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Sudan: Völkermord auf Raten

Lange hat die Welt weggesehen, während arabische Banden im Bund mit Regierungssoldaten im Sudan afrikanische Bauern und ihre Familien vertrieben und ermordet haben. Mehr als eine Million Menschen sind auf der Flucht.

Wider alle Vernunft hatte er gehofft, dass sein Dorf verschont bleiben würde. Als im Sommer vergangenen Jahres immer häufiger Rauchsäulen über der Ebene standen und ein Dorf nach dem anderen in Flammen aufging, da glaubte er noch, die steilen Berghänge würden ihm und seiner Familie Sicherheit bieten. Dann fielen die Reitermilizen auch in Dirki und den Nachbardörfern ein. Abdurrahman Abakar Adam und die anderen Bauern versteckten sich zwischen den Felsen. Erst nach Tagen wagten sie sich wieder ins Dorf zurück. Sie ersetzten die verbrannten Strohdächer der Hütten, bestellten die Hirsefelder neu und lebten weiter, so gut es eben ging auf diesem kargen Flecken Erde am Südrand der Sahara. "Wo sollten wir auch sonst hingehen?", sagt der 42-Jährige.

Ärger zwischen Arabern und Afrikanern hatte es in der Provinz Darfur, im äußersten Westen des Sudan, schon oft gegeben. Nun aber war alles anders. Die Reiter, die das Dorf überfallen hatten, gehörten nicht zu jenen arabischen Nomaden, mit denen sich die Bauern am Ende der Trockenzeit stets um die letzten Wasserlöcher zankten. Neue Feinde zogen durchs Land: Reiter in Uniform, von regulären Soldaten kaum zu unterscheiden, gut bewaffnet und von der Regierung in Khartum unterstützt. Ihnen ging es nicht um Wasser, sondern darum, alle Nicht-Araber zu vertreiben. Sie nannten sich "Dschandschawid" - "die Reiter mit Gewehr".

Sie kamen um sechs Uhr früh

Neun Monate lang ließen die Dschandschawid die Menschen auf dem Berg Jabal Mun in Ruhe. Ringsum brannten sie die Dörfer der Masalit, der Fur und der Zaghawa nieder. Die Kleinstadt El Geneina schwoll zu einem gigantischen Flüchtlingslager mit Zehntausenden Vertriebenen an. Fast schien es, als hätten die Milizen die Dörfer des Berges auf ihrem Vernichtungsfeldzug vergessen.Doch am Donnerstag vor drei Wochen kamen sie um sechs Uhr früh, die Milizen auf Pferden und Kamelen, die Soldaten auf den Ladeflächen von Pick-ups der sudanesischen Armee. Zusammen waren es gut 800 Mann, ausgerüstet mit automatischen Waffen. Abdurrahman rannte sofort aufs Feld hinaus. Denn er wusste, dass die Milizen oft als Erstes die Männer zusammentreiben und erschießen. Dschimija, seine Frau, riss die vierjährige Tochter an sich, versammelte die anderen sechs Kinder um sich und lief ebenfalls fort.

Zwei Tage wütete die Horde in den Dörfern des Jabal Mun, und diesmal gründlicher als zuvor. "Alles haben sie gestohlen: die Ziegen, die Hirse, selbst die Plastikmatten, auf denen wir schliefen", sagt Abdurrahman. "Was sie nicht mitnehmen konnten, das steckten sie an." Sogar die Moschee von Dirki brannte bis auf die Grundmauern nieder. Als die Reiter abzogen, war das Leben am Jabal Mun ausradiert. Aus Abdurrahmans Dorf sind seither zwei Frauen und zwei Kinder verschwunden, wahrscheinlich von den Milizen erschossen. Mehr als 200 Menschen hatten die Dschandschawid und ihre Helfer ermordet. Alle anderen, über 15 000, sind seither auf der Flucht.

Drei Tage nach dem Überfall sitzt Abdurrahman unter einem Baum im heißen Sand eines trockenen Flussbetts. Bei ihm hocken ein paar Dutzend Männer. Frauen und Kinder haben in einigem Abstand unter einem anderen Baum Schutz vor der Sonne gesucht. Die meisten sind mit den Kräften am Ende. Viele haben seit Tagen nichts mehr gegessen. Einige Kinder dämmern bei fast 50 Grad im Schatten fiebrig vor sich hin. Die Menschen gehören zu einer Gruppe von etwa 1000 Flüchtlingen, die vorige Nacht im Schutz der Dunkelheit nahe der Oase Birak die Grenze zum Tschad überquert hat - eine gefährliche Flucht, denn die Gegend ist voll von Milizen. "Wir sind die Ersten", sagt Abdurrahman. "Auf der anderen Seite warten noch fünfmal so viele."

Eine Katastrophe scheint unausweichlich

6000 neue Flüchtlinge bei Birak? Bernard Chamoux erschreckt diese Nachricht. Der Franzose ist Koordinator des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) im Tschad. Umgeben von Bildschirmen und Regalen mit Aktenordnern sitzt er in seinem Büro in der Hauptstadt N'Djaména und brütet über Listen mit neuen Zahlen. Abdurrahman und die anderen Flüchtlinge vom Jabal Mun tauchen darin noch gar nicht auf. Chamoux ist sich nicht einmal sicher, wo Birak liegt. Doch eines weiß der UN-Beamte genau: Wenn noch mehr Vertriebene in den Tschad kommen, ist eine Katastrophe unausweichlich. "Wir gehen davon aus, dass bis jetzt ungefähr 180 000 Sudanesen in den Tschad geflohen sind", sagt Chamoux. "Viel mehr können wir nicht verkraften."

Es ist nur eine Frage von Tagen, bis die Regenzeit einsetzt. Die staubtrockene Halbwüste im Osten verwandelt sich dann auf Monate in einen riesigen Morast, für Fahrzeuge nahezu unzugänglich. Solange die Straßen noch befahrbar sind, soll Chamoux mehr als 80 000 Flüchtlinge aus dem Grenzgebiet 50 Kilometer weit ins Landesinnere bringen lassen, weit weg von den marodierenden Reiterbanden, die bis tief in den Tschad hinein auf Beutezug gehen. Dort sind die Lager, in denen die Flüchtlinge in der Regenzeit einigermaßen versorgt werden können.

Die Wirklichkeit gibt wenig Anlass zu der Hoffnung, dass alle rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden können. In der Umgebung der Grenzstadt Adré wurden Anfang Juni noch 27 000 Flüchtlinge vermutet. Trotzdem standen am nahe gelegenen Sammelplatz Goungour gerade mal drei klapprige Busse und zwei alte Lkws bereit, um die Flüchtlinge in Lager zu bringen. Platz in den Fahrzeugen fanden pro Tag kaum mehr als 300 - meist nur nach stundenlangem Gerangel.

"Wenn die Menschen bereits vor einem halben Jahr in Camps gebracht worden wären, hätten wir jetzt nicht eine solche Notlage", sagt Jean-Sébastien Matte von "Ärzte ohne Grenzen". "Seit August 2003 war klar, was sich hier anbahnt. Ende letzten Jahres gab es schon mehr als 100 000 sudanesische Flüchtlinge im Tschad. Trotzdem tat sich über Monate nichts."

Pannen bei der Organisation der Hilfe kamen hinzu. Anfang Mai bauten Mitarbeiter des Technischen Hilfswerkes (THW) im Auftrag des UNHCR binnen zwei Wochen ein Lager mit Sanitäranlagen, Brunnen und Krankenstationen für 12 000 Flüchtlinge auf. Das Camp "Esterena" bei Goz Beida kostete rund 200 000 Dollar. Doch Flüchtlinge zogen nie ein. Denn ausgerechnet dort leben Araber, die keine Afrikaner auf ihrem Land haben wollten. Wie sich herausstellte, war schon vor Baubeginn bekannt, dass es Widerstand geben würde.

Unterstände aus krummen Ästen und Plastikplanen

Auch bei der Planung für das Mitte Mai eröffnete Camp Breidjing ging das UNHCR wenig fachkundig vor. Das Lager liegt in einer Senke, durch die ein breites Wadi, ein trockenes Flussbett, läuft. Wenn sich das in einigen Wochen mit Wasser füllt, sind die Bewohner am einen Ufer von Lagerhäusern und Krankenstation am anderen Ufer abgeschnitten. In dem Camp, ursprünglich für 12 000 Menschen gedacht, leben heute schon mehr als 14 000. Zelte gibt es nur für etwa 7000. Die anderen hausen in Unterständen aus krummen Ästen und Plastikplanen, die weder vor der glühenden Sonne und den Sandstürmen schützen, noch dem Regen standhalten werden.

Im Norden, um die Orte Bahai und Cariari, wo immer noch mehr als 25 000 Flüchtlinge entlang der Grenze verstreut sind, verhinderten die lokalen Behörden den Bau eines Lagers an einem sicheren Ort. Der Präfekt von Bahai, ein Verwandter des Staatspräsidenten, bestand darauf, dass alle Jobs bei den internationalen Hilfsorganisationen wie Brunnenbau, Fahrer, Zeltaufbau an Leute seines Stammes gehen. Irgendwann gaben die UNHCR-Leute klein bei. Aber jetzt werden die Flüchtlinge wohl vor der Regenzeit keine Zelte mehr erhalten.

Am meisten fehlt den Helfern jedoch politische und finanzielle Unterstützung aus dem Westen. Der Druck auf das Regime in Khartum, dem Morden der Milizen ein Ende zu machen, hält sich in Grenzen. Dabei ist klar, dass die Regierung unter dem Vorwand einer Strafaktion gegen Rebellen einen Vernichtungskrieg gegen die afrikanischen Stämme von Darfur führt. Auch staatliche Hilfsgelder fließen spärlich, insbesondere aus Europa. Von 55 Millionen Dollar, die allein das UNHCR im Tschad braucht, sind erst 18 Millionen überwiesen.

Das Ausmaß der Katastrophe nicht wahrgenommen

Trotz aller Warnungen wollte manche Regierung das Ausmaß der Katastrophe lange nicht wahrhaben. Noch vor wenigen Wochen soll der französische Botschafter im Tschad behauptet haben, es gebe höchstens 30 000 sudanesische Flüchtlinge im Land. Und die hätten die Hilfsorganisationen mit dem Bau der Lager erst angelockt.

Was am Leben in einem Lager wie Farchana verlockend sein soll, sagte der Botschafter nicht. Es wäre ihm womöglich schwer gefallen. Knapp 10 000 Flüchtlinge leben hier auf einem trockenen Steinplateau, dem staubigen Wind und der Gluthitze ausgesetzt. Farchana gilt als eines der besseren Camps, hier gibt es zumindest genügend Zelte für alle. Sechs Flüchtlinge teilen sich jeweils eines, das zwei mal drei Meter groß ist. Viele sind schon seit Monaten da. Sie ernähren sich von Öl, Mehl und Kidneybohnen. Lebensmittel werden nur unregelmäßig verteilt, weil das Welternährungsprogramm mit den Lieferungen nicht nachkommt. Zucker gibt es nicht, Salz kam zum ersten Mal in vier Monaten. Vor allem jungen Frauen sieht man den Jodmangel an: Viele haben einen Kropf.

Wasser muss aus einem Brunnen und einem improvisierten Wasserloch gepumpt, mit Chlor versetzt und sechs Kilometer weit mit Tankwagen nach Farchana gebracht werden. Manchmal gerät der Kot des Viehs von der benachbarten Tränke in das Loch. Dann wird das Trinkwasser zur bakterienverseuchten Brühe. Oder das Wasser hat zu lange gestanden. Dann bilden sich bei der Hitze Algen, und den Helfern bleibt nichts übrig, als ein neues Bohrloch zu graben. Jeder Flüchtling muss mit 6,5 Litern pro Tag auskommen. Nach internationalen Standards sind 15 Liter das Minimum.

Im Zelt III 7 im Lagerteil R starb am Samstag, dem 5. Juni, gegen Viertel nach neun Uhr morgens der kleine Hafiz Malik Jaja. Hafiz war neun Monate alt und wog bei seinem Tod noch etwa viereinhalb Kilogramm. Er war das erste Kind in Farchana, bei dem offiziell Unterernährung als Todesursache festgestellt wurde. (Der Friedhof auf dem kleinen Hügel hinter den offenen Kloaken, die alle 1500 Bewohner der Lagerteile P, Q und R benutzen müssen, weil es dort keine ordentlichen Latrinen gibt, zählte aber schon vor Hafiz' Beerdigung 22 Gräber. In den meisten davon liegen Kinder.)

Das Baby atmete hastig wie ein Vogel in Todesangst

Zwei Wochen bevor der Sohn starb, hatte die Mutter ihn ins Krankenzelt der "Ärzte ohne Grenzen" in Farchana gebracht. Dort wurde er untersucht und gewogen. Diagnose: mäßig unterernährt. Die Mutter bekam eine Wochenration eiweißhaltige Mais-Soja-Mischung, mit der sie Hafiz füttern sollte. Eine Woche später hatte er trotzdem weitere 200 Gramm Gewicht verloren. Die Mutter erhielt eine zweite Wochenration Kraftnahrung. Das Baby atmete da schon so hastig wie ein Vogel in Todesangst, sein Herz raste.

Schwer zu sagen, weshalb Hafiz nicht überlebte. Vielleicht lag es am Durchfall und am hohen Fieber. Vielleicht haben aber auch einige seiner zehn Geschwister die Rationen gegessen, die für Hafiz gedacht waren. Immer wieder beobachten die Helfer Mütter, die ihre kranken Kinder aufgeben. "Es ist schrecklich, aber manchmal ist es die einzige Wahl, die diese Menschen haben", sagt eine junge Ärztin aus Belgien. "Nur wer stark ist, überlebt hier."

Als Hafiz gestorben war, wandte sich die Mutter sofort von ihm ab. Der Vater und ein Imam wuschen den kleinen Leichnam in einem improvisierten Trauerzelt. Hafiz' Vater, von Beruf Schneider, nähte seinem Sohn aus dem Tuch eines Getreidesacks ein Hemd, eine Hose und eine kleine Mütze als Totenkleid. Dann wickelten sie ihn in ein Leichentuch.

Die Mutter kniete vor dem Zelt und weinte

Die Mutter kniete vor dem Zelt und weinte, das Gesicht in den Händen verborgen. Als der Imam mit dem weißen Bündel auf den Händen ins Freie trat, schluchzte sie kurz und heftig auf. "Sie ist nicht traurig. Sie versucht nur, von ihm loszukommen", sagte ein Onkel des toten Jungen. Eine Stunde nachdem er gestorben war, legte der Vater seinen Sohn in ein enges Kindergrab.

Später hocken die Männer im Schatten einer Plastikplane auf dem Versammlungsplatz des Lagerabschnitts P von Farchana und trinken Tee. Alle Gespräche drehen sich nur um ein Thema: die verlorene Heimat in Darfur und den Schrecken der Vertreibung. Einer der Männer zählt hintereinander die Namen von 46 Dörfern auf, die an einem einzigen Tag Anfang Februar, dem Sonntag nach dem großen Opferfest, angegriffen worden sind. Acht Kilometer sei die Phalanx der Reiter breit gewesen, bestehend aus mehreren tausend Dschandschawid, unter ihnen auch Kinder, nicht älter als zwölf Jahre. Für 40 der Dörfer weiß der Mann die genaue Zahl der Todesopfer. In den anderen sechs ist den Bewohnern keine Zeit geblieben, ihre Toten zu bestatten.

Während die einen sich für ein langes Leben in den Flüchtlingslagern eingerichtet haben, sitzen Abdurrahman und seine Familie noch immer schutzlos im Wadi, nur zwei Kilometer hinter der Grenze zum Sudan. Die Männer wollen hier bleiben, bis das ausgemergelte Vieh, das sie herüberretten konnten, wieder zu Kräften gekommen ist. Und sie wollen kämpfen - gegen die Dschandschawid.

Sie kämpfen für Gleichberechtigung der Afrikaner

Die kommen inzwischen auch über die Grenze, um selbst im Tschad auf Plündertour zu gehen. Der letzte Überfall liegt erst drei Tage zurück. 13 Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Darum rüsten der Armeekommandant von Birak und seine Kollegen entlang der Grenze lokale Bürgerwehren aus Einheimischen und Flüchtlingen auf. Abdurrahman und seine Nachbarn haben ein paar alte belgische Sturmgewehre und drei Panzerfäuste bekommen. "Jetzt sind wir Widerstandskämpfer", sagt Abdurrahman. Und er wird vielleicht bald die Reihen der Rebellen stärken, die schon seit längerem für eine Gleichberechtigung der Afrikaner im Sudan kämpfen - und der Regierung in Khartum damit den Vorwand geboten haben, gegen die Menschen in Darfur in den Krieg zu ziehen.

Weit weg vom Flüchtlingselend sorgt sich Bernard Chamoux weiter um die Regenzeit. Die könnte den Helfern zum Verhängnis werden - aus einem Grund, an den bis jetzt nur wenige gedacht haben. Bisher ist der Tschad nur Nebenschauplatz der größeren Katastrophe in Darfur. Dort sitzen mehr als eine Million Flüchtlinge fest. Soldaten und Dschandschawid hindern sie daran, die Lager zu verlassen, obwohl ihre Situation noch viel schlechter ist als die der Menschen, die es bis in den Tschad geschafft haben.

Wenn die Jeeps der sudanesischen Soldaten demnächst ebenso im Morast stecken bleiben wie die Lastwagen des UNHCR, wenn selbst Pferde und Kamele kaum noch vorankommen, haben diese Menschen vielleicht eine Chance, endlich Richtung Tschad zu entkommen. "Genau davor habe ich Angst", sagt Bernard Chamoux. Nach letzten Schätzungen geht es bis zu 350 000 Flüchtlingen im Sudan so schlecht, dass sie in den kommenden Monaten verhungern könnten. "Wenn viele von denen in der Regenzeit in den Tschad kämen, wären wir kaum in der Lage, ihnen zu helfen. Sie würden nur noch fliehen, um auf dieser Seite der Grenze zu sterben."

Steffen Gassel / print