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Djerba Adrian ist drei Jahre alt, als er ein Selbstmordattentat überlebt – von Vergeltung hält er bis heute nichts

Adrian Esper: "'Ich will dir wirklich nicht zu Nahe treten und wenn du nichts sagen willst und wenn du nicht darüber reden willst, ist das auch völlig in Ordnung. Aber ich hab dich schon bei der Immatrikulationsfeier gesehen und ich fand das so toll' – und so weiter und so fort. 'Und was ist eigentlich passiert?' Gerade dieses ganze Drumherum, ich finde es ganz nett, aber wirklich brauchen tue ich es nicht. Es würde mir schon reichen, wenn jemand einfach sagt: 'Ey, was ist eigentlich passiert?''"
11. April 2002:
Ein Selbstmordattentäter sprengt sich vor der al-Ghriba-Synagoge auf der tunesischen Urlaubsinsel Djerba in die Luft. Der dreijährige Adrian Esper besichtigt mit seinen Eltern die Synagoge, als der mit Flüssiggas beladene LKW vor dem Gotteshaus explodiert. Adrian erleidet auf 40 Prozent seiner Haut Verbrennungen zweiten und dritten Grades.
Adrian Esper: "Von dem Ganzen was damals passiert ist noch ziemlich viel vor Augen. Es ist nur, finde ich, für einen selber die Frage, wie man das verpackt oder wie man damit umgeht. Das kann es einem durchaus erleichtern. Gerade in dem Fall von mir, wenn man damit aufwächst, ist das noch einmal eine andere Sache, weil man besser damit umgehen kann und auch mehr Zeit, hat das zu lernen."
Der Attentäter reißt 21 Menschen mit in den Tod, über 30 werden schwer verletzt. Die meisten Opfer stammen aus Deutschland. Adrian ist heute 20 Jahre alt. Seine Narben trägt der Student mit Selbstbewusstsein.


Adrian Esper: "Mir persönlich macht es gerade in einem Rahmen von Vorträgen, oder so etwas, eher Spaß, vorne zu stehen und die Blicke dann abzufangen. Wenn man sich gut auf etwas vorbereitet hat und vorne steht, ich hab da persönlich eher weniger Probleme mit – im Vergleich zu 70 Prozent der Leute. Wenn sie einen Vortrag halten müssen, wenn die dann vorne stehen, die erst einmal anfangen zu zittern, weil sie nicht wissen, wie andere Leute darauf reagieren könnten. Also das habe ich gar nicht.
Ich bin die Situation absolut gewohnt. Es reicht mir schon, wenn ich in die Stadt gehe. Das ist für mich derselbe Auftritt wie wenn einfach so bei Rewe einkaufen gehe, wie wenn ich einen Vortrag halte. Ist für mich absolut dasselbe wie wenn ich einen Vortrag halte. Nur bei Rewe halte ich keine Selbstgespräche."
Wie würde Gerechtigkeit für Sie aussehen?
Adrian Esper: "Kann ich ehrlich gesagt so keine richtige Antwort drauf geben. Weil ich mich damit nicht wirklich beschäftige, weil ich auch nicht wüsste, wie die absolute Gerechtigkeit auszusehen hat. Ob man sich da an alte Tage wendet und sagt 'Auge um Auge, Zahn um Zahn'. Oder ob man sagt, man muss das auf andere Art und Weise büßen. Je mehr man sich damit auseinandersetzt und je mehr man sich damit beschäftigt und das in sich hineinfrisst, desto eher bringt man sich selber auf den Weg, auf den man gebracht werden soll und der halt auch von solchen Anschlägen ausgehen soll und das ist Hass und Angst. Und das ist definitiv der falsche Weg."
Haben Sie in Ihrer Jugend mit Ihrem Aussehen gehadert?
Adrian Esper: "Es gibt ehrlich gesagt nichts, warum man nicht selbstbewusst sein sollte und warum man nicht selbstbewusst auf Dinge zurückgucken kann. Selbst früher als Kind, als ich extrem eingeschränkt war in Bewegungen und sich das dann irgendwann gelöst und gelockert hat, hab ich mich darüber motiviert. Dass immer wieder mehr geht. Dass ich immer wieder an eine Stelle komme, wo ich sage: „Jetzt geht wieder alles uneingeschränkt.“ Selbst das sind extreme Erfolge, die für einen anderen vielleicht gar nicht mal so groß sind. Aber für einen selber – wenn man sich das mal so vor Augen führt – schon ziemlich weltbewegend sind. Und darüber kann man sich extrem gut selber motivieren. Das ist eine Seite, damit muss man klarkommen, aber die verändert sich halt einfach nicht. Damit muss man sich zufrieden stellen. Ich hab mich dann lieber für die schönere Seite entschieden, die Dinge schöner zu betrachten. Vielleicht auch manchmal schöner als sie sind. Aber das bringt einen definitiv weiter."
Im Laufe seines Lebens hat Adrian sich über 60 Operationen unterzogen. 20 davon allein im Jahr nach dem Anschlag. Der 20-Jährige studiert heute Psychologie in Hannover. Er möchte anderen Terror-Überlebenden dabei helfen, ihre Traumata zu bewältigen.
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Als er mit seinen Eltern im Urlaub auf Djerba eine Synagoge besichtigt, explodiert ein Lastwagen mit Flüssiggas. Der kleine Junge erleidet Verbrennungen an 40 Prozent der Haut. Im Interview spricht der heute 20-Jährige selbstbewusst über sein Leben nach dem Überleben.

Djerba, 11.04.2002: Die Besichtigung der al-Ghriba-Synagoge hat schon begonnen, da merkt der dreijährige Adrian: Alle Männer tragen Kippa. Er möchte auch eine haben. Und läuft von der Touristengruppe mit seinen Eltern weg Richtung Eingang, wo der Korb mit den Kopfbedeckungen für Besucher steht. In diesem Augenblick explodiert vor dem Gotteshaus ein Lastwagen mit 5000 Litern Flüssiggas.

Der Junge erleidet Verbrennungen zweiten und dritten Grades an 40 Prozent der Haut. Der Anschlag fordert 19 Todesopfer und 30 Verletzte. In den zwölf Jahren nach dem Anschlag hat Adrian Esper über 60 Operationen überstanden. Vergangenes Jahr hat er sein Abitur bestanden. Heute studiert der 20-Jährige aus Bergkamen im zweiten Semester Psychologie.


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