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Tod von Osama bin Laden "Geronimo" löst Folter-Debatte aus


Haben die umstrittenen Verhörmethoden in Guantanamo geholfen, Osama bin Laden zu finden? Ja, sagen die US-Republikaner - und lösen so einen neuen Streit über den Nutzen von Folter aus.
Von Niels Kruse

Es war wohl ein Kurier, der die Amerikaner auf die Spur von Terrorfürst Osama bin Laden und damit zum Erfolg der Operation Geronimo geführt hat. Offenbar ein Kuwaiter namens Abu Ahmad, ein Vertrauter des Chefplaners der 9/11-Anschläge, Khaled Scheich Mohammed. Der sitzt seit 2003 im umstrittenen US-Gefängnis Guantanamo und hat dort die noch umstritteneren Verhörmethoden kennengelernt: 183 Mal wurde der Terrorist dem Waterboarding unterzogen. Hatte er den Ermittlern dabei den Namen von bin Ladens Laufburschen verraten? Diese Frage löst nun die Diskussion aus, ob die entscheidenden Informationen, die zum Sturm auf das Domizil und den Tod des Al-Kaida-Chefs führten, per Folter erzwungen wurden.

In Guantanamo saßen seit 2002 die "Übelsten der Übelsten" ein, wie damals ein hoher Offizier sagte. Bis zu 750 Terrorverdächtige waren in Drahtverschlägen einkerkert, viele von ihnen unschuldig, wie etwa Murat Kurnaz aus Bremen. Die Bush-Regierung genehmigte schnell "härtere Verhörmethoden", um den Gefangenen Details zu vergangenen und noch zu erwarteten Anschlägen herauszukitzeln. Die Insassen waren de facto rechtlos, die Verhörmethoden galten als Folter, der ganze Knast war ein einziger Schandfleck die USA.

Hat Obama vom System Guantanamo profitiert?

Zwar wollte Barack Obama Guantanamo nach seinem Amtsantritt sofort schließen, scheiterte mit seinem Vorhaben unter anderem aber an rechtlichen Hürden. Es wäre bitterste Ironie, wenn der US-Präsident seinen größten Antiterror-Coup nun ausgerechnet den ungeliebten und mittlerweile untersagten Methoden seines Vorgängers verdanken würde. Die US-Regierung beeilte sich deswegen auch festzustellen, dass sie keine entscheidenden Hinweise aus Folterverhören mit Gefangenen erhalten habe. John Brennan, Obamas oberster Antiterrorberater, sagte: "Wir haben in keinem bestimmten Moment spezifische Informationen erhalten, die uns nach Abbottabad führten", die Tipps seien vielmehr im Lauf mehrerer Jahre gesammelt worden.

Doch Ende April allerdings hatte Wikileaks geheime US-Dokumente über Guantanamo veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass Khaled Scheich Mohammed die Amerikaner von der Existenz des Kuriers verraten habe. Eine zweite Quelle, Abu Faradsch al Libi, die Nummer drei des Terrornetzwerks, habe die laut Hinweise laut diesen Unterlagen bestätigt. Seine Aufgabe soll es gewesen sein, eine sichere Bleibe für Osama bin Laden ausfindig zu machen. Die Erkenntnisse - so suggerieren es die von Wikileaks veröffentlichten Dokumente - führten CIA und die US-Regierung schon vor einigen Jahren zu dem Kuweiter Kurier, der seitdem unter Dauerbeobachtung der Ermittler stand, bis sie am 1. Mai zuschlugen und Osama bin Laden den Garaus machten.

"Waterboarding hat uns zu bin Laden geführt"

Die Republikaner, die die Folter in den Gefangenenlagern einst genehmigten, sehen sich nun bestätigt: "Ich würde sagen, dass unsere 'erweiterten Verhörmethoden' letztlich dazu beigetragen haben, bin Laden zu fassen", sagte der frühere US-Vizepräsident Dick Cheney. Und genau darum müsse man auch an ihnen festhalten. Der republikanische Abgeordnete und Sprecher des Kongressausschusses für Heimatschutz, Peter King, sagte frei heraus, dass es Waterboarding war, das zu den entscheidenden Informationen führte. "Diejenigen die behaupten, Waterboarding funktioniere nicht und dürfe nicht mehr angewandt werden, sei gesagt: Es hat uns direkt zu bin Laden geführt."

Aus Sicht der demokratischen Regierung allerdings stellt sich die nachrichtendienstliche Arbeit anders dar: "Es gab ein ganzes Bündel von Hinweisen aus verschiedenen Quellen, unter denen auch einige Gefangene waren", sagte Obamas Mann John Brennan. In manchen Fällen seien die Informationen "freiwillig" preisgegeben worden, in anderen "unbewusst". "Wir mussten diese Informationsteile nehmen sowie Verbindungen zwischen ihnen und allen anderen Hinweisen suchen", so Brennan.

Folter ergab keine entscheidenen Informationen

Für diese Version spricht, dass die entscheidenden Aussagen, etwa von Scheich Mohammed, bereits vor acht Jahren gemacht worden sind - und sich die Frage stellt, warum Terrorchef bin Laden nicht ebenfalls schon vor Jahren dingfest gemacht worden ist. Die "New York Times" zitiert dazu Tommy Vietor, Sprecher des Nationalensicherheitsrats: "Wenn wir 2003 diese Erkenntnisse gehabt hätten, hätten wir bin Laden auch schon 2003 gefasst." Der ehemalige CIA-Mitarbeiter und hochrangige "Verhör-Offizier" Glenn Carle wird in der Zeitung mit den Worten zitiert, dass Waterboarding zu keinen wichtigen und aussagekräftigen Informationen geführt habe.

Die Diskussion über Sinn und Wirksamkeit von Folterverhören hat gerade erst begonnen - und neue Berichte zeigen, wie gefährlich die jüngsten Veröffentlichungen von Wikileaks für die amerikanischen Geheimdienste werden können. Aus den "Gitmo-Dokumenten" geht auch der Wissensstand der US-Ermittler in Sachen Aufenthalt von bin Laden hervor. Angeblich sollen sie dazu beigetragen haben, dass die USA jetzt zugeschlagen haben. Denn, so die Befürchtung, hätte der al-Kaida-Chef von der Enthüllung erfahren, wäre er womöglich schnell woanders abgetaucht und hätte damit die jahrelange Arbeit der Ermittler zunichte gemacht.


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