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Simon Kremer: Lost in Nahost: "Und Sie sind?" Über einen Schwangerschaftskurs in Nordafrika

Unweit von Karthago, wo schon ganz andere gescheitert sind, geht es zum Geburtsvorbereitungskurs. Simon Kremer ist der einzige Mann dort. Und ein sehr weißer dazu. Unsere neue stern-Stimme über sein Leben im Nahen Osten.

Von Simon Kremer, Tunis

Kremer Geburtsvorbereitung

Geburtsvorbereitungskurs (Symbolbild): Die Hebamme spricht von den Geburtsschmerzen und dass es vollkommen normal sei, vollkommen hysterisch zu werden

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Selten fühlte ich mich so deplatziert. Als ich mit dem weiten arabischen Gewand durch die Sächsische marschiert bin, da vielleicht noch ein bisschen mehr. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jetzt sitzen wir im Kreis um Wasser und Gebäck: Fünf hochschwangere Frauen mit dicken Bäuchen auf noch dickeren Kissen gebettet, eine resolute tunesische Hebamme, die mich konsequent miss- und vermutlich auch verachtet - und ich. Anfang 30, sehr weiß, sehr männlich. Im Gegensatz zum Rest des Kreises - wobei ich mir bei der Hebamme nicht so sicher wäre. Seit über einem Jahr leben meine Frau und ich in , jetzt streichelt sie gerade ihren gewölbten Bauch.

Wenn schon Tunesien, dann richtig

Wenn schon hier leben, dann auch richtig. Dann auch mit Geburt und allem drum und dran. Ein bisschen steigt der Neid in mir auf. Die ersten meiner Freunde in haben schon Kinder oder stehen kurz davor und erzählen mir von Besichtigungstagen im Kreißsaal, von den Vorgesprächen mit ihren Hebammen (gut, wenn sie denn eine gefunden haben), von den Karavantouren mit der neuen Familie durch Skandinavien während der gemeinsamen Elternzeit. Meine Frau wird später bis Freitag noch arbeiten, am Sonntag fahren wir dann zur Geburt ins Krankenhaus. Soviel zum Thema Mutterschutz.

Nach einigem Herumfragen erfahren wir aber doch noch von einer Art Vorbereitungskurs. Eine Franco-Tunesierin hat in einem Wohnhaus in einem der malerischen Vororte der tunesischen Hauptstadt Tunis ein Mütterzentrum eingerichtet. Unweit von , wo schon die Ritter des siebten Kreuzzuges wegen der Ruhr aufgeben mussten. Einige Pauschaltouristen werden das nachfühlen können. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

Auf den Straßen von gibt es gerade Demonstrationen. Der Präsident will das Erbrecht ändern. Frauen sollen genau so viel erben dürfen wie ihre männlichen Geschwister. Dagegen zieht es die Religiösen im Land auf die Straße. Und wir sitzen hier bei Wasser und Keksen und atmen in den Bauch.

Die angehenden tunesischen Muttis sind cool

Vorsichtig frage ich die Frauen, ob es denn überhaupt in Ordnung ist, wenn ich bleibe. Schließlich sprechen wir in den nächsten Stunden über Schleimabgänge, die verschiedenen Formen von Ausfluss und die richtige Massagetechnik, um die Brust auf's Stillen vorzubereiten. Aber die angehenden tunesischen Muttis sind cool.

Die Hebamme spricht von den Geburtsschmerzen und dass es vollkommen normal sei, vollkommen hysterisch zu werden. Das liege den Frauen am Mittelmeer so im Blut. Sie wirbt dann für die Periduralanästhesie, als handele es sich um ein obligatorisches Busticket. Dann sei die Geburt auch für das Personal einfacher. Außerdem könne der Arzt das zusätzlich abrechnen. Nebenwirkungen? Eigentlich nicht.

Die angehenden tunesischen Muttis nicken. Die eine, die ihren Mann bei der Geburt nicht dabei haben will, damit er sie "so nicht sieht" und die sich konsequenterweise auch von ihrem männlichen Frauenarzt bei den Voruntersuchungen "nicht berühren lässt" und sich den vaginalen Ultraschall einfach selbst legt. Die Kugelige mit den kleinen Tattoos am Handrücken, die ein schwarzes T-Shirt mit der französischen Aufschrift trägt: "Mal schauen, wo die Nacht uns hinträgt" - und Du schaust ihr auf den Bauch und weißt genau, wo sie die Nacht vor acht Monaten hingetragen hat.

Ça va - das wird schon.

Dann folgt ein Biologie-Grundkurs. Hier die Gebärmutter, da ist das Kind, das durch das Becken dann rausrutscht. So, mit dem Kopf voran. Wenn die Wehen kommen, einfach einatmen, ausatmen. Ça va. Das wird schon. Ihr nehmt ja eh alle die Betäubung, oder? Wickeln, Waschen? Sowieso nicht die Domäne des Mannes, keine Sorgen.

Zehn Minuten vor Schluss werde ich dann auch von der Hebamme registriert: Und Sie sind? Ich entdecke meine emanzipatorische Ader: Der Mann, der in ein paar Wochen mit im Kreißsaal sein wird. "Ach, wirklich?“

Mit jeder Woche wird der Kurs dann größer. Nach und nach bringen die Frauen ihre Männer mit. Und irgendwann scherzt der von der Frau, die ihn eigentlich nicht dabei haben wollte: "Wie weit der Muttermund ist, ach, das guck ich selber nach." Wenn er wüsste, was auf ihn zukommt.