HOME

US-Soldaten: "Ich hatte 'ne super Zeit im Irak"

1000 tote US-Soldaten im Irak - und 7000 Verwundete, die fast in Vergessenheit geraten sind. Sie sind entstellt und verbrannt. Und sie versuchen sich und die Welt davon zu überzeugen, dass sich ihr Opfer gelohnt hat.

Woher kommt dieses Lachen? Dieses befreite, fröhliche Lachen? Wie können sie lachen, wenn doch eine Granate ihre Beine zerfetzt hat? Schwärmen von einem Krieg, der aus ihren jugendlichen Gesichtern Kraterlandschaften formte? Und weshalb haben sie keinen sehnlicheren Wunsch, als zurückzukehren in den Irak, in diesen nicht zu gewinnenden Krieg? Was ist das für eine eigenartige Welt dort oben im vierten Stock des Militärhospitals von San Antonio,Texas, wo die Amputierten landen, die Verbrannten und all jene Fälle, die im Niemandsland zwischen Leben und Tod festhängen?

Was sind das für Fragen

, antworten sie. Naive, dumme Fragen. Wer den Krieg nicht erlebt hat, könne diese Kameradschaft nicht verstehen. Wer nicht bereit sei, für sein Land ein Bein zu opfern, solle das Wort Patriotismus nicht in den Mund nehmen. Sie klingen, als duldeten sie keinen Widerspruch. Sie sitzen in einem Aufenthaltsraum im Ostflügel und klingen wie Veteranen, die in glühender Nostalgie zurückblicken auf die gute alte Zeit. Dabei sind sie Anfang 20. Sie haben einen Bart, der noch kein richtiger Bart ist. Sie heißen Coates, Garriga, Leverkuhn und Jackson und mögen alle ihre unterschiedlichen Geschichten haben, Geschichten voller Tragik und Glück, aber wenn es um diesen Krieg geht und dieses Land, dann passt kein Blatt zwischen sie und schon gar kein Reporter aus dem alten Europa.

Was er alles wissen will, dieser Reporter. Ob der Krieg im Rückblick nicht schrecklich sei, unrecht und ein Fiasko. Wie mitleidig er blickt, dieser Reporter, als sei das Leben ohne Gliedmaßen ein Stigma. Das Leben fängt jetzt erst richtig an. Coates hat sich gerade verlobt. Leverkuhn ist frisch verliebt. Der beinamputierte Jackson wird demnächst mit dem Präsidenten joggen. Und Garriga, der schon auf halbem Weg in den Himmel war, will auf Erden wieder kämpfen. Das ist die Wahrheit, die die Welt hören sollte, Herr Reporter, nicht immer nur die Lügen und Untergangsszenarien, die die Medien verbreiten, sondern Storys über echte Helden.

Da wäre Coates. Specialist Aaron Coates aus Kalifornien, 173rd Airborne Brigade, 24, blond, schlank, ein Kerl, der schon im Kosovo kämpfte. Als Coates zwei Wochen nach dem Überfall auf seinen Militärkonvoi aus dem Koma erwachte, fiel sein erster Blick auf die rechte Hand. Sie hatte keine Finger mehr. Er blickte auf die linke Hand. Sie hatte nur noch drei Finger. Er blickte in den Spiegel und sah ein Gesicht, das er nicht wiedererkannte, und Ohren, die auf die Hälfte heruntergebrannt waren.

Coates musste schlucken,

aber weinen würde er nicht. Diesen Gefallen würde er den Terroristen nicht tun. Er erinnert sich auch nicht, schockiert gewesen zu sein, nur an seine ersten Gedanken erinnert er sich noch gut: Ich muss zurück zu meinen Kameraden, zurück auf meinen Truck, was haben die irakischen Schweine mit meinem Truck gemacht, ich fahre los, nach Kirkuk, vielleicht schon morgen. Es war Donnerstag, der 12. September 2003, und Kirkuk war 5000 Meilen entfernt.

Coates bat die Ärzte um Erlaubnis, doch die fragten nur zurück: Wie willst du ohne Finger schießen, Coates? Wie willst du mit verbrannten Augen den Feind erspähen? Wir hoffen, dass du überlebst. Da knallte auf einmal die Realität in Coates Leben. Draußen schoben sich Soldaten ohne Arme und Beine über den Flur, und aus den Zimmern drangen die Schreie der Männer, denen tote Haut abgeschabt wurde. Er war auf der Intensivstation des Brooke Army Medical Center, und seine Zeit beim Militär war zu Ende.

Das BAMC ist ein sternförmiger Backsteinbau in der baumlosen Weite von Texas am Highway 35. Fährt man nach Süden, gelangt man zur Kelly Airforce Base. Fährt man nach Norden, trifft man auf die Randolph Airforce Base. Und entscheidet man sich für die Straße vor dem Eingang, stößt man auf Fort Sam Houston mit seinen 33.000 Soldaten und zivilen Angestellten. Wenn es so etwas gibt wie eine US-Militärhauptstadt, ist dies San Antonio, 150 Meilen nördlich der Grenze zu Mexiko. Selbst der Golfplatz gehört dem Militär und der Massen-Discounter.

Es sind bedrückende Tage

in der Stadt. Die vergangenen Wochen gehören zu den schlimmsten im Irak. 67 tote GIs allein im August und noch viel mehr Verletzte. "Das Business zieht wieder an", sagt Major Louis Stout. Stout ist Leiter der Intensivstation. "Wenn wir voll sind, wissen wir, wie die Lage am Boden ist", sagt er. Dann brauchen sie hier keine Frontberichte. Dann müssen sie sich nur ihre Patienten anschauen, junge zerfranste Körper, die die Geschichte dieses Krieges erzählen, eines Guerillakrieges: Wenn die Amputierten kommen, gab es wieder einen Granatenangriff oder eine Minenexplosion. Kommen die schwer Verbrannten, ist ein Helikopter abgeschossen worden oder ein Benzintruck in die Luft gegangen. Und kommen sie in Scharen, ist das V-Wort wieder im Umlauf - Vietnam.

Coates ist seit zwölf Monaten hier. Er sitzt breitbeinig im Zimmer und kratzt sich das vernarbte Gesicht. Er wartet auf seine elfte Operation. Die Ärzte wollen die Brandnarben an der Hand glätten, damit er die Finger etwas spreizen kann. Er wird keine Faust mehr machen können, haben sie ihm gesagt, aber vielleicht wieder Auto fahren. Er wird keine Frau mehr streicheln können, keine Schuhe binden oder Bälle werfen, aber er kann gehen. Und Coates geht, geht in Bars und ins Kino. Sollen sie ihn ruhig sehen mit seinem entstellten Gesicht. So sieht einer aus, der fürs Vaterland kämpft. So sieht sie aus: die mobile Werbefläche für bedingungslosen Patriotismus.

Coates war in Kirkuk

im Nordirak stationiert. Er war verantwortlich für den Fuhrpark seines Regiments. Tag für Tag fuhr er Strecken rund um Kirkuk und lieferte Treibstoff. Alles war ruhig, fast langweilig, bis sein Konvoi am 30. August aus einem Kornfeld heraus angegriffen wurde. Drei Granaten trafen Coates' Truck, gefüllt mit 5000 Liter Kerosin. "Das Führerhaus stand sofort in Flammen", erzählt er. "Das Feuer kroch über Arme und Nacken, aber ich blieb sitzen und fuhr noch von der Straße. Wollte nicht, dass meine Kameraden in die Explosion reinfahren. Bin dann rausgesprungen, bei 45 Meilen pro Stunde. Ist schon Scheiße, so nackt und verkohlt im Sand zu liegen. Das Feuer hat sich bis zu meinen Knochen durchgebrannt. Die anderen dachten, ich sei tot. Die hatten noch zu tun und haben die Angreifer gekillt."

Man versteht ihn nur schlecht. Die Narben um Coates' Mund behindern die Lippen. Seine Augen sind geschädigt, seine Trommelfelle gerissen, und wenn er lacht, bremst ihn seine Haut. "Ist zu ertragen", sagt er cool. Depressionen? "Nein. Hab' nicht einmal einen Psychologen gebraucht." Reue? "Warum das denn? Ich hatte 'ne Superzeit im Irak. Würde es genau so wieder machen. Halb so schlimm, längst nicht so schlimm wie bei Jackson oder Garriga. Das sind echte Helden."

Militärpolizist Gabriel Garriga, 20, Sohn puertoricanischer Einwanderer, liegt im Zimmer nebenan, unter einer US-Flagge, die zu groß ist für die Wand. Über seine Arme ziehen sich Brandnarben, aus seinem Bauch ragt eine große rosafarbene Blase. "Sie mussten meine Gedärme auslagern", sagt Garriga. "Die waren so geschwollen, dass sie drohten, Lunge und Herz zu zerdrücken. Fünf Wochen lagen sie außerhalb meines Körpers." Er muss ein bisschen grinsen. "Ich hatte 15 Operationen in vier Wochen, 53 Prozent meiner Körperoberfläche sind verbrannt, sieben Monate konnte ich nichts essen, ziemlich verrückt, oder?" Er grinst so stolz, als hätte er es ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft.

Garriga saß auf dem Dach eines Humvee, als dieser bei einer Verfolgungsjagd gegen ein Militärfahrzeug fuhr und explodierte. Erst bohrte sich der Granatwerfer in seinen Bauch, dann rutschte er selbst in die Flammen. "Als ich zu mir kam, sah ich nur Orange und meine verbrannte Haut, die schlaff an mir herunterhing. Ich verlor das Bewusstsein und wachte erst sechs Wochen später in Texas wieder auf. Die Ärzte schätzten meine Überlebenschance auf fünf Prozent, aber die haben ihre Rechnung ohne Gott gemacht." Garriga muss wieder grinsen, und es ist nicht auszumachen, ob er stolz ist oder einfach nur unsicher. Oder traumatisiert.

An seinem Bett sitzt die Mutter, Tag und Nacht, seit zehn Monaten. Sie hat ihren Job in Illinois aufgegeben und liest ihrem Sohn jetzt Briefe wildfremder Leute vor. Mehr als 500 Briefe haben ihn erreicht, die Frau Garriga jetzt gern vorlesen möchte. "Lieber Gabriel, danke für deinen Dienst am Vaterland", beginnt einer. "Du bist in Gottes Hand und immer in unseren Gebeten", ein anderer. Garriga glaubt, dass die Gebete der Amerikaner ihn gerettet haben. Es ist ein großartiges Land, dieses Amerika. Es kann Diktatoren beseitigen und Länder befreien und Tote zum Leben erwecken, und da soll ihm jetzt keiner mit Glück oder Zufall kommen, schon gar kein Reporter aus dem säkularen Europa.

In den Krieg zog Garriga mit 17, gleich nach der High School. Und nie, so findet er, gab es einen besseren Grund als nach dem 11. September. Da dachte er sofort an Rache. An einen fulminanten Gegenschlag. An eine Demonstration der Macht. Da dachte er wie sein Präsident.

Und wie sein Präsident

hat Garriga jetzt eine Frage: "Sind wir nicht besser dran, da wir den Verrückten in Bagdad beseitigt haben?" Es ist die Frage, die der Reporter beantworten soll. Und John Kerry. Und Amerika. Es ist die Frage, die die Wahlen entscheiden könnte.

Draußen auf dem Flughafen bringt eine C 103 eine neue Lieferung schwer Verletzter aus dem Militärkrankenhaus Landstuhl. Sie liegen zwischen Spezialkissen, um sie gegen Stöße zu schützen. Ihre Körper sind in silberne Wärmefolien gewickelt, weil ihre natürliche Schutzschicht, die Haut, nicht mehr funktioniert. Vor fünf Jahren, sagt Major Stout, wären sie gestorben. Damals benutzte die US-Armee noch keine kugelsicheren Westen, die vor Stahlkerngeschossen der Kalaschnikows schützten Und damals ließ sich noch lange nicht so viel Haut im Labor für Schwerstverbrannte züchten. So macht der Fortschritt aus Toten schwer Verletzte. Etwa 7000 sind es in diesem Krieg. Die Zahl wird selten genannt neben den mehr als 1000 US-Toten.

Der Militärpsychologe Alfredo Montalvo betritt das Zimmer und sagt, wenn er diese jungen Kerle sehe, kämen ihm Zweifel am Krieg, aber darüber reden dürfe er nicht. Ein Junge geht über den Flur, mit geschwollenem, knallrotem Gesicht, in dem man die Augen nur erahnen kann. Ein Weißer, dessen Arm amputiert wurde, läuft mit einer braunen Prothese herum ("Ich sage einfach, der eine Arm war auf den Bahamas und der andere nicht"). Täglich besucht Montalvo die Soldaten. Er soll jene, die noch einsatzfähig sind, mental wieder fit machen für den Krieg und jene, die es nicht sind, vor dem Selbstmord bewahren. Montalvo hat dichte graue Haare und ein fröhliches Gemüt. "Wir nehmen die Arbeit sehr ernst", sagt er. "Wir wollen kein zweites Vietnam." Aus Vietnam kamen Psychowracks zurück und landeten als Junkies auf der Straße. Jetzt kommen Helden und landen bei Montalvo und Pfarrern und in Spezialkliniken. "Die Jungen heute haben eine unfassbare Moral", sagt er. "Aber ich weiß nicht, wie es ihnen in zwei Jahren geht."

Montalvo sagt den Jungen, es sei okay, wenn sie traurig sind, aber sie sind nicht traurig. Montalvo sagt, sie könnten ihre Wut ruhig rauslassen, Wut auf den Krieg, den Präsidenten - aber sie sind nicht wütend. Sie können nur diese ewigen Fragen nicht mehr hören, dieses Bohei um Massenvernichtungswaffen. Ja, vielleicht gab es keine Massenvernichtungswaffen, aber dann gab es eine unmittelbare Bedrohung. Und wenn es keine unmittelbare Bedrohung gab, dann immerhin Terroristen.

Und sollte es wirklich keine Terroristen im Irak gegeben haben, dann zumindest viele arme Kinder, denen sie die Freiheit geschenkt haben. Und wenn das als Kriegsgrund nicht ausreicht, dann gab es eben einen Befehl. Aus! Basta!

Sie reden so

, als müssten sie den Krieg an der Heimatfront fortführen, gegen aufständische Medien und die vaterlandslose Meinungsguerilla. Was sollen sie auch sagen? Dass sie ihre Beine für einen Fehler hergegeben haben?

Leverkuhn nahm sich sein Bein selbst. Ein fröhlicher Kerl aus Indiana, 20, blond und athletisch, Sohn einer mittellosen, alleinstehenden Mutter. Er hatte kein Geld für die Universität, also verpflichtete er sich als Reservist der Armee, 209. Quartermaster Kompanie. Noch bevor sein Studium begann, fing der Krieg an. Bei Ramadi, 100 Kilometer westlich von Bagdad, wurde sein mit 8000 Liter Benzin beladener Truck von Granaten beschossen. "Es gab einen gigantischen Feuerball", sagt Leverkuhn. "Ich wurde rausgeschleudert und sah, dass die Knochen aus meinem Bein herausschauten." Seinen Kameraden Henderson und Frist rief er noch zu: "Alles nicht so schlimm, bin leicht angeschlagen." Henderson hatte eine Kugel in der Schulter, Frist schwere Verbrennungen. Er starb drei Tage später im BAMC. Kurz darauf kamen die Ärzte zu Leverkuhn und sagten: "Wir können dein Bein retten. Aber du wirst wohl immer humpeln. Oder wir nehmen es einige Zentimeter unterhalb des Knies ab." Da saß Leverkuhn nun, ein sorgloser Junge vom Land, der sonst vor der Wahl Pepsi oder Coke stand, und sollte sich für oder gegen sein Bein entscheiden. "Nehmt das Bein ab", sagte er schließlich.

Die Entscheidung bedauert Leverkuhn bis heute nicht. Er trägt eine Prothese, mit der er das Gehen erlernt wie ein kleines Kind. Der Krieg habe ihn stärker gemacht, sagt er. Er lebe jetzt viel bewusster. Im Krankenhaus fand er sogar die Liebe seines Lebens. Er schreibt ihr Liebeslieder. Er holt seine Gitarre hervor und singt: "This feeling that I hold deep inside won't melt away in my heart, even though we're far apart." Er klingt sehr glücklich. Sie klingen alle merkwürdig glücklich. Vielleicht liegt es am Presseoffizier, der die Gespräche überwacht. Oder am Korpsgeist der Armee, der jede Kritik zum Verrat macht. Oder nur daran, dass sie am Leben sind.

Jackson. Der Name Jackson geistert über die Flure wie der einer mysteriösen Heldengestalt. Nationalgardist B. J. Jackson, 22, der Sohn eines Gewerkschaftsbosses aus Iowa. Er sollte eigentlich nicht in diesen Krieg, bettelte aber so lange, bis sein Kommandant ihn doch mitnahm. Jackson wurde nicht nur von Granaten getroffen, sondern auch von den Phosphorsplittern einer Mine. Jackson ist der Superheld unter all den Helden im BAMC.

Am 7. August 2003

kaufte er in Bagdad eine Puppe für seine älteste Tochter. Als er wieder losfahren wollte, flog sein Humvee durch die Luft und brannte völlig aus. Sein linkes Bein lag auf der Straße. Sein rechtes hatte sich ums Bremspedal gewickelt. Da saß er eingeklemmt in den Flammen, bis sein Kamerad Becker ihn herauszog. Als Jacksons Bein hakte, riss Becker die Sehnen durch. Ein wahrer Fighter, dieser Jackson. 27 Bluttransfusionen, drei Lungenentzündungen, amputierte Finger, verbrannter Arm und Kopf, ein Körper, der nicht mehr leben konnte, aber noch nicht sterben wollte. Drei Monate nach dem Anschlag bekam Jackson neue Beine. Vier Wochen später stand er in den Rocky Mountains auf Skiern. Gleich am zweiten Tag brach er sich bei einem Sturz die Prothesen und den Stummel seines Schienbeins.

Jackson lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in einer umgebauten Tankstelle in Iowa, ein Zimmer, ein Bett, an der Wand die Zeichnung einer vollbusigen Soldatin im Tarnanzug. Auf dem Tisch liegt eine Mappe sämtlicher Zeitungsartikel über ihn. Jackson war die Geschichte der Gegend, die Geschichte des Staates. Im April entdeckte der Präsident die Geschichte für sich und machte auf seiner Wahlkampftour einen Stopp in Iowa. "Es war ein großes Mediending für Bush", sagt Jackson. "Sie haben mich so neben ihm postiert, dass es gute Bilder gab." So grinsten sie für die Kameras. Der Präsident und der Lokalheld. Zwei Fighter. Zwei, die Kurs halten.

Jackson redet nicht gern über die schlimmen Dinge. Da ist er wie sein Präsident. Er redet lieber über die positiven Dinge, zum Beispiel über den Präsidenten. Seine 20-jährige Frau Abby kommt ins Zimmer und beschwert sich, dass die Armee den Rollstuhl nicht bezahlen will. Dass ihr schwerbehinderter Mann immer noch Dienst in Camp Dodge schieben muss. Dass es für zwei verlorene Beine nur 2500 Dollar Rente gibt. Aber Jackson will das nicht hören. Er liegt auf dem Sofa und ruft: "Abby, hol mir mal meine Beine."

Seine Frau bringt ihm die Beine

aus dem Keller, zwei lange Stäbe aus Titan und Carbonfiber, die auch die Olympiasieger der Paralympics benutzen. Den oberen Teil hat Jackson mit Comicbildern beklebt, damit sich seine Kinder nicht so vor den Beinen fürchten. Am liebsten geht er in kurzen Hosen in die Stadt, und wenn die Menschen ihn ansprechen, erzählt er von einer ehrenvollen Mission im Kampf gegen den Terror mit heldenhaften Kameraden.

Seine Frau Abby erzählt eine andere Geschichte, die einer bangenden Ehefrau und einer falschen Mission, und je schlechter der Krieg läuft, desto mehr ärgert sie sich über Bush und die Lügen und die Beine, die im Irak blieben.

Jackson will nicht mehr über den Krieg reden. Er will leben und mal nach Disneyland und neun Kinder und jetzt ein Gelände für seine Disco suchen. Der Nationalgardist Jackson will im Agrarstaat Iowa eine deutsche Techno-Disco aufmachen.

Armeereservist Chris Leverkuhn will Sozialarbeiter werden und eine Familie gründen. Militärpolizist Gabriel Garriga will in Illinois Tontechnik studieren. Specialist Aaron Coates wird im Sommer heiraten und hofft auf einen Job als Kraftstofftechniker. Militärpsychologe Alfredo Montalvo muss in den Irak. Es ist sein erster Krieg. Er ist 48 und hat zwei Kinder. "Ich habe Angst", sagt er. "Natürlich habe ich Angst."

Jan Christoph Wiechmann / print