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"Der menschlichste aller Menschen": Wladimir Putin: So skurril zeigt eine neue Reality-Show den Kreml-Chef

Er wird von Frauen belagert, trifft mit der Kalaschnikow auch das entfernteste Ziel und selbst Bären zollen ihm Respekt. So präsentiert eine neue Show Wladimir Putin. Dem scheint inzwischen jedes Mittel recht, um seine Umfragewerte zu verbessern.

Wladimir Putin macht Urlaub in Sibirien 

Wladimir Putin macht Urlaub in Sibirien 

Picture Alliance

"Moskau. Kreml. Putin". So heißt das neue Werk des Kreml-Propagandisten Wladimir Soloview. Jeden Sonntag erzählt er zur besten Sendezeit in der neuen einstündigen Show, was sein Namensvetter Wladimir Putin die ganze Woche so getrieben hat. Und das, was der Kreml-Chef da jedes Mal aufs Neue leistet, grenzt schier an Übermenschlichkeit - so jedenfalls das Narrativ der Sendung. Er überwindet jede Woche tausende Kilometer, erklimmt steile Berge, zwischendurch sorgt er in der Welt für Frieden, nur um danach wieder in der Wildnis Russlands aus Kräutern Wundertees zusammenzubrauen und mit Bären zu kuscheln. 

Eigentlich sollte in der Sendung der Mensch Putin seinem Volk näher gebracht werden. Doch stattdessen wird dem Publikum ein Halbgott präsentiert, bei dessen Anblick selbst wilde Tiere buchstäblich in Ehrfurcht erstarren. Das meint zumindest sein Sprecher Dmitri Peskow. Als er über den Urlaub des Präsidenten in einer abgelegenen Region Sibiriens erzählt, weiß er zu berichten: "Das ist wilde Natur, dort sind Bären. Die Bodyguards sind also entsprechend bewaffnet, nur für den Fall versteht sich. Denn wenn ein Bär Putin sieht - und die sind keine Idioten - werden sie sich schon gebührend verhalten." Als Scherz war dies nicht gemeint. 

Die Huldigungen, die Minister, Pressesprecher und Korrespondenten erbringen, wollen nun bereits seit vier Episoden kein Ende nehmen. Die Themen wechseln schnell. Mal kümmert sich Putin um die Sorgen von Bergleuten, mal besorgt er älteren Damen Sozialbauwohungen, mal weist er seine Gouverneure zu recht. Treffen mit Staatschefs, Wirtschaftskongresse, Militärübungen: Der Präsident arbeitet ohne Unterlass, um seine Untertanen glücklich zu machen, so die Botschaft.

"Der menschlichste aller Menschen"

Um Kinder kümmert sich Putin natürlich auch. Pünktlich zu Beginn des russischen Schuljahres am 1. September präsentierte er sich den Zuschauern als großer Kinderfreund. In einem gigantischen Jugendzentrum in Sotschi, das ursprünglich als Medienzentrum für die Olympischen Spiele 2014 gebaut wurde, hörte sich der Präsident in der ersten Folge der Sendung etwa die Sorgen von Schülern an, erzählte Anekdoten aus seinem Politikerleben.

"Wenn Putin mit einem Kind spricht oder sich mit einer Mutter unterhält, sieht man, wie sehr er Kinder liebt. Er hat so eine aufrichtige, menschliche Beziehung zu Kindern", schwärmte der Moderator Soloview. "Das kann man nicht vormachen." Sein Gegenüber, Putins Pressesprecher Dmitri Peskow, setzte noch einen drauf. "Der Präsident liebt nicht nur Kinder, er liebt Menschen überhaupt, er ist ein sehr menschlicher Mensch." Das war aber selbst Soloview dann doch zu viel des Guten. "Das habe ich schon einmal gehört, über den menschlichsten aller Menschen", entgegnete er mit einem breiten Lächeln im Gesicht und hielt dabei seine strahlend weiß gebleachten Zähne in die Kamera (Soloview, der Amerika sonst so verteufelt, scheint sich komischerweise doch bei seinen US-Kollegen etwas abgeschaut zu haben). Der Ausdruck "der menschlichste aller Menschen" dürfte jedem Russen aber noch in Erinnerung sein. Einst wurden Lenin und Stalin so genannt.

Russen fallen nicht auf die Propaganda herein 

Die Lobhudeleien sind so überzogen, dass sie selbst dem sonst so an Propaganda gewöhnten russischen Publikum zu viel werden. In sozialen Netzwerken hagelt es sarkastische Kommentare. Der russische Politiker und Generaldirektor des wissenschaftlichen Zentrums für Politik und Ideologie, Stepan Salukschin, schrieb etwa auf Twitter: "... Genießt die Putin-Show. [... ] Er im Sportsaal. Er im Flugzeug. Er beim Mittagessen. Er auf den Galeeren. Offensichtlich ist es um die nationale Liebe ganz schlecht bestellt." Ein anderer Nutzer kommentierte ungläubig: "Habe mir gerade angeguckt, wie Soloview und Peskow Loblieder auf den Zaren singen. So einen Blödsinn habe ich noch nie gehört. Man gewinnt den Eindruck, als ob er bald in den Kreis der Heiligen aufgenommen werden wird."

Die Absicht hinter dem Format ist für die Zuschauer allzu offensichtlich. "Die lächerlichste, dümmste Propaganda, um die Ratings von Putin zu erhöhen. Aber viel zu viele wachen nun zu spät auf", heißt etwa in einem Kommentar zur Sendung. Und andere kommen auf kreative Ideen: "Sie sollten mal ein Reality-Format herausbringen, in dem Putin und Medwedew versuchen, mit der durchschnittlichen Rente zu überleben. Dann wird Putin keine Zeit mehr für Sport, und Medwedew für iPhones haben", schrieb ein Nutzer bissig und sprach damit das Problem an, das Russland in den letzten Monaten wie kein anderes aufwühlt: die Renten.

Wladimir Putin in der Krise 

Nach der Neuregelung steigt das Eintrittsalter in die Rente für Frauen und Männer um fünf Jahre an. Ursprünglich sollten Frauen sogar acht Jahre länger arbeiten. Das wurde revidiert. Sie sollen nun mit 60 in Rente gehen, Männer mit 65 Jahren. Bislang arbeiten Frauen in Russland offiziell maximal bis zum 55. Lebensjahr, Männer bis zum 60. Die Lebenserwartung russischer Männer liegt in manchen Regionen allerdings darunter, viele von ihnen sterben vor Erreichen des Rentenalters.  

Seit Wochen gibt es massive Proteste gegen die erste Anhebung des Renteneintrittsalters seit fast 90 Jahren. Nach dem Bekanntwerden der Reformpläne sanken Putins Umfragewerte rapide. Nur noch 48 Prozent der Wähler würden den neuesten Umfragen zufolge bei einer Wahl für Putin stimmen. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen im März 2018 wurde er noch mit 76 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Die Umfragewerte der Kreml-Partei "Einiges Russland" liegen sogar bereits unter 30 Prozent. Zunehmend sehen die Menschen in Putin nicht mehr ihren Retter. Sie beschuldigen ihn, zu viel Zeit damit zu vergeuden, Russland wieder groß zu machen, anstatt sich den Problemen der Bevölkerung zu widmen.

Liebeserklärung an den Präsidenten

Die neue Propaganda-Show wird wohl kaum Putins Beliebtheitswerten wieder auf die Sprünge helfen. "Das Programm kann man kaum als ein rational durchdachtes Propaganda-Produkt bezeichnen", schreibt die Politologin Tatjana Stanowaja, Geschäftsführerin der Beratungsfirma R. Politik, in einem Gastbeitrag für das russische Magazin "Afischa Daily". "Putins politische Selbstzufriedenheit sticht hier ins Auge. Er positioniert sich als Supermensch. Wenn man dieser Logik folgt, dann braucht das Land Putin und nicht Putin die Zustimmung der Bevölkerung." 

Das Programm sei aus vielen Gründen kontraproduktiv, erläutert Stanowaja. Vor allem aber behandele es das Thema der Renten auf eine denkbar unpassende Art und Weise. "Peskow erzählt uns, wie Putin sich plötzlich mit der Rentenfrage beschäftigt und auf Anhieb eine Lösung gefunden hat." In dem Wunsch das Genie Putins zu präsentieren, erwecken die Macher der Sendung also nur den Eindruck,  dass das Thema, das Millionen Menschen auf die Straße treibt, Putin nicht gerade interessiert - gelinde ausgedrückt.

Was soll aber dann das Ganze? "Die Sendung ist eine Liebeserklärung an den Präsidenten von seinem Umfeld, das befürchtet, für die fallenden Beliebtheitswerte des Präsidenten verantwortlich gemacht zu werden", so die Polit-Expertin.

Der russische Präsident Wladimir Putin schießt mit einer neuen Kalaschnikow auf einem Geländer des Waffenherstellers