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Unabhängigkeitstag: Abchasiens Träume aus Trümmern

Abchasien war die zweite Front im Kaukasuskonflikt. In wenigen Tagen feiert die kleine Republik am Schwarzen Meer nun ihre Unabhängigkeit von Georgien. Es ist ein Fest der Illusionen - denn längst hat sich das Land an Russland gekettet.

Von Andrzej Rybak, Suchumi

Der russische Kontrollpunkt am Inguri ist mit Sandsäcken befestigt. Zwei Panzer haben ihre Kanonen nach Osten und nach Westen ausgerichtet, in Richtung Georgien und Abchasien. Betonblöcke verengen die Spur, die nur im Zickzack zu befahren ist.

Daneben wie Hohn ein Denkmal aus der Sowjetzeit: ein Revolver mit verknotetem Lauf. Die russischen Soldaten am Schlagbaum tragen blaue Helme mit den kyrillischen Buchstaben MS: "Mirotwortscheskije Sily" - Friedenstruppen. Doch sie sind nicht hier, um Frieden zu überwachen, sondern um die neue Grenze des Imperiums zu schützen. "Das ist nun unser Land", sagt ein Unteroffizier. "Und eines Tages werden wir auch Georgien zurückholen."

Abchasien, die international nicht anerkannte Schwarzmeerrepublik, tauchte während der Kaukasuskrise als zweite Front auf. Als Georgien in Südossetien einmarschierte, nutzte Abchasien die Gunst der Stunde: Endgültig wollte man Georgien, den verhassten Nachbarn, der immer noch Gebiete im Osten kontrollierte, loswerden. Das gelang, mit russischer Unterstützung, sehr schnell. "Sie flohen wie die Hasen", prahlen heute abchasische Offiziere.

Freundschaftsvertrag zwischen Russland und Abchasien

Jüngst haben Russland und Abchasien einen Freundschaftsvertrag unterschrieben. Es war der zweite Schritt nach der Anerkennung Ende August. "Wir werden der russisch-belorussischen Union beitreten", verkündet Sergej Bagapsch, der Präsident der Minirepublik. In den kommenden Tagen wird ein Militärpakt folgen. Der Anschluss Abchasiens an Russland hat damit unwiderruflich begonnen. "Russland sammelt die Scherben des untergegangenen Imperiums auf", sagt Michail Leontjew, Chefredakteur des Moskauer Nachrichtenmagazins "Profil".

Für Abchasien ist es der fulminante Schlusspunkt eines 16 Jahre währenden Kampfes. 1992 waren die Georgier in dem abtrünnigen Landstreifen einmarschiert, daraufhin tobte ein Bürgerkrieg - den Georgien verlor. Seitdem feiern die Menschen am 30. September ihre Unabhängigkeit, auch wenn sie kein Staat anerkannte. Das hat sich geändert, und so fiebert das ganze Land auf den großen Tag hin.

In Suchumi üben Soldaten ihre Parade - auf dem Platz vor dem zerstörten Sitz der alten Autonomieregierung. Tausend Mann werden am Ehrentag mit Panzer und Haubitzen aufmarschieren. "Das wird der schönste Tag meines Lebens", sagt ein Veteran, der im Krieg einen Sohn verloren hat. "Sein Opfer war nicht umsonst", sagt er mit Tränen in den Augen. In dem Krieg waren 4000 Abchasen gefallen. Der Heldenmut der Verteidiger wird in Büchern gepriesen, jeder Taxifahrer berichtet über die Geschichte vom unabhängigen abchasischen Königreich, von der Unterdrückung durch die Georgier, die selbst die Landessprache verboten.

Auf den Straßen, wo die Wunden des Krieges Anfang der 90er Jahre noch gegenwärtig sind, verkaufen Straßenhändler Fotos des russischen Präsidenten Dimitri Medwedew gleich neben abchasischen Fähnchen. "Wir haben ihm alles zu verdanken", sagt Astanda, eine Buchhalterin. "Ohne russische Hilfe hätten die Georgier uns längst überrannt." Im Landeskunde-Museum sind rostige Gewehre und selbst gebastelte Granaten ausgestellt, erzählen Fotos und Augenzeugen von Kriegsverbrechen der Georgier. "Nach so einem grausamen Krieg kann man doch nicht in einem Staat zusammenleben", sagt die Museumswärterin.

Gut bewachte Grenze soll Abchasien vor Terroristen schützen

Gleich nach der Anerkennung durch Russland haben die Abchasen beschlossen, die Grenze zu Georgien zu befestigen. Mit Russlands Hilfe wollen sie Ultrarot-Sensoren und Bewegungsmelder installieren. "Wir brauchen aber eine gut bewachte Grenze, um Terroristen und Drogendealer fernzuhalten", sagt der abchasische Generalstabschef Anatoli Sajzew.

Bei aller Zustimmung - nicht allen gefällt die neue Politik. Im Osten der Republik, in der Region Gali leben vor allem Georgier, die Verwandte hinter der Grenze haben. Menschen wie Tolik, ein Bauer. Er belädt einen Anhänger mit Altmetall und will ihn auf alten Schmuggelpfaden über den Fluss bringen. "Wenn die Grenze dicht ist, werde ich meine wichtigste Einkommensquelle verlieren", sagt er. "Seit der Anerkennung fühlt man sich den Abchasen ausgeliefert." Dennoch will er bleiben: "Hier ist mein Haus, mein Garten. Das ist immer noch besser als ein Flüchtlingsleben."

Im Westen, nach Russland steht die Grenze dagegen weit offen: Über den Grenzfluss Psou rollen kilometerlange schwer beladene Lastwagenkolonnen nach Abchasien. Die russischen Soldaten schweigen über die Ladung und den Zielort, doch die Abchasen plaudern es aus: "Die Russen bauen die Militärbasis in Bambora wieder auf." Tag und Nacht werde dort gearbeitet. Russland hatte Bambora nach georgischen Protesten 1999 offiziell aufgegeben. Seitdem darf er nur von Friedenstruppen genutzt werden. Moskau soll bereits auch über Pläne für eine Marinebasis in Otschamtschira verfügen, wohin es Schiffe seiner Schwarzmeerflotte verlegen könnte. "Das wäre die beste Garantie unserer Sicherheit", sagt Abchasiens Vizepräsident Raul Chadschinba.

Gastfreundschaft kostet

So viel Gastfreundschaft lassen sich die Russen gern etwas kosten. Moskau überweist seit Jahren Millionen nach Abchasien. Alle abchasischen Rentner, die die russische Staatsbürgerschaft besitzen - das sind mehr als 90 Prozent - bekommen russische Renten. "Nur so können wir überleben", sagt Irina, eine pensionierte Journalistin. "Die abchasische Rente beträgt 200 Rubel, rund acht Dollar. Aus Moskau bekomme ich 2000 Rubel - zehnmal so viel."

Die Russen genießen die Beliebtheit: 200.000 Touristen haben im vergangenen Jahr Urlaub in Abchasien gemacht, vor allem in Gagra und Pizunda, die in der Sowjetzeit zu den bekanntesten Kurorten des Imperiums gehörten. "Wir wollen die touristische Infrastruktur weiterentwickeln", sagt Wirtschaftsministerin Kristina Osgan. Die 35-Jährige promoviert parallel zu ihrem Job an einer Moskauer Universität. Russische Investoren stehen schon bereit. Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow will ein neues Sanatorium in Pizunda bauen.

Eine Moskauer Gruppe hat die Ruine des Hotels Abchasia gekauft, einst das Wahrzeichen von Suchumi. Der Oligarch Oleg Deripaska sicherte sich eine ehemalige Stalin-Datscha - obwohl sie unter Denkmalschutz steht. "Die Russen haben uns in den schwierigsten Momenten unterstützt", sagt Ministerin Osgan. "Wir wollen ihnen nun entgegenkommen."

Ausverkauf an die Russen

Das Entgegenkommen gleicht einem Ausverkauf. Hunderte Wohnungen und Häuser in Suchumi, die geflüchteten Georgiern gehörten, wurden an Russen verkauft. Für sie lohnt es sich. Seit der Vergabe der Olympischen Winterspiele 2014 an das russische Sotschi, das direkt hinter der Grenze liegt, haben sich die Immobilienpreise verdreifacht. Nach der Anerkennung zogen sie erneut um 50 Prozent an.

Die Moskauerin Maria etwa, die jeden Abend ihre Dackel auf Suchumis Uferpromenade spazieren führt, besitzt bereits drei Wohnungen und ein Haus: "Vor einem Jahr zahlte ich für das Haus 17.000 Dollar. Heute bekommst du nicht einmal eine Wohnung dafür." Angst vor Forderungen der früheren Besitzer hat Maria nicht: "Sie werden kaum zurückkehren."

Die Olympischen Spiele in Sotschi sind das wichtigste Ereignis für die Zukunft der Schwarzmeer-Republik. Sie werden allerdings die Abhängigkeit von Russland besiegeln: Abchasien soll die Baustoffe für die Großbaustelle in Sotschi liefern. Das Land verfügt über alle Rohstoffe der Zementproduktion, über Gips und Sand, Granit und Dolomit. Die Vorkommen sind keine 100 Kilometer von Sotschi entfernt. Auch werden die Russen den Flughafen in Suchumi ausbauen.

Hoffen auf Olympia

Die 100.000 Gastarbeiter, die an den Olympiastadien arbeiten werden, sollen zum Teil beim kleinen Nachbarn wohnen. Schließlich sollen abchasische Bauern die Spiele mit Brot und Käse, Wein und Orangen versorgen. "Abchasien wird mit Olympia sehr viel Geld verdienen", schwärmt Osgan. Von Investitionen von 600 Millionen Dollar ist die Rede. Allein die geplante Zementfabrik in Tkwartscheli soll 170 Millionen Dollar kosten. Mit jedem Dollar steigt die Abhängigkeit.

Abchasien hat Investitionen dringend nötig. Nur jeder fünfte Industriebetrieb kann arbeiten, viele Häuser und Straßen sind zerstört, nach 19 Uhr gibt es keine Busse. Betrunkene Polizisten, die am Straßenrand ihre alten Lada reparieren, verdienen sich als Taxifahrer gern ein Zubrot.

Verheerend ist die Lage in Tkwartscheli, dem Industrieherz Abchasiens. Über ein Jahr wurde die Stadt belagert, konnte die Angriffe abwehren. "Wir sind ein zweites Leningrad", sagt Antatoli Arschba, ein Ingenieur, der die Überreste seines Kohlekraftwerks bewacht. Nur die Öfen sind noch heil. "Wir werden alles aufbauen", sagt Arschba. "Wenn der Frieden hält, werden wir es in fünf Jahren schaffen." Bis zu Olympia.

FTD