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Annexion ukrainischer Gebiete 900 Rubel für Männer, 600 für Frauen – wie Putin seine große Show bekommen soll

Russland, Moskau: Der Rote Platz wird für den großen Auftritt von Wladimir Putin vorbereitet
Russland, Moskau: Der Rote Platz wird für den großen Auftritt von Wladimir Putin vorbereitet
© ALEXANDER NEMENOV / AFP
In Moskau laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren: Wladimir Putin hat Russland einen großen Auftritt versprochen. Damit er ihn auch bekommt, greift der Kreml zu bewährten Mitteln: bezahlte Statisten und zusammengetriebene Studenten.  

Am Freitag wird in Moskau Großes erwartet. Wladimir Putin werde bei einer Zeremonie im Kreml Abkommen über die Aufnahme der ostukrainischen Regionen Luhansk und Donezk sowie der südukrainischen Regionen Saporischschja und Cherson in die Russische Föderation unterzeichnen, verkündete sein Sprecher Dmitri Peskow. Somit wird der Kreml-Chef die Annexion der vier ukrainischen Gebiete offiziell vollziehen. Für den Nachmittag ist ein "großer Auftritt" Putins versprochen.

Die Abgeordneten der russischen Duma haben bereits die Einladungen erhalten. Um 15 Uhr Ortszeit sollen sie sich im Großen Kremlpalast einfinden. Jegliche Aktenkoffer oder jede Art von "Handgepäck" sind ausdrücklich verboten. Nur die Damen dürfen kleine Täschchen mitnehmen. 

Der Rote Platz wird unterdessen für ein "feierliches Kundgebungskonzert" vorbereitet. Um 13.30 Uhr sollen sich die Massen vor den Mauern des Kremls versammeln. Die Feierlichkeiten selbst sollen direkt im Anschluss an den großen Auftritt Putins beginnen. In den sozialen Netzwerken und einschlägigen Plattformen zur Suche von Zuschauern für solche Events tauchten bereits vor einigen Tagen Anzeigen auf. Die Veranstalter suchen dringend nach Teilnehmern. "Gesucht werden Männer, Beschäftigung für fünf Stunden, Treffen um 13.30 Uhr, Ansehen einer Veranstaltung. Bezahlung 900 Rubel", heißt es beispielsweise in einer Annonce. 

700 Rubel für "aktive, gepflegte" Teilnehmer 

"Frauen für eine Menschenmenge erforderlich. Treffen morgen um 13.30 Uhr, Beschäftigung für fünf Stunden, Bezahlung 600 Rubel", lautet der Text einer anderen Anzeige. 

In einer anderen wird eine "bezahlte Masse für einen Flashmob am Freitag" gesucht. "Uhrzeit: 16 bis 19.30 Uhr. U-Bahn-Station Okhotny Rjad. Bezahlung 700 Rubel am Abend auf Karte. Anforderungen: zwischen 18 und 65 Jahren, aktiv, gepflegt." 

Umgerechnet erhalten also die bestellten Teilnehmer zwischen zehn und 16 Euro Lohn für ihren Auftritt. 

Das Moskauer Verkehrsministerium gab bereits am Mittwoch bekannt, dass mehrere zentrale Straßen und Uferpromenaden der Hauptstadt am 30. September vorübergehend gesperrt werden. "Bitte sehen Sie davon ab, mit Privatautos in die Innenstadt zu fahren", heißt es in der Mitteilung. Am Freitagmorgen werden demnach um 6 Uhr die ersten Straßen gesperrt. 

Studenten zu Kundgebungen gelockt oder verpflichtet 

Auch Studenten werden als Teilnehmer akquiriert. "Freunde, morgen findet in Moskau auf dem Roten Platz ein Konzert statt, an dem Stars teilnehmen werden (welche, wird nicht gesagt). Die Thematik ist politisch. Es gibt 14 Plätze. Teilnahme streng ab 18", wird in einer Telegram-Gruppe geworben. 

Studenten der Moskauer Universitäten "werden zu einer Kundgebung zur Unterstützung der 'Annexion' der besetzten Gebiete in der Ukraine gedrängt", meldet das studentische Portal "Doxa". "In Moskau verspricht man den Teilnehmern, sie von den Vorlesungen zu befreien. Die Staatliche Technische Universität Bauman Moskau bietet zusätzliche Credits für die Teilnahme an der Aktion an, fordert aber gleichzeitig eine Bestätigung in Form eines 'Selfies mit Wladimir Putin'".

Kundgebungen offenbar in ganz Russland 

Auch in anderen Städten sollen offenbar Veranstaltungen stattfinden, die Begeisterung über die Einverleibung der ukrainischen Gebiete zur Russischen Föderation suggerieren sollen. "Studenten des Moskauer Instituts für Energietechnik, der Staatlichen Universität Nischni Nowgorod, der Staatlichen Medizinischen Universität Saratow, der Staatlichen Agraruniversität Stawropol und der Russischen Staatlichen Universität Kossygin werden zu Kundgebungen und Konzerten zur Unterstützung der 'Annexion' der besetzten Gebiete in der Ukraine versammelt", berichtete "Doxa" am Donnerstagabend unter Berufung auf Aussagen von Betroffenen und Screenshots von Nachrichten mit entsprechenden Appellen. 

Die Studenten in Saratow werden demnach vom Unterricht freigestellt. An der dortigen Staatlichen Medizinischen Universität habe man die Teilnahme an der Kundgebung für alle Studenten als obligatorisch erklärt. In Nowgorod seien die Teilnehmer aufgefordert worden, keine Personen außerhalb der Universität für die Kundgebung zu rekrutieren, um "Artikel von Provokateuren in den Medien" zu vermeiden. An der Universität in Rjasan verspricht man den Studenten offenbar ihre Teilnahme an der Kundgebung als Besuch des verpflichtenden Sportunterrichts anzuerkennen. In Kemerowo wird Studenten mit dem Abgleich mit den Vorlesungs-Listen gedroht. 

Angestellte staatlicher Einrichtungen erpresst 

Neben Studenten sollen offenbar auch Beschäftigte von staatlichen Einrichtungen die Massen füllen. Der unabhängige Sender Dozhd berichtet über eine Angestellte in Moskau, die darüber klagt, dass allen, die nicht zur Kundgebung erscheinen, mit der Kündigung gedroht wird. 

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Vielleicht wird Putin sogar selbst reden: Der Kreml plant auf dem Roten Platz eine große Jubelfeier zur Annexion der besetzten Gebiete in der Ost-Ukraine. Dass die Stimmung in der Bevölkerung anders ist, berichtet Moskau-Reporter Rainer Munz, der sich auf den Straßen umgehört hat.

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