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US-Außenpolitik: "Nur Träumer denken an Rückzug"

Jeffrey Gedmin, Chef des renommierten Aspen-Instituts, gilt als inoffizieller Botschafter der Bush-Regierung. Doch im stern.de-Interview räumt Gedmin ein: "Das Versagen im Irak wird tiefer greifende Konsequenzen haben als das Versagen in Vietnam."

Herr Gedmin, der Partei von Präsident George W. Bush droht eine Niederlage bei den Kongresswahlen. Haben die US-Wähler genug von einer Politik, die auf Lügen basiert, wie es Bob Woodward in seinem Buch "State of Denial" behauptet?

Bob Woodward behauptet, die Bush-Regierung habe in den vergangenen beiden Jahren versucht, die wachsende Gewalt im Irak zu leugnen. Woodward ist ein parteigebundener Autor, dessen Buch kurz vor den Kongresswahlen veröffentlich wurde. Es gibt zwar sicherlich einige Anhänger der Demokraten - wie auch manche Europäer -, die grundsätzlich der Meinung sind, Bush sei ein Lügner. Viele beziehen sich dabei nach wie vor auf Lügen im Zusammenhang mit den Massenvernichtungswaffen im Irak, obwohl auch Al Gore und Joschka Fischer der Meinung waren, Saddam verberge derartige Waffen. Ich denke jedoch, dass praktische Themen wichtiger sein werden, beispielsweise die hohen Benzinpreise und die immense Herausforderung, der wir uns im Irak stellen müssen.

Steht das Irak-Desaster für den moralischen und politischen Bankrott der Neokonservativen?

Der Irak ist ein ernsthaftes Problem für diejenigen, die den Krieg unterstützt haben, und nicht nur für so genannte Neokonservative. Auch Hillary Clinton war für diesen Krieg. Genau wie der ehemalige Außenminister Henry Kissinger. Der Präsident denkt, dass es moralisch richtig ist, den Vormarsch der Freiheit zu unterstützen, und dass uns das letztlich auch mehr Sicherheit bringen wird. Einige aus dem linken Spektrum sehen das genauso.

Doch selbst Bush hat die Situation im Irak schon mit dem Vietnam-Krieg verglichen. Hat sich der Irak zu einem zweiten Vietnam für die USA entwickelt?

Sicher, die Terroristen benutzen die Medien und hoffen weiterhin, ein Anstieg der Gewalt werde den Ausschlag geben und die USA und ihre Alliierten vertreiben. Jeden Tag gibt es neue Attacken gegen die Koalitionskräfte und irakische Zivilisten. Die Anzahl der getöteten Amerikaner ist auf mehr als 2800 angestiegen. Diese Zahl ist zwar höchst erschreckend, doch sie ist noch weit entfernt von den 58.000, die ihr Leben in Vietnam verloren haben. Trotzdem haben viele Amerikaner das Gefühl eines zweiten Vietnams. Und eines ist sicher: Das Versagen im Irak wird tiefer greifende Konsequenzen haben als das Versagen in Vietnam.

Welche?

Wir dürfen es den Dschihadisten nicht erlauben, den Irak als dauerhafte Basis für ihre Operationen zu etablieren. Darüber hinaus wäre ein "Failed State" im Irak eine Einladung an das verbrecherische Regime in Damaskus und an die Mullahs in Teheran, im Nahen Osten und anderswo, noch weitaus größeren Schaden anrichten. Angesichts dieser Fakten fällt es schwer, Europas scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber den Entwicklungen im Irak nachzuvollziehen.

Aber hat nicht die US-Regierung durch die gescheiterte Politik gegenüber Irak, Iran und Nord-Korea ein außenpolitisches Glaubwürdigkeitsproblem?

Wenn man diese Annahme akzeptiert, könnte man sagen, dass sowohl die USA als auch die EU ein ernstes Glaubwürdigkeitsproblem haben. Denn es ist unklar, ob die EU eine überzeugende Strategie für den Umgang mit Mahmud Ahmadinedschad (der iranische Präsident, Anm. der Red.) oder auch mit Kim Jong Il (der nordkoreanische Staatschef, Anm. der Red.) hat. Der Friedensnobelpreis wartet auf denjenigen, der weiß, wie man die Gewalt im Irak beenden kann. Bob Woodward selbst weist auf ein interessantes Paradoxon hin: Je mehr Verantwortung die irakischen Truppen übernommen haben, je mehr sich die US-Truppen zurückgezogen haben, desto mehr Gewalt hat es gegeben. Wer denkt, der Rückzug der USA wäre die Lösung, träumt.

Doch einige Politiker der Demokraten fordern einen baldigen Abzug der US-Truppen aus dem Irak. Was würde sich denn nach einem Wahlsieg der Demokraten im Bezug auf Irak, Iran oder Nordkorea ändern?

Gute Frage. Bill Clinton hat acht Jahre lang mit seinen demokratischen Kollegen an diesen Problemen gearbeitet - ohne Ergebnis.

Hätte denn ein demokratisch dominierter Kongress Auswirkungen auf das Verhalten der USA gegenüber den Europäern?

Zum jetzigen Zeitpunkt lassen sich kaum gravierende Unterschiede erkennen. Bush hat versucht, die Europäer schonender zu behandeln, sogar in seiner Rhetorik. Im Hinblick auf Iran hat er sich für eine führende Rolle der EU ausgesprochen.

Aber würde denn ein von den Demokraten beherrschter Kongress Bush jetzt schon zu einer "lame duck" - einem Präsidenten ohne Macht - machen?

In mancher Hinsicht ist Bush vielleicht schon eine "lame duck", etwa beim Irak. Außerdem gibt es auch eine gewisse Ermüdung der Wähler. Nach sechs Jahren können es die Menschen leid sein, immer dasselbe Gesicht zu sehen. Auf der anderen Seite geht es Bush auch wie Kanzlerin Angela Merkel - er wird häufig unterschätzt.

Egal wie die Wahl ausgeht: Bush darf bei der nächsten Präsidentenwahl 2008 nicht mehr antreten. Wer sind deshalb Ihre Favoriten für den Präsidentschaftswahlkampf 2008?

Mir gefällt bei den Republikanern John McCain, mir hätte Joe Liebermann von den Demokraten gefallen. Ich schätze auch Barack Obama sehr, einen jungen afroamerikanischen demokratischen Senator aus dem Mittleren Westen. Er ist ein "Self-Made-Man". Obama strahlt Optimismus aus und - was jedem Amerikaner gefällt - ein gesundes Maß an Patriotismus.

Interview: Malte Arnsperger/ Übersetzung: Isabel Sarasin