Terror im Irak Die Sieben Fehler von Isis


In seinen letzten Tagen hat Osama bin Laden ein paar Regeln für erfolgreichen Terrorismus aufgestellt. Isis hält sich nicht daran. Behält bin Laden Recht, zerstören sich die Fanatiker bald selbst.
Von Oliver Fuchs

Offenbar verbrachte er seine letzten Jahre in tiefer Frustration: Verschanzt in seiner Festung in Pakistan hatte Osama Bin Laden offenbar kaum noch Einfluss auf seine Jünger. Weitgehend abgeschnitten vom direkten Kontakt mit der Außenwelt vertrieb er sich die Zeit mit Briefeschreiben. Viele davon nahmen die Amerikaner mit, nachdem Navy Seals Bin Laden getötet hatten. Ein Großteil des Materials ist bis heute geheim. 17 Dokumente jedoch wurden von der US-Militärakademie in West Point veröffentlicht.

Diese Briefe zeigen einen einsamen Terrorfürsten, der vergeblich versucht, seine Anhänger auf Linie zu bringen. Bin Laden hielt die Methoden seiner Jünger für zu brachial. Er fürchtete, das Ansehen, welches Al Kaida in Fundamentalistenkreisen noch genoss, weiter zu schmälern. Das Amerikanische Online-Magazin "Slate" hat aus Bin Ladens Briefen "Sieben Regeln für einen erfolgreichen Terroristen" herausdestilliert.

Jetzt, da die Schlächter der Terrororganisation Isis in Syrien und im Irak wüten, sind ausgerechnet Osama Bin Ladens Worte ein kleiner Lichtblick. Denn ISIS ignoriert jede einzelne von Bin Ladens Warnungen. Aus dieser Logik heraus wird sich die Isis bald selbst zerfleischen.

Hier sind sie, die sieben Fehler von Isis:

1. Versuche nicht, einen Staat zu errichten

Auch das Endziel von Al Kaida war, ein Islamistisches Kalifat zu errichten. Aber Bin Laden war realistisch genug zu wissen, dass es bis dahin ein langer Weg sein würde. So warnte er seine Anhänger in Jemen ausdrücklich davor, sich mit der dortigen Regierung anzulegen: der eigentliche Gegner sei Amerika.

Isis will das Kalifat sofort, koste es, was es wolle. Ihren Anspruch macht die Organisation schon mit ihrem Namen klar. Isis ist die Abkürzung für "Islamischer Staat im Irak und in Syrien". Innerhalb von kurzer Zeit hat sie eine enorme Fläche unter ihre Kontrolle gebracht - sie entspricht fast einem Drittel Deutschlands. Mit weniger als 15.000 Kämpfern versucht sie das Gebiet und die Millionenstadt Mossul zu kontrollieren.

2. Töte nicht wahllos

Es mag bizarr klingen, aber Bin Laden machte sich offenbar Sorgen um zivile Opfer. Das er dies aus humanitären Gründen tat, darf bezweifelt werden. Mit "zivilen Opfern" meinte er ausschließlich Menschen mit dem "rechten Glauben". Es ging ihm um das Image. Bombenanschläge auf Moscheen und Marktplätze hätten "einen Großteil der Nation dazu gebracht, sich von 'denjenigen, die den heiligen Kampf betreiben' abzuwenden", klagte er. Wenn das so weitergehe, dann würden man zwar "viele Kämpfe gewinnen, aber den Krieg verlieren".

Laut Schätzungen der Uno hat Isis alleine im Juni im Irak bereits über tausend Menschen abgeschlachtet, darunter auch Soldaten, die die Waffen niedergelegt haben, sowie schiitische und alawitische Muslime. Diese Gräueltaten mobilisieren bereits viele Menschen, die sich zunächst geweigert hatten, für die korrupte schiitische Regierung zu kämpfen. Sogar alte Mitstreiter von Saddam Hussein, die Isis zunächst unterstützt hatten, gehen auf Distanz.

3. Wirb nicht mit deinen Gräueln

Bin Laden (oder ein enger Weggefährte aus Lybien) drängte die Al Kaida in Jemen, alle Äußerungen zu meiden, die "die Unterstützung aus dem Volk für die 'denjenigen, die den heiligen Kampf betreiben' mindern." Er empfahl, alle öffentlichen Bekanntgaben so zu schreiben, dass der Feind "uns nicht als Tiere oder Mörder anklagen kann".

ISIS-Kämpfer nutzen geschickt soziale Netzwerke. Neben niedlichen Katzenbildern posten sie Videos von Hinrichtungen. Sie behaupten, bereits 1700 Soldaten in Zivil erschossen zu haben. Sie posten Bilder von Gefangenen, mit der Beschriftung "Sieh, wie sie auf eigenen Füßen in den Tod marschieren". Damit mögen sie kurzfristig neue Radikale mobilisieren. Aber sie schrecken damit noch mehr Menschen ab.

4. Sei nicht zu strikt

Bin Laden machte sich zudem Sorgen, dass seine Leute die Bevölkerung unter ihrer Kontrolle gegen sich aufbringen, wenn sie die Scharia zu strikt durchsetzen. Seine Empfehlung an die Al Schabab Miliz in Somalia: im Zweifelsfall ein Auge zuzudrücken.

Zwei Tage nach der Eroberung von Mossul verbot Isis Zigaretten und Alkohol. Frauen dürfen nicht mehr auf die Straße. Es herrscht striktes Scharia-Gesetz. Auch damit bringen sie ihnen eigentlich wohlgesonnene Gruppen gegen sich auf. Ein örtlicher sunnitischer Stammesführer sagte der der "New York Times": "Isis tötet in manchen Gebieten unsere Leute und zwingt uns ihr islamisches Gesetz auf. Wir wollen das nicht."

5. Nimm keine Gebiete ein, die du nicht versorgen kannst

"Das Volk wird es nicht hinnehmen, wenn es sieht, dass seine Kinder infolge von Lebensmittel- und Medizinmangel sterben", schrieb Bin Laden zwei Jahre vor seinem Tod. Das müsse man bedenken, "bevor man Nationen oder Städte unter seine Kontrolle bringt".

2007 veröffentlichte Isis ein Pamphlet mit seiner Vision für Irak. Die Gruppe schreibt darüber, was sie mit der Bevölkerung unter ihrer Kontrolle vorhat: "Ihre weltlichen Umstände zu verbessern ist weniger wichtig, als Ihre religiösen Umstände zu verbessern". Daran hält sie sich. In Mossul beschlagnahmt sie Hilfsgüter und in Falludscha - seit Monaten unter ISIS-Kontrolle - herrschen laut dem Roten Kreuz extreme Lebensmittel- und Wasserknappheit.

6. Massakriere nicht deine Verbündeten

Fanatiker können sich gegenseitig nicht leiden, schon zu Osamas Lebzeiten waren die Gotteskrieger unter sich tief zerstritten. Al Kaida gibt sich gerne als die Mutter aller islamistischen Terror-Organisationen. In Wirklichkeit war sie das nie. Schon in den Achtzigern, als Bin Laden und seine Leute in Afghanistan gegen die Russen kämpften, wurden sie von den afghanischen Gruppen im besten Fall geduldet. Im Irak lieferte sich der Ableger der Al Kaida blutige Kämpfe mit anderen Terror-Organisationen. Diese erwähnte Bin Laden in einem Brief an die Al Kaida im Jemen. Er mahnte seine Anhänger, es sich mit potentiellen Verbündeten nicht zu verscherzen.

Isis hat jede erdenkliche Gruppe gegen sich aufgebracht. Die Kurden, die Schiiten, moderate Sunniten, Anhänger von Saddams alter Partei, die Iraner, die Alawiten, moderate Gegner der Syrischen Regierung, Jordanien, der Westen und nicht zuletzt: Al Kaida. Die Al Nusra Front - die Osama Bin Ladens Nachfolger die Treue geschworen hat - befindet sich mit Isis seit Februar in einem offenem Krieg.

7. Teile und herrsche

Aktion erzeugt Gegenreaktion. Bin Laden befürchtete, dass Al Kaida sich zu viele Gegner auf einmal schaffen würde.

Genau das hat Isis getan - und damit Prozesse initiiert, die gestandene Diplomaten nicht für möglich gehalten hätten. Amerika und der Iran nähern sich an, um gegen Isis vorzugehen. Die Türkei ist plötzlich offen für einen kurdischen Staat. Beides war vor ein paar Monaten noch undenkbar.

All das muss nicht heißen, dass Isis bald wieder verschwinden wird. Und selbst wenn: Der Irak scheint in einen Bürgerkrieg zu entgleiten. Den zu vermeiden, wird in jedem Fall ein gewaltiger Kraftakt.


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