VG-Wort Pixel

stern-Titelgeschichte Das Kalifat Arbeiten am Rande des Terrorreichs


stern-Reporter Raphael Geiger war sechs Tage im türkisch-syrischen Gebiet auf den Spuren des Islamischen Staats unterwegs. Hier erzählt er, was ihn bei seiner Recherche am meisten bewegt hat.

Kinder malen den Krieg

Die Terrormiliz des Islamischen Staats versetzt die Welt in Angst und Schrecken. Der stern widmet seine Titelgeschichte dem entstehenden Reich der Finsternis. Reporter Raphael Geiger hat sich an der türkisch-syrischen Grenze auf die Spuren der Islamisten begeben. Lesen Sie hier, was ihn bei seiner Recherche am meisten bewegt hat.

Die Kinder, die in dem Gemeindezentrum ankamen, weigerten sich zunächst, zu malen. Sie sagen, es sei 'haram', also verboten. Im Islamischen Staat"# haben sie das so gelernt. Das Zentrum hat seinen Sitz im türkischen Urfa, 50 Kilometer von der syrischen Grenze. Die Männer und Frauen, die mit den Kindern arbeiten, kommen alle aus Syrien, die meisten aus Rakka, der inoffiziellen IS-Hauptstadt. Dort sollen Helfer die Flüchtlinge wieder in die Normalität zurückholen. Den Kindern beizubringen, das Malen 'halal' ist, erlaubt. Ebenso wie spielen und Musik hören. Als die Kinder nach einigen Tagen dann doch den Stift in die Hand nahmen, malten sie am Anfang Panzer und Menschen mit Maschinengewehren. Nach einigen Wochen dann zeigten ihre Bilder Wiesen, Häuser, den Himmel.

Ein Ex-Kämpfer bereut seinen Kampf

Der frühere IS-Kämpfer Ahmed empfing uns sehr freundlich, und er erzählte stundenlang. Wir saßen bis Mitternacht in seinem Wohnzimmer, tranken Tee und hörten ihm zu. Am nächsten Tag kamen wir wieder, aßen riesige Portionen Hühnchen und Baklava, und verbrachten wieder viele Stunden bei ihm. Er war mit sich im Reinen, verschwieg nichts, erzählte alles im Detail, auch die furchtbaren Momente. Er bereute, dass er für den IS gekämpft hatte, aber er war nie ein Fanatiker gewesen. Er bereute, aber stärker war die Freude, dass ihm die Flucht gelungen war. Er zeigte uns Fotos von sich in Uniform und mit Waffe und bat uns um Kontakte zu Flüchtlingsorganisationen. Am liebsten würde er nach Europa gehen. Nach Schweden.

Vis-à-vis mit dem Reich der Finsternis

Der Ort Akcakale liegt direkt an der Grenze zu Syrien, hier heißt das: an der Grenze zum "Islamischen Staat". Am Zaun endet die Türkei, endet Nato-Territorium, und es beginnt das Kalifat. Noch immer kann man hier nach Syrien einreisen, allerdings geht es dann nicht mehr zurück. Bis vor nicht allzu langer Zeit hat die Türkei geduldet, dass Dschihadisten von hier aus nach Syrien fuhren. Schätzungen zufolge sind 95 Prozent der ausländischen IS-Kämpfer über die Türkei gekommen. Inzwischen versucht das Land, die Grenze besser zu kontrollieren, lässt offenbar nur noch Personen mit syrischem Pass nach Syrien reisen. Ihre Flagge, die die IS-Leute am syrischen Grenzposten hissten, mussten sie wieder abnehmen, auf Drängen der Türkei. Aber 200 Meter in der Ferne weht sie im Wind und kündet von Unheil: die schwarze Fahne des Islamischen Staats.

Dem Terror ins Gesicht gelacht

Wir sprachen mit zwei Mädchen aus Rakka, 15 und 17 Jahre alt, die erst vor wenigen Tagen in die Türkei gekommen waren. Sie stammten aus einer liberalen Familie, ihr Vater arbeitete vor dem Krieg in der Werbung, die Mädchen trugen enge Jeans und T-Shirts. Dann übernahm der IS die Stadt, die Mädchen mussten sich voll verschleiern, Patrouillen fuhren durch die Straßen und kontrollierten die korrekte Kleidung. Schulfächer wie Philosophie verschwanden aus dem Stundenplan, es gab stattdessen Koranunterricht. Sie spürten, dass sie als Mädchen Menschen zweiter Klasse wurden. Die IS-Kämpfer sprachen kaum mit ihnen, und wenn, dann drohten sie ihnen. Wir trafen die Mädchen in einem Café in Urfa, und das Erstaunliche an dem Gespräch war: Die Mädchen lachten ständig. Sie erzählte aus dem Kalifat und lachten dabei. Sie sagten, das läge an der Anspannung, der Angst, die von ihnen abgefallen sei. Sie lachten, weil ihnen ihre eigenen Erinnerungen absurd vorkamen.

Sicherheit gibt es auch in der Türkei nicht

In Urfa, im Grenzgebiet zu Syrien, fanden wir viele Flüchtlinge, die mit uns reden wollten. Allein hier sollen 200.000 Syrer leben, in Akcakale, also direkt an der Grenze, stehen die weißen Zelte des angeblich größten Flüchtlingslagers der Türkei. Viele wollen erzählen, wie es sich im Islamischen Staat lebt. Wie sich das Leben plötzlich verfinsterte, wie die Menschen dann entschieden, zu fliehen. Fast niemand möchte seinen Namen nennen, fast niemand sich fotografieren lassen. Alle fürchten sich selbst noch in der Türkei vor dem IS. Die Dschihadisten operierten auch hier, sagen sie. Es gebe keine Sicherheit. Leider haben sie Recht.

Das traurigste Interview

Eine Gruppe von FSA-Kämpfern trafen wir in ihrer Wohnung in Urfa. Ein Dutzend Männer aus Deir ez Zor, die vor wenigen Wochen noch gegen den IS gekämpft hatten. Aber die Angst und die Aussichtslosigkeit ließen sie aufgeben. Es war das vielleicht traurigste Interview unserer Reise. Die Männer waren so nett, so gastfreundlich, wie es in Syrien üblich ist, aber sie waren vor allem enttäuscht, verbittert. Enttäuscht, dass der Westen sie nie unterstützte und zusah, wie der IS immer stärker wurde, wie sie zerrieben wurden im Kampf gegen das Regime und gegen den IS. Verbittert, weil sie ihre Revolution sterben sahen. Sie waren 2011 auf die Straße gegangen und hatten erst gekämpft, als das Regime sie angriff. Sie wollten ein freies Land. Ein Kampf der Bürger gegen die Diktatur war es. Aber ihr Land verwandelte sich in eine Hölle. Jeder, der kann, flieht. Am allertraurigsten ist der Satz, den manche der ehemaligen Rebellen inzwischen sagen: Wenn wir könnten, würden wir für Assad kämpfen, denn der ist nicht so schlimm wie der IS.

Foltern um des Folterns Willen

In Akcakale trafen wir einen Scheich, einen Stammesführer, aus einem Gebiet, das der IS vor kurzem eroberte. Ein IS-Kommandeur, ein hoher Offizier, kam zum Scheich, und versuchte ihn zu bestechen. Einen siebenstelligen Dollarbetrag bot er ihm an. Unter der Bedingung, dass der Scheich seinen Stamm für den IS gewinnt. Der Scheich lehnte ab und bekam am selben Tag eine Warnung: Flieh, sonst töten sie dich. Er fuhr nach Akcakale, wo schon einige seiner Söhne auf ihn warteten. Einer von ihnen war Rebellenkämpfer und vom IS gefangen genommen worden. Er verbrachte 50 Tage in der Folterzelle, so lange, bis er nicht mehr gehen konnte. Die Wärter trugen ihn dann zur Folter. Als er freikam, erfuhr er, dass sie ihn nie töten wollten, wovor er sich gefürchtet hatte. Sie wollten ihn nur eine Weile foltern. Und ihn mit der Angst vor dem Tod quälen.

stern-Titel: Das Kalifat

Lesen Sie im neuen stern das Ergebnis von Raphael Geigers Recherchen, den Report über die Islamisten, den er zusammen mit dem Kollegen Steffen Gassel geschrieben hat.

Raphael Geiger

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker