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Unruhen in Tunesien Umsturz bringt Diktatoren ins Schwitzen


Der Ruf nach Freiheit in Tunesien schreckt auch andere Staatschefs auf: In Lybien wetterte Diktator Gaddafi gegen die tunesischen Umstürzler. Im Jemen musste das Regime erleben, wie Demonstranten andere arabische Völker zur "Revolution gegen ihre lügenden Anführer" aufforderte. Und in Ägypten kursiert ein neuer regierungsfeindlicher Witz.

Die Flucht von Ex-Präsident Zine el Abidine Ben Ali aus Tunesien und die Rufe nach mehr Demokratie in dem Land finden auch in anderen arabischen Ländern ihr Echo: Im Jemen riefen etwa Tausend Studenten in der Hauptstadt Sanaa zum Sturz der Regierung nach dem Vorbild von Tunesien auf. "Freies Tunis, Sanaa grüßt dich tausend Mal", rief die Menge, der sich am Sonntag auch Menschenrechtsaktivisten angeschlossen hatten. Die Demonstranten zogen Beobachtungen eines AFP-Korrespondenten zufolge vom Campus zur tunesischen Botschaft in Sanaa. Die Studenten riefen auch andere arabische Völker zur "Revolution gegen ihre lügenden und verängstigten Anführer" auf.

"Geht, bevor Ihr abgesetzt werdet", stand auf einem der Plakate der Protestierenden, die sich damit an die jemenitische Regierung wandten. "Unser Ziel für einen neuen Jemen ist der friedliche und demokratische Wandel", sagte ein Demonstrant. Jemens Präsident Ali Abdallah Saleh steht seit 32 Jahren an der Spitze des Landes. Derzeit wird im Parlament über eine Verfassungsänderung diskutiert, die ihm den Weg für eine Präsidentschaft auf Lebenszeit ebnen könnte. Die Opposition lehnt dies ab.

In Ägypten macht seit der Flucht von Ben Ali aus Tunesien ein Witz die Runde, der die aufgebrachte Stimmung auf den Straßen der Region widerspiegelt: Das Flugzeug Ben Alis befinde sich im Anflug auf den Badeort Scharm el Scheich, den Sitz des ägyptischen Staatschefs Husni Mubarak am Roten Meer. Dort solle es allerdings nicht lange verweilen, sondern nur "weitere Passagiere" aufnehmen.

Die "Jasmin-Revolution", wie der Umsturz von tunesischen Internetnutzern getauft wurde, sei der erste Volksaufstand, der den Staatschef eines arabischen Landes zu Fall bringe - und könne den Rest der arabischen Welt "inspirieren", erklärte Amr Hamzawi vom Carnegie-Zentrum im libanesischen Beirut. Denn auch in vielen anderen Staaten der Region trieben die Menschen ähnliche Probleme wie in Tunesien um: Arbeitslosigkeit, willkürliche Polizeigewalt und Verletzung der Menschenrechte.

Gaddafi wettert gegen neue Regierung

Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi befürchtet das offenbar auch. Auf die Umwälzungen im Nachbarland reagierte er mit scharfer Kritik. "Ich kenne diese neuen Leute nicht", sagte der Diktator im libyschen Fernsehen über die neuen Machthaber. "Aber wir alle kennen Ben Ali und die Veränderungen, die in Tunesien erzielt wurden. Warum zerstört ihr dies alles?".

Er sei "schmerzhaft berührt", von dem, was in Tunesien geschehe, kritisierte Gaddafi, der selbst seit 40 Jahren an der Macht ist. "Tunesien hat sich jetzt in ein Land verwandelt, das von Banden regiert wird."

Armee geht gegen Ben Alis Leibgarde vor

Unterdessen droht Tunesien ein blutiger Machtkampf. In der Hauptstadt Tunis ging die Armee am Sonntag gegen Mitglieder der Leibgarde von Ben Ali vor, der sich nach Protesten gegen sein hartes Regime nach 23 Jahren im Amt ins Exil nach Saudi Arabien abgesetzt hatte. Die früher direkt dem Präsidenten unterstellten Sicherheitskräfte weigerten sich aufzugeben, hieß es am Vormittag in Tunis. Augenzeugen berichteten zudem von weiteren Plünderungen und von verschärften Kontrollen des Militärs.

Wie viele Verletzte oder sogar Tote es bei den neuerlichen Auseinandersetzungen gab, ist noch unklar. Bislang hieß es, mehr als 130 Menschen seien seit Beginn der Unruhen in dem beliebten Urlaubsland ums Leben gekommen, darunter befand sich auch ein deutsch-französischer Fotograf. Der 32-jährige Lucas Mebrouk Dolega hatte für die European Pressphoto Agency (EPA) gearbeitet und war während der Ausschreitungen von einer Tränengasgranate am Kopf getroffen worden. Er sei in einem Krankenhaus in Tunis seinen Verletzungen erlegen, teilte die EPA am Sonntag mit.

Wegen der Unruhen und den nächtlichen Ausgangssperre werden in Tunis die Lebensmittel knapp. "Wir haben seit drei Tagen kein Brot mehr bekommen", sagte eine ältere Frau, die am Sonntagmorgen in einer langen Schlange vor der Bäckerei des Zentralmarktes stand. "Wir hatten uns alle mit Vorräten eingedeckt, aber es wird dringend Zeit, dass wir wieder einkaufen können." Auf dem Markt waren nur etwa ein Viertel der Stände geöffnet. Händler klagten über ausbleibende Lieferungen wegen der Ausgangssperre. "Zum Glück gibt es Gemüse, aber Fleisch ist schwer zu finden", berichtete ein Mann.

Deutsche Urlauber fast alle wieder zu Hause

Die großen Reiseveranstalter haben unterdessen nahezu alle deutschen Tunesien-Urlauber wieder sicher nach Hause gebracht. Die übrigen knapp 1000 Touristen sollten bis Sonntagabend in Deutschland landen. "Alle, die zurück wollten, sind wieder sicher zu Hause", sagte ein Thomas-Cook-Sprecher am Sonntag. Nur ein "ganz kleiner Teil" habe entschieden, auf eigenes Risiko in dem Unruheland zu bleiben. Als erster großer Reiseveranstalter hatte Thomas Cook alle seine Gäste bis zum späten Samstagabend heimgeflogen. Rewe Touristik und Tui hatten für den Sonntag noch insgesamt sechs Sonderflüge mit deutschen Urlaubern geplant. Die letzte TUI-Maschine mit 30 Gästen an Bord sollte am Sonntagabend in Düsseldorf landen, wie der Konzern in Hannover mitteilte.

Weitere Tunesienreisen sagten die Reiseveranstalter vorerst ab. Thomas Cook strich alle Reisen bis zum 21. Januar, TUI, Rewe und der Reiseanbieter FTI-Group bis zum 24. Januar. Bis Ende Januar bieten die meisten Veranstalter für ihre Kunden kostenlose Umbuchungen an. Das Auswärtige Amt rät wegen der politischen Unruhen in dem Maghreb-Staat weiterhin von Reisen in das Land ab.

mad/DPA/Reuters/AFP DPA Reuters

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