HOME

Schulanfang in Gaza: Unterricht zwischen Flüchtlingen und Trümmern

Im Gaza-Streifen startet das neue Schuljahr - doch in den Schulen leben Flüchtlinge, die Gebäude sind zerbombt oder von Blindgängern übersäht. Die Kinder wissen: Einige Freunde kommen nicht zurück.

Schule voll mit Flüchtlingen: Während der Schulanfang naht, wohnen tausende Palästinenser in den Schulen, wo sie Schutz vor den Raketen aus Israel suchten

Schule voll mit Flüchtlingen: Während der Schulanfang naht, wohnen tausende Palästinenser in den Schulen, wo sie Schutz vor den Raketen aus Israel suchten

In diesen Sommerferien gab es für Kinder in Gaza und Israel keinen Alltag - das Leben war vom Krieg bestimmt. Der Rückkehr in die Schule sehen Eltern und Kinder nun trotz Waffenruhe mit Ängsten entgegen.

Für den zwölfjährigen Mohammed Fattum aus Gaza gehen am Montag die schlimmsten Sommerferien seines Lebens zu Ende. Doch von seiner Schule im Sadschaija-Viertel sind nach 50 Tagen Krieg nur noch Trümmer übrig geblieben. "Ich vermisse meine Schule und meine Klassenkameraden", sagt der Junge, der vor mehr als einem Monat mit seiner Familie in einer UN-Schule im Westen der Stadt Schutz vor den Bombardements gesucht hatte. "Ich hoffe, dass ich in einer anderen Schule lernen kann, bis sie unsere Schule wiederaufgebaut haben."

Große Sorgen überschatten den Schulanfang

Israel und die im Gazastreifen herrschende Hamas haben zwar eine dauerhafte Waffenruhe vereinbart. Dennoch ist für Eltern und Kinder im Gazastreifen und in Israel der Beginn des neuen Schuljahrs am 1. September von großen Sorgen überschattet. Die Zahl der Schüler in Israel beträgt etwa 1,5 Millionen, im Gazastreifen rund 500.000.

Die 43-jährige Neta Aloni aus der landwirtschaftlichen Kommune Avigdor im Süden Israels ist mit ihrem Mann und ihren vier Kindern vor dem Raketenhagel nach Tel Aviv geflüchtet. "Unsere Ortschaft ist (anders als Tel Aviv) nicht von dem Raketenabwehrsystem Eisenkuppel geschützt", sagt die dunkelhaarige Frau. Sie hat vor der Rückkehr der Kinder in die Schule gemischte Gefühle. "Sie müssen auf jeden Fall wieder eine normale Routine haben, das wird ihnen guttun", sagt sie. Auf der anderen Seite mache sie sich große Sorgen, dass die Gewalt wieder neu anfangen könnte.

"In unserer Schule lernen etwa 700 Kinder, die bei Raketenalarm innerhalb von 45 Sekunden alle in den Luftschutzbunker laufen müssen", erzählt sie. "In der Vergangenheit gab es dabei viel Gedränge und Verwirrung, einige Kinder haben angefangen zu weinen." Solche Erfahrungen seien traumatisch, meint sie.

Ihre 14-jährige Tochter Ela will nicht zurück in die Schule. "Wegen der Raketen und wegen der Schule an sich", sagt der Teenager mit den langen dunkelblonden Haaren lächelnd. Ihr jüngerer Bruder, der elfjährige Uri, ist sich sicher, dass der Raketenbeschuss weitergehen wird. "Wenn nicht jetzt, dann vielleicht wieder in eineinhalb Jahren. Solange die Hamas in Gaza herrscht, wird sich daran nichts ändern." Nur das fünfjährige Nesthäkchen Ohad sagt, er mache sich keine Sorgen. "Warum sollte ich Angst haben? Ich bin mutig!", sagt der blonde Junge fast trotzig.

In Schulen suchen 300.000 Palästinenser Schutz

Die meisten israelischen Schulen, vor allem in den Grenzorten zum Gazastreifen, haben Bunkerräume. Im Gazastreifen gibt es keinen solchen Schutz für die Schüler. Rund 500 Kinder und Jugendliche sind laut Unicef bei den Kämpfen getötet worden, etwa 3000 wurden nach palästinensischen Angaben verletzt. In mehr als 80 UN-Schulen haben zum Kriegsende mehr als 300.000 Palästinenser Schutz gesucht. Viele von ihnen müssen dort noch bleiben, weil ihre Häuser zerstört sind. Auch auf Schulen gab es immer wieder Angriffe.

Siad Thabet, Leiter des Erziehungsministeriums in Gaza, sagte zum Beginn des Schuljahres: "Wir werden unser Bestes geben, um das Problem der Flüchtlinge zu lösen, die Kriegsschäden zu reparieren und Blindgänger zu entschärfen." Erst danach könnten Kinder in den Klassen unterrichtet werden.

Der 14-jährige Ahmed al-Fassis besucht eine UN-Schule im Schati-Flüchtlingslager. "Ich bin so traurig über alles. Ich bin traurig, weil ich Freunde und Klassenkameraden verloren habe und ich bin traurig über diese ganze Zerstörung." Er vermutet dahinter einen israelischen Plan: "Sie wollen, dass wir keine Bildung bekommen, und dass wir für den Rest unseres Lebens in Armut in Zelten leben." In den Ferien wollte er eigentlich am Meer Fußball spielen. Aber der Krieg habe alle seine Pläne zunichtegemacht. "Ich bin die ganze Zeit zu Hause geblieben, weil ich Angst hatte, dass die israelischen Raketen mich und meine Familie töten werden."

Wie in einem Spiegelbild haben die Menschen auf der anderen Seite der Grenze ähnliche Gefühle. Neta Aloni findet es unerträglich, "dass unsere Sicherheit von den Launen der Hamas-Führung abhängt". In den Grenzorten, wo Mörsergranaten nur mit wenigen Sekunden Vorwarnung einschlugen, sei alles noch schlimmer. Ein Umzug in einen anderen Teil Israels oder gar ins Ausland kommt für sie aber nicht in Frage, obwohl sie gerade deutsche Pässe beantragt hat. Ihre Familie mütterlicherweise stamme aus Breslau, erzählt sie. "Wir sind in unserer Kommune tief verwurzelt." Dennoch habe sie das Gefühl, "am Rande eines Vulkans" zu leben. "Das Einzige, was das ändern kann, ist ein Friedensabkommen mit den Palästinensern. Vielleicht kommt das ja irgendwann", seufzt sie.

Sara Lemel und Saud Abu Ramadan/DPA / DPA