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Krieg in der Ukraine Putin hat Rückzug aus Lyman laut Experten "mit ziemlicher Sicherheit" persönlich angeordnet

Russlands Präsident Wladimir Putin am Freitag in Moskau bei der Zeremonie zur illegalen Annexion von vier Regionen der Ukraine
Russlands Präsident Wladimir Putin am Freitag in Moskau bei der Zeremonie zur illegalen Annexion von vier Regionen der Ukraine
© Grigory Sysoyev / Sputnik / AFP
Mit der Vertreibung der russischen Streitkräfte aus Lyman hat die Ukraine ihrem Angreifer eine weitere herbe Niederlage zugefügt. Experten zufolge geht die Aufgabe der Stadt auf das Konto von Kremlchef Wladimir Putin höchstpersönlich.

Die Militärexperten des renommierten Institute for the Study of War halten Russlands Präsidenten Wladimir Putin für die treibende Kraft hinter dem Rückzug der Kreml-Truppen aus der strategisch wichtigen Stadt Lyman im Osten der Ukraine. "Die Entscheidung, die verwundbaren Frontlinien von Kupjansk und Luhansk nicht zu verstärken, wurde mit ziemlicher Sicherheit von Putin und nicht von der militärischen Führung getroffen", schreibt das Washingtoner Institut in einer ersten Analyse. Der Schritt lege nahe, dass Putin – der Berichten zufolge ein Mikromanagement der russischen Kommandeure vor Ort betreibe – die Verteidigung der strategisch wichtigen Gebiete der Regionen Cherson und Saporischschja im Süden weitaus wichtiger sei als die der Oblast Luhansk.

Ukrainische und russische Quellen weisen demnach übereinstimmend darauf hin, dass die russischen Streitkräfte ihre Stellungen in den Regionen Cherson und Saporischschja trotz des kürzlichen Zusammenbruchs der Front zwischen Charkiw und Isjum und sogar während des Zusammenbruchs der russischen Stellungen um Luhansk weiter verstärkten.

Die ISW-Experten berichten zudem von einem "gescheiterten Bodenangriff" russischer Truppen auf den Ort Kosatscha Lopan im nördlichen Gebiet von Charkiw. Ukrainische Soldaten hätten die Attacke laut dem Generalstab in Kiew fünf Kilometer von der russischen Grenze entfernt abgewehrt. Solche Angriffe deuteten darauf hin, dass Russland wahrscheinlich weiter das Ziel verfolge, die Kontrolle über Gebiete jenseits der von ihm rechtswidrig annektierten Regionen zurückzugewinnen und bereit sei, seine Streitkräfte für solche Offensivaktionen einzusetzen, anstatt für die Verteidigung gegen die ukrainische Gegenoffensive im Donbass.

Militärhistoriker vom Erfolg der Ukraine in Lyman beeindruckt

Russland hatte nach international nicht anerkannten Scheinreferenden am Freitag die vier Regionen Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja annektiert – obwohl die Kreml-Truppen sie nur teilweise kontrollieren. Im Norden des Gebiets Donezk musste Moskau am Samstag mit dem Verlust von Lyman eine weitere militärische Niederlage hinnehmen. Russische Quellen sprachen laut ISW auch von ukrainischen Angriffen nördlich von Lyman um Torske, Terny und Yampilske, was darauf hindeute, dass Kiew seine Bemühungen fortsetze, auch Siedlungen nördlich von Lyman einzunehmen.

Der Militärhistoriker Phillips P. O'Brien schrieb auf Twitter, dass der ukrainische Erfolg von Lyman "beeindruckender" als der Erfolg in der Region Charkiw sei. "Die Ukrainer werden womöglich nie wieder eine Gegend finden, die (von den Russen) so schlecht verteidigt wird wie Charkiw", so Obrien. Lyman dagegen sei von den Russen vor ihrer Niederlage zu einem wichtigen Stützpunkt gemacht worden, "es scheint, als hätten sie viele Truppen dort gehabt". Nach Einschätzung des britischen Geheimdienstes hat Russland beim Rückzug aus Lyman hohe Verluste erlitten.

Im Grunde versuche die ukrainische Armee, die Russen aus dem Osten und Westen ihres Landes zu vertreiben, indem sie die gegnerischen Nachschublinien und die Logistik angreife, erklärte Obrien. "Ich denke, die Art und Weise, wie die Ukrainer Lyman erobert und die russischen Truppen vertrieben haben, zeigt, wie sie den Krieg in den kommenden Monaten zu führen gedenken."

Quellen: Institute for the Study of War, Phillips P. O'Brien auf Twitter, mit DPA.

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