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US-Finanzkrise: Auf dem Hügel der Ignoranz

Nach dem überraschenden Scheitern des 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspakets für die Finanzindustrie beginnen in den USA die Schuldzuweisungen. Tatsächlich steht das selbstmörderische "Nein" des Kongresses auch für den Niedergang der Vereinigten Staaten.

Von Katja Gloger, Washington

Der amerikanische Leitindex Dow Jones war schon im freien Fall, da begannen bereits die Schuldzuweisungen. Die Abgeordneten im US-Kongress überboten sich geradezu mit Erklärungen, Theorien und Begründungen dafür, warum sie das größte finanzielle Rettungspaket in der Geschichte der USA am Montag mehrheitlich abgelehnt hatten. Ein Ergebnis, das selbst Eingeweihte überrascht hatte. Schließlich hatten Vertreter der Republikaner und Demokraten tagelang zäh mit Finanzminister Henry "der Hammer" Paulson über das 700-Milliarden-Paket verhandelt. Sie hatten mehr Hilfen für bedrängte Hausbesitzer herausgeschlagen und die finanziellen Risiken für den Steuerzahler abgemindert.

In der Stunde der Not hatte man sich auf dem "Hill", dem kleinen Hügel, auf dem das schneeweiße Kongressgebäude strahlt, zunächst geeinigt. Doch die Übereinkunft hielt nicht lange.

Und während der Dow Jones minütlich weiter ins Bodenlose fiel, zankten sich die Herren auf dem Hügel, als ob es wirklich kein Morgen gäbe.

"Wir haben es mit einer Regierung zu tun, die in Zeiten einer tiefen Krise nicht funktionsfähig ist", notierte der Wirtschaftkommentator Paul Krugman ebenso traurig wie treffend. "Im Kongress agiert eine Gruppe Verrückter und dem Weißen Haus traut sowieso niemand mehr über den Weg. Wir sind eine Bananenrepublik mit Atomwaffen."

Vor allem die Republikaner gerieten in Erklärungsnot. Schließlich hatten zwei Drittel der Abgeordneten der Partei, zu der auch US-Präsident George W. Bush gehört, mit "Nay" (Nein) gestimmt. Kongressvorsteherin Nancy Pelosi von den Demokraten sei schuld, hieß es, sie habe eine "parteiische" Rede gehalten, zu viel Kritik an Bush geübt. Als ob auch nur ein einziger Republikaner noch einen Pfifferling auf Bush geben würde. Jetzt, wenige Wochen vor dem faktischen Ende seiner Amtszeit, ist er lahmer als eine lahme Ente.

In Wahrheit sei der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama schuld, griffen die Manipulatoren aus dem Lager seines Kontrahenten John McCain an. Schließlich habe Obama das Rettungspaket für die Wall Street anfangs nur zögerlich unterstützt, die Verhandlungen anderen überlassen. Für Kritik dieser Art hatten die PR-Profis des Demokraten nur ein müdes Lächeln übrig: Hatte sich nicht John McCain noch am Montagmorgen als Retter der US-Wirtschaft präsentiert und sich nach Telefonaten mit Abgeordneten ganz sicher gegeben, der Rettungsplan werde verabschiedet?

In normalen Zeiten würde eine Abstimmungsniederlage dieser Art zum politischen Ritual des Kongresses gehören. Man tut so, als ob man der Regierung (sprich: dem bösen Staat) eine Lektion erteilt, ereifert sich ordentlich, setzt ein paar Gesetzesänderungen durch und kann bei den Wählern ein paar Punkte machen.

Aber die Zeiten sind nicht normal. Gestern hielten die Damen und Herren auf dem Hügel der Ignoranz dem ganzen Land die Pistole an den Kopf.

Ja, der Rettungsplan der Regierung ist umstritten. "Bailout-Bill" nennt man ihn verächtlich, "Freikauf-Gesetz". Einer Umfrage zufolge stehen ihm die meisten Amerikaner skeptisch gegenüber. Denn die Wähler, die Millionen hart arbeitender Menschen hassen die Vorstellung, dass mit ihren Steuergeldern nun auch noch gierige Wall Street Banker "entschädigt" werden sollen. So wie es nun einmal zum Selbstverständnis dieser Nation gehört, dass man seines eigenen Glückes - und seiner eigenen Katastrophen - Schmied ist, so hat man sich auch nach einer Niederlage aus eigener Kraft wieder nach oben zu arbeiten.

Der Rettungsplan sei der erste Schritt auf dem "schleichenden Weg in den Sozialismus", schwadronierte ein republikanischer Abgeordneter aus Texas. "Und wieder einmal zeigt sich: Politik ist lokal", schrieb hingegen ein Kommentator der Washington Post. "Denn es geht um die Wiederwahl vieler Abgeordneter im November."

In Wahrheit war das trotzige, selbstmörderische "Nay" auf dem Hügel der Ignoranz auch ein Symbol für den Zustand Amerikas. Als ob man sich - ein letztes Mal - nicht eingestehen will, dass in diesen Tagen eine Ära zu Ende geht. Die Wall Street ist tot, der Kapitalismus in seiner derzeitigen Form auf der Intensivstation. Zurück bleibt ein geschwächtes, verunsichertes Amerika. Ein Land im Niedergang. Es muss sich rasch besinnen, damit es die Welt nicht weiter mit nach unten reißt.