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Serie Teil 2: Von 230 n. Chr. bis 1918: Im Zeichen des Halbmonds

Das mächtige Reich der Sassaniden wird von den Arabern überrannt. Die Kalifen gründen Bagdad. Dann kommen mit den Mongolen Zerstörung und Niedergang. Unter den Osmanen ist das Land nur noch Provinz, bis 1918 der Irak entsteht.

Edelsteine funkeln im Thronsaal der Sassaniden-Könige von vergoldeten Wänden: Inmitten dieser Pracht wirken die vierzehn hageren Gestalten in ihren staubbedeckten Reiterüberhängen völlig fehl am Platz. Herablassend fragt König Yazdegird III., was sie wollen. "Wir waren Menschen, die im Irrtum lebten", antwortet ihm einer der Männer. "Da erbarmte sich Allah unser und schickte uns einen Propheten unserer Rasse, der uns vor seinem Tod ermahnte, gegen alle Krieg zu führen, die nicht unserer Religion seien. Wenn du dein Königreich behalten willst, dann tritt zu unserem Glauben über oder zahle uns zumindest Tribut, falls du den wahren Glauben schon nicht annehmen willst. Tust du keines von beiden, bereite dich zum Kampf."

"Ich habe auf der Erde viele Völker gesehen"

, gibt der Sassaniden-König lachend zurück, "elendere Figuren als euch aber nie. Mäuse und Eidechsen sind eure Nahrung, und eure Kleidung ist nur aus Schaffellen oder Kamelhäuten, und ihr wollt in mein Land einfallen oder Tribut von mir haben? Hier, was ihr haben könnt, ist Erde, die dürft ihr zu eurem Herrn nach Hause tragen!" Jeder der Gesandten wird gezwungen, einen Sack Lehm auf den Kopf zu nehmen; dann werden sie unter Gejohle aus Ktesiphon getrieben. Wie versprochen kommen die hageren Männer wieder. 20000 sind es diesmal, fanatische Kämpfer für Allah und seinen Propheten Mohammed. In einer drei Tage währenden Schlacht besiegen die abgerissenen Wüstenkrieger 636 nach Christus bei Kerbala die Elitetruppen der Sassaniden. Die Hauptstadt Ktesiphon, von ihren Bewohnern fluchtartig geräumt, fällt kampflos in die Hände der Eroberer.

Der Feldherr der siegreichen Araber zitiert im menschenleeren Palast aus dem Koran: "Wie viele Gärten und Brunnen sie verlassen haben und Dörfer mit ihren fruchtbaren Feldern. Und weder Himmel noch Erde haben sie beweint." Das glänzende Sassaniden-Reich, rund vierhundert Jahre eine Großmacht im Nahen Osten, hat aufgehört zu existieren. Im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris weht von nun an die grüne Fahne des Propheten.

Das persische Geschlecht der Sassaniden

hatte die Herrschaft über Mesopotamien etwa um 230 nach Christus übernommen. Ihre Streitkräfte waren stark, hielten 260 bei Edessa selbst den Römern stand, der besten Armee der Antike. So stolz ist König Schapur I. auf diesen großen Sieg, dass er ihn gleich in fünf verschiedenen Fels-Reliefs verewigen lässt. Hier er, der Sieger, hoch zu Ross, und vor ihm, demütig auf den Knien, der römische Kaiser.

Wie so oft in Mesopotamien versuchen auch die Sassaniden-Könige einerseits Straßen und Brücken zu bauen, sie legen neue Häfen an, fördern Handwerk und Handel. Andererseits sind sie Despoten mit uneingeschränkter Gewalt über Leben und Tod.

Beinahe jeder neue Herrscher ermordet gleich nach der Thronbesteigung sämtliche nahen Verwandten - um mögliche Konkurrenz aus dem eigenen Haus ein für alle Mal auszuschalten. Kritik am König ist lebensgefährlich. Als ein Hofschreiber auf ausdrückliche Aufforderung des Königs Chosroe I. über eine geplante Steuer unverblümt seine Meinung sagt, befiehlt der Herrscher wütend den anderen Schreibern: "Schlagt ihn mit dem Schreibzeug tot!" Ein anderer Monarch ist erbost, dass ein Christ bei einem Verhör nicht unterwürfig genug erscheint. "Er soll nicht sterben wie alle Menschen!", schreit der König. "Weil er meine Majestät verachtet hat, reißt ihm die Zunge von hinten durch den Hals heraus."

Die Willkür ist in jeder Hinsicht masslos. Bahram II. ordnet die Hinrichtung eines Dieners an, weil ihm etwas Soße aus einer Terrine auf die Hand getropft ist. Da packt der Mann die Schüssel und kippt sie dem König voll über das herrscherliche Haupt: "Wenn ich schon hingerichtet werde, dann soll es sich wenigstens rentieren." Bahram II. muss lachen und schenkt dem Mann das Leben.

Während der Regierungszeit von König Kavad

(488-531 n. Chr.) erhält ein Prediger namens Mazdak ungeheuren Zulauf. Vor allem den Armen gefällt seine Lehre: Alles Böse wurzele in Elend und Neid. Daher müsse man das Privateigentum abschaffen, die Reichtümer müssten gerecht auf das gesamte Volk verteilt werden. Auch die Frauen der Reichen müsse man für eine gewisse Zeit den Armen überlassen. Diese Form des sozialen Ausgleichs treibt Mazdak auf die Spitze: Wer eine hässliche und zänkische Gattin habe, solle sie vorübergehend für eine schöne und sanfte Frau eintauschen können. Und die mit den schönen Frauen müssen teilen.

Der König unterstützt die neue Lehre, weil er die Macht des Adels brechen will. Doch der putscht und wirft den Herrscher ins Gefängnis. In einen Teppich eingerollt, schmuggelt Kavads Frau ihren Mann aus dem Kerker. Der König, ein nüchterner Realpolitiker, verbündet sich mit den Adeligen. Bei einer Kundgebung umzingeln seine Soldaten die Mazdakisten und metzeln sie nieder. Der Gründer der Bewegung stirbt - da sind sich die antiken Geschichtsschreiber nicht einig - entweder am Galgen, unter dem Henkersbeil oder in einem Kessel mit siedendem Pech. Die antike Welt ist wieder im Lot.

Bald darauf fegen die Araber

das Sassaniden-Reich im Namen Allahs hinweg. Staunend stehen die Wüstenkrieger nach ihrem Sieg im Palast von Ktesiphon vor der Königskrone. Sie besteht aus mehr als einem Zentner Gold, in das blutrote Rubine eingelassen sind und Perlen, angeblich so groß wie Rabeneier. So schwer ist diese Krone, dass sie an einer langen Goldkette von der Decke herunterhängt, bei Audienzen im Thronsaal nimmt der Herrscher darunter Platz.

Das fruchtbare Land an Tigris und Euphrat wird sofort zum Zankapfel all derer, die sich als rechtmäßige Nachfolger des Propheten betrachten. Vor der Moschee in Kufa am Euphrat wird 661 Kalif Ali, ein Vetter Mohammeds, ermordet. Seine Anhänger erkennen den neuen Kalifen nicht an, der Islam spaltet sich in Sunniten und Schiiten, die Anhänger Alis. Ein Schisma, das die gesamte muslimische Welt und den Irak bis heute teilt.

Etwa hundert Jahre können sich die sunnitischen Omaijaden, denen man Alis Tod anlastet, als Kalifen in Damaskus behaupten. In diesen hundert Jahren erobern ihre Heerführer ganz Nordafrika, Spanien, den asiatischen Osten weit über den Iran hinaus, und sie stoßen bis an die Mauern von Konstantinopel vor, der Hauptstadt des Oströmischen Imperiums. Doch die Herrschaft über ihr junges Weltreich zerbricht von innen. Anhänger der so genannten Abbasiden, die sich auf Mohammeds Onkel Abbas berufen, überrennen von Persien her die Armeen und Städte des Omaijaden-Kalifen. 749 erobern sie Kufa und rufen einen Abkömmling Abbas zum neuen Kalifen aus. Sein besiegter Gegenspieler flieht nach Ägypten und wird in einem Hinterhalt umgebracht.

Für die Abbasiden ist eines vom ersten Tag an klar: Damaskus, wo die verhassten Omaijaden regierten, soll nicht ihre Hauptstadt sein. Sie wollen vom Irak aus herrschen, der Provinz, die der Familie Mohammeds stets die Treue gehalten hat und außerdem die meisten Steuergelder in die Staatskasse zahlt. 758 begibt sich Kalif Mansur ("Der Siegreiche") auf die Suche und macht am Westufer des Tigris Halt. Hier will er die neue Hauptstadt des Islams gründen. Die Lage scheint ideal. Der Fluss ist eine natürliche Barriere nach Osten, ein weit verzweigtes Netz von Kanälen im Süden garantiert gute Nachschubmöglichkeiten im Fall einer Belagerung. Das Umland ist fruchtbar, und Malariamücken gibt es kaum.

Schon vier Jahre später kann Mansur seinen neuen Regierungssitz Bagdad beziehen. Rund hunderttausend Menschen haben daran gearbeitet, den kreisrunden Bauplan des Kalifen umzusetzen. Der Kulturschock der Söhne Mohammeds über die luxuriöse Zivilisation zwischen Euphrat und Tigris ist längst verflogen. Die islamischen Herrscher stehen den Sassaniden-Königen in ihrer Prachtentfaltung nicht nach. Mansurs "Palast des Goldenen Tors" hat eine zweihundert Meter lange Vorderfront und einen Audienzsaal, den eine riesige grüne Kuppel überwölbt. Kurz vor seinem Tod vertraut Mansur seinem Nachfolger die drei Grundregeln seines Erfolgsrezepts an: "Erstens: Klug ist nicht der, der eine Krise meistert, sondern jener, der sie voraussieht und ihr zuvorkommt. Zweitens: Ihr werdet so lange groß und siegreich sein, wie Eure Schatzkammer gefüllt ist. Drittens: Lasst nicht zu, dass Eure Frauen in der Politik mitmischen."

Unter Mansurs Enkel Harun al-Raschid (786-809), den wir alle aus Tausendundeiner Nacht kennen (siehe Kasten Seite 65), erreichen Bagdads Macht und Glanz ihren Höhepunkt, vergleichbar nur mit dem Rom der Antike oder dem Paris unter Sonnenkönig Ludwig XIV. Besuchern aus dem auch nicht gerade bescheidenen Konstantinopel und noch viel mehr jenen aus dem ärmlichen, primitiven Reich der Franken unter Karl dem Großen verschlägt es angesichts der Gärten den Atem. Da gibt es Blumenrabatten, die so arrangiert sind, dass sie berühmte arabische Gedichte abbilden; Bäume, deren Stämme mit juwelenbesetzten Edelmetallen bedeckt und deren Blätter mit Gold oder Silber überzogen sind. In einer Stallung aus Marmor stehen 500 Stuten mit Gold- oder Silbersätteln und 500 weitere, die in Brokatdecken gehüllt sind. In einem anderen Palastflügel tummeln sich hundert Löwen.

Bei Empfängen sitzt der Kalif

mit gekreuzten Beinen auf einem Seidenbett unter einem Baldachin, ein durchscheinender Seidenvorhang schirmt ihn vom Rest der Sterblichen ab. Wer hinter diesen Vorhang treten darf, hat dem Kalifen Hände und Füße zu küssen. Wer in seiner Gunst steht, wird reich und bedeutend. Wer in Ungnade fällt, kann sich am besten gleich von einem Sklaven mit der Seidenschlinge erdrosseln lassen.

Der Harem Harun al-Raschids ist im Vergleich zu dem seiner Nachfolger spärlich bestückt. Ganze zweihundert Frauen sind allzeit für ihn bereit, aber nur zwanzig gebären ihm ein Kind. Die Eunuchen für dem Frauentrakt werden meist schon kastriert in Europa eingekauft, schwarze Sklaven hingegen operiert man lieber im Lande "am Unterbauch", damit sie keinen bleibenden Schaden anrichten können. Der Islam ist noch eine sinnenfrohe Religion: "Wann immer ihr den Geschlechtsakt vollzieht, gebt ihr ein Geschenk!" lautet ein Spruch, der Mohammed zugeschrieben und in Bagdad emsig befolgt wird.

Seinen Reichtum zur Schau zu stellen gilt nicht nur für den Kalifen als schicklich. Auch dabei hilft ein passendes Prophetenwort: "Wenn Allah jemandem Reichtum schenkt, dann möchte Er, dass man ihn auch sieht." So entstehen in Bagdad nach und nach über zwanzig Paläste, werden die Flussufer und die vielen Kanäle mit Brücken verbunden. Haruns Nachfolger lassen sich prächtige Barken für den Tigris bauen. Der Kalif Amin hat sechs Boote in der Form von Tieren: Adler, Löwe, Pferd, Elefant, Delfin und Schlange.

Die Wissenschaften erreichen eine Blüte, von der das Abendland nicht einmal träumen kann, weil es einfach zu wenig weiß. Während die Feldschere in Europa Amputationen mit dem Hackebeil vornehmen, haben die Ärzte in Bagdad bereits raffinierte Methoden zur Hand, den Schmerz zu betäuben und die Patienten tatsächlich am Leben zu erhalten. Mathematiker entwickeln das Dezimalsystem und die Lehrsätze der Algebra. Arabische Philosophen und Wissenschaftler nehmen das Gedankengut der Antike auf, übersetzen es und entwickeln es weiter.

Kühne Geister im Orient wagen sogar, Aristoteles infrage zu stellen. Im christlichen Europa sind dessen Schriften, weil von der katholischen Kirche abgesegnet, unangreifbar - selbst wenn darin behauptet wird, Eintagsfliegen hätten vier Beine. "Das Ärgerliche bei den meisten Leuten ist der außerordentliche Respekt, den sie den Ideen des Aristoteles zollen. Sie akzeptieren seine Meinungen wie Wahrheiten ohne Fehl und Tadel, und all das, obwohl sie wissen, dass er nie etwas anderes tat, als Theorien aufzustellen, so gut er eben konnte", bemerkt ein arabischer Kritiker.

Wahrscheinlich im Jahr 800 schickt

Harun al-Raschid zwei Gesandte zu Karl dem Großen. Sie sollen ausloten, wie weit das Reich der Franken als Verbündeter gegen die Byzantiner in Konstantinopel zu gebrauchen ist. Die konkreten Ergebnisse sind mager. Doch der Elefant Abu l?Abbas, den Harun al-Raschid Kaiser Karl nach Aachen schickt, beeindruckt die Franken zutiefst. Der Dickhäuter überlebt im nasskalten Norden immerhin bis 810. Zum Osterfest lädt Karl die beiden Botschafter des Kalifen an seine Tafel ein, "doch angesichts der wunderbaren Dinge, die sie sahen, verschlug es ihnen den Appetit", glaubt treuherzig der fränkische Hofchronist, der von den sensiblen Gaumen der Höflinge aus dem Morgenland keine Vorstellung hat. Dort trinkt man nicht Bier zum Schweinsbraten, sondern sprüht über erlesene Lebensmittel mit Moschusöl versetztes Wasser, um die Raffinesse des Geschmacks noch zu steigern.

Luxus und Verschwendung am Hofe zu Bagdad haben ihren Preis. Die Kalifen müssen immer höhere Steuern einfordern. Obwohl ihr Kernland Mesopotamien fruchtbar und wohlhabend ist, verarmt der Mittelstand. Unruhen und Aufstände vor allem in den Randprovinzen sind die Folge. Die Armeen Haruns, die mehr und mehr aus persischen oder türkischen Söldnern bestehen, schlagen zwar alle Revolten nieder. Doch der Einfluss des Militärs auf die Staatsgeschäfte steigt schon zu Lebzeiten Haruns bedenklich.

Bei Strafaktionen gegen seine Feinde

zeigt sich der alternde Kalif, den melancholische Verse noch immer zu Tränen rühren, von seiner grausamen Seite. In der Ostprovinz Khorasan lässt er 809 einem Aufrührer durch einen Metzger bei lebendigem Leibe die Knochen aus dem Fleisch lösen und ihn dann in Stücke schneiden. Kurz darauf stirbt der prächtigste der Kalifen mit den wehmütigen Worten: "Alles, was lebt, muss vergehen. Alles, was jung ist, muss alt werden. Seht, was das Schicksal aus mir gemacht hat!"

Fünfzig Jahre später sind die Kalifen von den Militärs faktisch entmachtet. Fortan haben die starken Männer aus persischen oder türkischen Geschlechtern, die sich auf ein treu ergebenes Heer stützen können, das Sagen. Der Kalif ist nur noch religiöse Autorität - nützliche Galionsfigur für die Einheit der muslimischen Welt. Im 10. Jahrhundert übernimmt eine schiitische Generals-Clique die Macht, doch auch sie behält das sunnitische Kalifat als Aushängeschild bei.

Erst die türkischen Seldschuken geben dem Kalifat wieder größere Freiräume. Bagdad erlebt eine neue Blüte in Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft. Um 1200 versucht Kalif al-Nasir die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten zu überbrücken und so die innere Zerrissenheit der muslimischen Welt zu überwinden. Doch bevor diese Reformbewegung Früchte tragen kann, wischt ein asiatisches Reitervolk den späten Glanz des Reichs aus Tausendundeiner Nacht ein für alle Mal hinweg. 1258 steht Hülägü mit seinen Truppen vor den Toren von Bagdad.

Kalif al-Mustasim ist allerdings

so von der Erhabenheit und Unverletzlichkeit seines Amtes durchdrungen, dass er dem heranziehenden Feldherrn, einem Enkel Dschingis Khans, ausrichten lässt: "Wie kann sich Hülägü erfrechen, das Haus der Abbasiden anzutasten. Seinesgleichen hat dieses Haus schon viele erlebt." Die Mongolen belagern Bagdad nur eine Woche. Dann stürmen sie die Stadt. Fast alle Muslime werden niedergemetzelt, "durch die Dachrinnen floss das Blut auf die Gassen". Nur die ganz wohlhabenden Bürger kaufen sich frei, Christen und Juden verschont Hülägü.

Der Eroberer stellt eine Schale mit Goldstücken vor den gefangenen Kalifen: "Friss!" "Gold kann man nicht essen", antwortet sein Gefangener. "Warum hast du es dann gehortet", fragt der Mongole schneidend, "statt es deinen Soldaten zu geben? Warum hast du aus diesen eisernen Türen keine Speerspitzen schmieden lassen?" Hülägü befiehlt, die Ehefrauen, Konkubinen und Sklaven des Kalifen unter seinem Heer aufzuteilen. Dann verlassen die neuen Herrscher die Stadt, den Kalifen nehmen sie mit. In einem Dorf unweit Bagdads "trifft der Abbaside sein Ende", wie es ein muslimischer Geschichtsschreiber ausdrückt. Weil sie Angst haben, das Blut eines gekrönten Hauptes würde über sie kommen, bringen die Mongolen al-Mustasim unblutig um. Sie stecken ihn in einen Sack und trampeln so lange auf ihm herum, bis der letzte der Abbasiden tot ist.

Mit seinem Tod ist auch Bagdads Zeit als Hauptstadt der arabischen Welt vorbei. Die Metropole am Tigris verkommt zur Provinzstadt. Bis ins 20. Jahrhundert wird von hier aus niemand mehr regieren. Die so genannten Il-Khane herrschen über ihr Reich vom Iran aus. Da sie Kultur und Religion der Besiegten übernehmen, kann Mesopotamien auf friedliche Tage am Rande der Weltgeschichte hoffen.

Doch um 1400 bricht eine zweite Katastrophe

aus Innerasien über den Irak herein. Ein tartarischer Lokalfürst im fernen Afghanistan hat sich in den Kopf gesetzt, wie einst Dschingis Khan Herr aller mongolischen Reiche zu werden und dann den Erdkreis zu erobern. Der Mann heißt Timur, trägt den Beinamen "der Lahme", weil er seit einem Reitunfall hinkt, und hat eine ganz einfache Philosophie für den Rest der Welt: "Entweder ihr unterwerft euch, oder ich bringe euch um!"

Innerhalb von 30 Jahren raubt, brennt und mordet sich Timur ein Reich zusammen, das von Moskau bis nach Indien und Kleinasien reicht. Auch Ahmad, den Regenten von Bagdad, fordert Timur zur Unterwerfung auf. "So wie es nur einen Gott im Himmel gibt, kann es auch auf der Erde nur einen Herrscher geben." 1393 erobert Timur Bagdad und lässt für seine Verhältnisse Milde walten. Ahmad kann entkommen, seine Angehörigen sowie berühmte Gelehrte und Künstler werden nach Samarkand deportiert, in die Hauptstadt von Timurs Großreich.

Timur gebärdet sich als Beschützer

der Rechtgläubigen. Er befiehlt, die Weinvorräte, die Ahmad reichlich angelegt hatte, in den Tigris zu schütten. Dann geht er gegen die Kleinfürsten im Umland vor, die ihren Luxus als Raubritter finanzieren. Er erobert ihre Burgen. Allen Verteidigern lässt er die Köpfe abschlagen und sie zu Schädelpyramiden aufschichten.

1401 kehrt Timur nach Bagdad zurück. In höchstem Zorn, denn Ahmad hat sich wieder in der Stadt eingenistet. Erneut flieht er vor den anrückenden Tartaren. Diesmal kennt Timur kein Gnade. "Es erging der Befehl, alle zu töten. So geschah es, und der achtzigjährige Greis wie der achtjährige Knabe, sie alle wurden auf dem Bazar des Zorns zum selben Preis gehandelt - Orkan herrscherlicher Missachtung begann zu brausen und versenkte ihr Lebensschiff in den Fluten des Verderbens", schildert ein zeitgenössischer Chronist das große Schlachten. Dann wurde die Stadt in Trümmer gelegt.

Von diesem Schlag kann sich Bagdad jahrhundertelang nicht erholen. Zwar stirbt Timur knapp vier Jahre später, und sein Reich zerfällt noch rascher, als es entstanden war. Doch Mesopotamien ist ausgeblutet. 1437 schreibt der Historiker al-Makrizi über Bagdad, man könne es eigentlich keine Stadt mehr nennen. Es liege in Ruinen, weder eine Moschee noch ein Bazar existiere, die Mehrzahl seiner Kanäle sei verschüttet. Anfang des 17. Jahrhunderts zählt die glänzende Stadt Harun al-Raschids ganze 15 000 Einwohner, Mitte des 19. Jahrhunderts sind es gerade mal 40 000.

Von 1500 an streiten der Sultan

in Konstantinopel und der Schah von Persien etwa hundert Jahre lang um den heutigen Irak. Einmal gehört Bagdad den schiitischen Iranern, dann wieder geht die Stadt an die sunnitischen Türken. 1631 setzen sich die Türken endgültig zwischen Euphrat und Tigris fest. Die Perser versuchen noch einmal eine Rückeroberung. Sie endet 1683 mit einem fast romantischen Duell, das beide Seiten an Stelle einer Schlacht als Entscheidung akzeptieren. Die Perser bieten einen herkulischen Krieger auf, bei den Türken greift Sultan Mehmed IV. selbst zum Krummsäbel und spaltet dem Gegner mit einem Streich Helm und Haupt.

Im Orient reicht der osmanische Einfluss nun von Algier bis Konstantinopel. Auch im Abendland scheint der Siegeszug der Türken unaufhaltsam. Erst vor den Toren Wiens werden sie 1683 gestoppt. Und bei der Behauptung ihrer europäischen Bastionen reiben sie sich in der folgenden Zeit auf, langsam aber sicher.

Mit dem Niedergang des Osmanischen Reichs verfällt auch die hohe islamische Kultur im Zweistromland. Im Schatten der türkischen Politik versinkt der heutige Irak in Lethargie. Erst als "der kranke Mann am Bosporus" schon todkrank ist und die europäischen Großmächte dessen Erbe zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter sich aufteilen, tritt der Irak wieder ins Licht der Geschichte: als Beutegut.

Die Ersten, die ein Auge auf

den Nahen Osten werfen, sind die Deutschen. Sie wollen mit der alteingesessenen Kolonialmacht England wetteifern. 1903 beginnen sie mit dem Bau der berühmten Bagdadbahn, die von Anatolien bis in die alte Hauptstadt Mesopotamiens führen soll, zu Beginn des Ersten Weltkriegs aber nur bis zur türkisch-syrischen Grenze fertig gestellt ist (siehe Kasten Seite 66). Im ersten modernen, motorisierten Krieg wird Öl zu einer entscheidenden Waffe. Die reichen Petroleumlager um Basra und Mosul sind von strategischer Bedeutung. 1914 besetzt ein britisches Expeditionskorps Basra und sichert sich damit die Ölfelder am Schatt el-Arab. Doch als die Briten weiter gegen Bagdad vorstoßen wollen, werden sie 1916 von einer türkisch-deutschen Armee besiegt, 17000 englische Soldaten geraten in Gefangenschaft und mit ihnen 6000 arabische Separatisten der Geheimgesellschaft Al-Ahd aus Bagdad, die den Moment als günstig angesehen hatten, sich vom Osmanischen Reich loszusagen - die ersten Vorkämpfer für einen unabhängigen Irak.

Wenig später bricht die arabische Revolte endgültig los. Sie beginnt mit einem symbolischen Gewehrschuss auf die türkische Kaserne in der heiligen Stadt Mekka. Anführer ist Sharif Hussein bin Ali, einer der höchsten Würdenträger des Islam. Die Briten unterstützen den Aufstand. Sir Henry McMahon, britischer Hochkommissar in Ägypten, sagt Hussein in einem Briefwechsel ein "Königreich Arabien" zu, das Syrien, Palästina, den Irak und Saudi-Arabien umfassen soll. Diese Zusage ist diplomatisch verklausuliert, die Aufständischen aber nehmen sie für bare Münze.

Sie ahnen nicht, dass Großbritannien und Frankreich

sich fast gleichzeitig in einem Geheimabkommen auf eine Teilung des Nahen Ostens geeinigt haben. Frankreich soll Syrien und den Libanon als "Protektorat" bekommen, England den Irak und Palästina. Unter dieser "Schutzherrschaft" sind lediglich äußerst vage definierte "arabische Staaten" vorgesehen.

Im Vertrauen auf McMahons Zusagen kämpfen die arabischen Freischärler unter der Führung des legendären T. E. Lawrence tapfer gegen die osmanischen Truppen und ihre deutschen Hilfskräfte. Im Frühjahr 1917 nimmt die arabisch-britische Armee Bagdad ohne größeren Widerstand der zahlenmäßig unterlegenen Türken ein. Es ist etwa die dreißigste Eroberung der ehemaligen Kalifenstadt im Lauf ihrer Geschichte.

Bis zum Waffenstillstand im September 1918 bleibt Bagdad in arabischer Hand. Die Nationalisten sehen sie schon als neue Hauptstadt Großarabiens. Doch im Frieden müssen sie erfahren, was T. E. Lawrence später in einem bitteren Rückblick so formuliert: "Von Anfang an war es offenkundig, dass im Fall unseres Sieges diese Versprechungen nichts weiter waren als totes Papier. Und wäre ich ein ehrlicher Berater der Araber gewesen, hätte ich ihnen empfohlen, nach Hause zu gehen und nicht ihr Leben für so was zu riskieren."

Teja Fiedler / print