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US-Wahl 2020 Mit ihrem Alles-oder-nichts-Ansatz drohen die Demokraten, Trump in die Karten zu spielen

Sehen Sie im Video: Biden in Nominierungsrede – Werde Amerika einen und das Beste aus uns herausholen.




Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden hat in seiner Nominierungsrede versprochen, die Amerikaner im Falle eines Wahlsiegs wieder zu einen: "Hier und heute gebe ich Ihnen mein Wort: Wenn Sie mir die Präsidentschaft anvertrauen, werde ich das Beste aus uns allen herausholen, nicht das Schlechteste", sagte Biden am Donnerstag in seiner Heimatstadt Wilmington im US-Bundesstaat Delaware. "Ich werde auf der Seite des Lichts stehen, nicht auf der der Finsternis." Die Nominierungsrede Bidens bildete den Abschluss des viertägigen Parteitags der Demokraten, der wegen der Corona-Pandemie online abgehalten wurde. Biden geht mit der kalifornischen Senatorin Kamala Harris als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft ins Rennen. Gewählt wird am 3. November.
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Alles egal, nur Trump muss weg. So viel für diesen Wahlkampf-Ansatz der US-Demokraten sprechen mag, so dünn ist das Eis, auf dem sie sich bewegen. Denn sie polarisieren damit – wenn auch notgedrungen. Doch Polarisierung ist nun mal das Metier von Donald Trump.

Es gehört zu den bekanntesten Zitaten des fiktiven US-Präsidenten Francis Underwood aus der TV-Serie "House of Cards". Als der skrupellose Politiker, gespielt von Kevin Spacey, sich mit Taktik und Intrigen ins Präsidentenamt manövriert hat, ohne dafür eine einzige Wählerstimme zu benötigen, blickt er kühl und leicht mitleidig in die Kamera und sagt: "Demokratie wird so was von überschätzt."

Underwood ist übrigens Demokrat. Umso ungeheuerlicher dieser Satz. Seine Parteikollegen aus dem wahren Leben könnten die Demokratie dagegen nicht höher auf den Schild heben als sie das auf ihrem Parteitag jetzt getan haben. Ob Joe Biden oder Kamala Harris, Barack oder Michelle Obama, Hillary oder Bill Clinton, ob der betagte Ex-Präsident Jimmy Carter oder die junge Musikerin Billie Eilish – sie alle haben die Präsidentschaftswahl im November zu nichts weniger gemacht als einer Abstimmung über die US-Demokratie selbst. Die oder wir, gut oder böse, Demokratie oder Willkür, alles oder nichts.

In den TV-Duellen kommt es zum Showdown

Das klingt nach einer einfachen Entscheidung. Wer will schon auf Meinungsfreiheit und Wahlrecht verzichten, sollte man meinen? Doch Vorsicht! Zum einen vertraut laut Umfragen des renommierten Pew Research Centers eine knappe Mehrheit in den USA darauf, dass die Regierung schon das Richtige für ihr Land tut, während die, die damit zufrieden sind, wie die Demokratie funktioniert, knapp in der Minderheit sind. Zum anderen sind Vereinfachungen, ja Simplifizierungen, bekanntlich das Metier des Populisten im Weißen Haus. Wenn Trump etwas bewiesen hat in seiner Amtszeit, dann, dass er spalten und polarisieren kann.

Spielen die Demokraten Trump also womöglich in die Karten? Nicht auszuschließen – allen "historischen" Reden zum Trotz. Zumindest ziehen die "Blauen" mit einem Präsidentschaftskandidaten in den Kampf ums Oval Office, der vor allem als freundlich und versöhnlich gilt; als einer, der sich kümmert, der die Nation wieder einen will. Das scheint angesichts der Zerrissenheit des Landes auch nur logisch. Und doch muss Joe Biden ausgerechnet im alles entscheidenden Punkt das tun, was er am schlechtesten kann: intensiv polarisieren, den anderen in die Ecke stellen, ihn so schlecht wie möglich aussehen lassen. Denn Argumente, auch das haben die vergangenen Jahre gelehrt, zählen nicht. Kann Joe Biden da wirklich bestehen? Vor allem in den direkten TV-Duellen, wenn der polternde Trump sein Spiel genießt und seine Trümpfe ausspielt, und zwar in erster Linie dann, wenn es so richtig fies wird, was zu erwarten ist? Dass der freundliche Charakter Biden dann zurückschlagen kann, daran darf man redlich zweifeln. Kamala Harris oder Barack Obama werden ihm in diesen Momenten jedenfalls nicht helfen können.

Hatten die Demokraten überhaupt eine Wahl?

Andererseits: Was blieb der Demokratischen Partei denn anderes übrig? Wie sollten sie sonst gegen diesen beispiellosen Präsidenten zu Felde ziehen? Einen Präsidenten, der für Argumente nicht empfänglich ist, der sich um nichts schert, nicht um die Wahrheit und auch nicht – wie Wissenschaftler immer deutlicher erkennen – um die Demokratie. Und der dennoch dank seiner rücksichtslosen "America first"-Politik in den Weiten des Landes viel Zustimmung erntet. Bedeutet aber auch: Trumps Mission ist offensichtlich schon so weit fortgeschritten, dass er seine politischen Gegner von vornherein auf sein Terrain zwingt. Vorteil Trump also – zunächst einmal.

Vize-Kandidatin Kamala Harris tat daher sehr gut daran, ihre Partei auf einen äußerst schwierigen Wahlkampf einzuschwören. "Täuscht Euch nicht: Der Weg vor uns wird nicht leicht", sagte sie in ihrer viel beachteten Antrittsrede völlig zurecht. Und weiter: "Wir werden straucheln. Wir werden womöglich hinter den Erwartungen zurückbleiben. Aber ich verspreche euch, dass wir kühn handeln und ehrlich mit unseren Herausforderungen umgehen werden." Nichts weniger als das wird nötig sein, wollen die Demokraten ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden.

Der Hut liegt im Ring

Der Hut liegt nun im Ring, die Messlatte ist hochgelegt. Auf dem Hut kann und wird Trump von nun an herumtrampeln, ganz besonders kommende Woche, wenn die Republikaner ihn auf ihrem Parteitag formal wieder zu ihrem Kandidaten machen. Doch was ist, sollte es Trump gelingen, die Latte zu überspringen? Oder was – auch das ist denkbar – wenn er sie einfach einreißt, indem er im Falle einer Niederlage die Wahl nicht anerkennt, wofür er schon seit Wochen die Voraussetzungen schafft? Dann müssten – Francis Underwood lässt grüßen – die Demokraten schmerzlich erkennen, dass sie die Demokratie in ihrem Land tatsächlich "so was von überschätzt" haben. Was immer das für die Partei, für die Vereinigten Staaten und die Welt bedeuten würde.


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