tod und einem über die Beerdigung endete die Berichterstattung des "Kommersant". Manche führen es darauf zurück, dass die Zeitung seit vergangenem August dem Kreml-freundlichen Metall-Magnaten Alischer Usmanow gehört, der zudem Generaldirektor einer Tochterfirma des staatlichen Gasgiganten Gasprom ist. Dabei hatten die Kollegen in ihren Texten sogar spekuliert, Safronow seien bewusstseinsverändernde Drogen verabreicht worden. In den letzten Tagen vor seinem Tod sei er ohne erkennbaren Grund bedrückt gewesen. Ein toxikologisches Gutachten ist in Auftrag gegeben. Angeblich sollen die Ergebnisse in einem Monat vorliegen. Doch "die Wahrheit" über Safronows Tod, sagt Bulawinow, "werden wir vermutlich nie erfahren".


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