Somalia Rasur statt Flucht


Die Übergangsregierung Somalias ringt um die Kontrolle in der Hauptstadt Mogadischu. Offenbar sind nicht alle Muslim-Extremisten geflohen - viele stellen sich auf die neuen Machtverhältnisse mithilfe von Rasiermessern ein.

Mit Unterstützung der äthiopischen Armee haben Soldaten der somalischen Übergangsregierung wieder die Kontrolle über die Hauptstadt Mogadischu übernommen. Wie die somalische Nachrichtenagentur Shabelle berichtete, rückten am Donnerstag auch über tausend äthiopische Soldaten in Mogadischu ein. Zuvor hatten sich die islamistischen Milizen aus der Stadt zurückgezogen, die sie seit Juni beherrscht hatten. Der Chef der Übergangsregierung, Ali Mohamed Gedi, flog mit einem Hubschrauber von Baidoa, dem provisorischen Regierungssitz der vergangenen Monate, nach Mogadischu.

Gedi kündigte an, den Ausnahmezustand über die Stadt zu verhängen, bis "Recht und Ordnung" wieder gewährleistet seien. Zugleich äußerte er die Hoffnung, dass die mächtigen regionalen Kriegsherren - die so genannten Warlords, die unter den Islamisten an Einfluss verloren hatten - die Regierung unterstützen werden.

Uniformen aus, Bärte ab

Die Milizen der Union der Islamischen Gerichte hatten Mogadischu zuvor aufgegeben - wie sie sagten, um unnötiges Blutvergießen zu verhindern. Ein Teil der Kämpfer floh aus der Stadt, andere entledigten sich lediglich ihrer Uniformen oder Turbane und rasierten sich - wie Augenzeugen schilderten - die Bärte ab. Islamistenführer Scheich Scharif Ahmed erklärte, der Abzug aus der Stadt bedeute keineswegs eine Niederlage: "Mitglieder der Union der Islamischen Gerichte werden sich nicht ergeben. Wir werden uns verteidigen und dem Feind eine Niederlage zufügen."

Unter den ersten Maßnahmen, die die Übergangsregierung traf, war die Aufhebung von Verboten, die die Islamisten verhängt hatten. So durften Kinos und Kioske, in denen die als Rauschmittel genutzten Kat-Blätter angeboten werden, wieder öffnen. Auch durfte wieder Unterhaltungsmusik gehört werden.

Äthiopiens Ministerpräsident Meles Zenawi sagte derweil in Addis Abeba, sein Land habe seine Aufgabe zu 75 Prozent erfüllt. Jetzt müsse Somalia nur noch "von allen Terroristen" befreit werden. Das christlich geprägte Land hatte den Islamisten, die nach dem Fall von Mogadischu im Juni den Großteil Somalias kontrollierten, am vergangenen Wochenende den Krieg erklärt und unter anderem mit seiner Luftwaffe in den Konflikt eingegriffen.

Hilfslieferungen wieder aufgenommen

Die Vereinten Nationen (UN) fliegen wieder Hilfslieferungen für die Bürgerkriegsflüchtlinge nach Somalia. "Die Übergangsregierung hat die Wiederaufnahme aller UN-Hilfsflüge nach Somalia mit sofortiger Wirkung erlaubt", teilte das UN-Nothilfebüro (OCHA) in New York mit. Erste Flugzeuge seien bereits unterwegs. Zuvor hatten Regierungstruppen unterstützt von äthiopischen Verbänden islamistische Milizen nach sechs Monaten aus der Hauptstadt Mogadischu vertrieben. Die Übergangsregierung kontrolliert nach eigenen Angaben mittlerweile 95 Prozent des Landes am Horn von Afrika. Wegen der jüngsten Kämpfe waren die Hilfsflüge nach Somalia aus Sicherheitsgründen ausgesetzt.

Die Wiederaufnahme der Hilfslieferungen sei von entscheidender Bedeutung für die Menschen in Somalia, die seit Jahren unter dem Konflikt und Dürren sowie den jüngsten Überschwemmungen litten, erklärten das OCHA. Es forderte die Kriegsparteien erneut auf, den Menschen eine sichere Flucht aus den Kampfgebieten zu ermöglichen. Bereits bevor die Kämpfe in der vergangenen Woche eskalierten, waren mehr als eine halbe Million der zehn Millionen Somalier auf Nothilfen angewiesen.

Flüchtlingsboote gekentert

Unterdessen sind vor der Küste Jemens nach Angaben der Vereinten Nationen zwei Boote mit Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien gekentert. Bei dem Unglück am späten Mittwochabend seien mindestens 17 Menschen ums Leben gekommen, berichteten das UN- Flüchtlingshilfswerk UNHCR und jemenetische Behörden übereinstimmend am Donnerstag. 141 Menschen würden noch vermisst. Die beiden Boote waren nach einer Verfolgung durch Schiffe der jemenitischen Küstenwache in unruhiger See gekentert.

DPA/Reuters DPA Reuters

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