US-Vorwahlkampf McCain im Schlamm des Südens


Es war ein massiver Ansturm aus Lüge, Hetze und Beleidigung: Vor acht Jahren beendete eine Schmutzkampagne in South Carolina die Hoffnungen des US-Präsidentschaftskandidaten John McCain. Nun wählen die Republikaner wieder in dem Südstaat. Der Kandidat McCain hat sich verändert, doch die Geister von damals sind geblieben.
Von Tobias Betz

Der Schmutz fiel auf ihn nieder, und blieb an ihm haften. John McCain, der Kriegsveteran, der erfahrene Senator aus Arizona, hatte viele Schlachten in seinem Leben geschlagen. Doch diesem massiven Ansturm aus Lüge, Hetze und Beleidigung hielt er nicht stand. Er verlor die Vorwahlen in South Carolina, und erlitt eine entscheidende Schlappe im Rennen um die Nominierung des Präsidentschaftskandidaten für die Republikaner: Der Sieger im Jahr 2000 hieß George W. Bush.

Für McCain läuft es zunächst rund

In Iowa war McCain damals nicht angetreten, er hatte alles auf die zweite Vorwahl in New Hampshire gesetzt. Und seine Strategie ging zunächst auf, er siegte überraschend vor George W. Bush, und wie. Mit 19 Prozentpunkten vor seinem Widersacher, dem Liebling des Establishments der republikanischen Partei, dem ältesten Sohn eines ehemaligen Präsidenten, Gouverneur von Texas und klaren Favoriten.

McCain war über Nacht zum schärfsten Konkurrenten für Bush Junior geworden, ein unerwartetes Hindernis auf dem Weg ins Weiße Haus.

McCains Kampagne bekam Aufwind, das Momentum seines Triumphes in New Hampshire ließ seine Umfragewerte sprunghaft steigen. Bush, der sich lange seiner Kandidatur schon sicher glaubte, musste sich nun mit dem Liebling der Medien, dem kauzigen Sonderling McCain auseinander setzten. Das Rennen schien offen.

Das Drama nimmt seinen Lauf

Doch dann kam South Carolina. Ein Kapitel im Leben von McCain, das ihn bis heute belastet, wie er kürzlich in einem Interview offen gestand. Denn eine Schmutzkampagne nahm ihren Lauf, die allen nur geschadet hat: McCain, dem Bundesstaat South Carolina und der politischen Kultur der USA. Als das Team von McCain noch den Wahlsieg in New Hampshire feierte, bezogen seine Gegner aus dem konservativen Lager, unter ihnen die christliche Rechte, schon Stellung, luden ihre Munition und feuerten auf McCain. Der Senator aus Arizona war ihnen zu liberal, zu unabhängig, zu undurchsichtig. Sie mussten ihn stoppen, hier im Süden der Vereinigten Staaten.

In den nächsten Tagen bekamen die Wähler in South Carolina Telefonanrufe, Emails, Handzettel und Sticker, die ihnen erklärten, warum John McCain nicht Präsident der USA werden dürfe. Es wurde mit Dreck nach ihm geworfen. Die Wähler wurden am Telefon gefragt, ob sie denn wüssten, dass McCain ein uneheliches Kind gezeugt habe, noch dazu eines mit schwarzer Hautfarbe. Und auf die Enthüllung, folgte ganz lapidar die Frage: Würden sie jetzt noch immer für John McCain als Präsidenten stimmen? Ein Professor an der extrem-konservativen Bob Jones Universität ging mit diesen Anschuldigungen sogar an die Öffentlichkeit, und wetterte vor laufenden Kameras gegen McCain. Tatsächlich hatte McCain mit seiner Frau Cindy ein Mädchen aus Bangladesch adoptiert. Die kleine Bridget hatte zuvor in einem Waisenhaus gelebt, das von Mutter Theresa gegründet worden war. Die McCains lernten sie dort kennen, finanzierten ihr eine teure medizinische Behandlung in den USA, und nahmen sie kurz danach in ihre Familie auf.

Zu Lügen kommen Demütigungen

Doch bei dieser Lüge sollte es nicht bleiben. Es tauchten Handzettel auf, die McCain einen Vaterlandsverräter nannten. Der Vorwurf: Er habe seine Kameraden in der Gefangenschaft in Vietnam verraten und geheime Informationen an den Feind weitergegeben. Nur deshalb sei er von den Vietcong freigelassen worden. Für den ehemaligen Bomberpiloten McCain, der mit seinem Flugzeug im Vietnamkrieg abgestürzt war, in Gefangenschaft geriet und dort auch gefoltert worden war, eine besondere Demütigung.

Die Lawine an Schmutz wurde immer größer. Auf anderen Flyern wurde McCain als psychischer Krüppel dargestellt. Ein Mann, der mental nicht stabil sei. Als Präsident und Oberbefehlshaber der Streitkräfte sei er deshalb eine Gefahr für das ganze Land, wurde ihm unterstellt. Auch seine Frau Cindy blieb nicht verschont. Unbekannte brachten das Gerücht in Umlauf, dass sie seit vielen Jahren drogenabhängig sei.

McCain schießt zurück

Keine der Anschuldigungen stimmte, doch sie setzten sich fest, und drehten die Stimmung gegen McCain in South Carolina. Seine Berater waren verzweifelt: Wie sollte man diese Verleumdungskampagne gegen den Senator aus Arizona nur stoppen, zumal da McCain das notwendige Geld und die Organisationsstruktur in diesem Bundesstaat fehlten?

Schließlich entschied sich McCain dafür das Feuer zu erwidern. Dabei zielte er auf seinen Konkurrenten Bush. In einem TV-Wahlwerbespot bezeichnete er diesen als Lügner, der mit unsauberen Mitteln arbeite und verglich ihn mit dem damaligen Präsidenten Bill Clinton. Eine Beleidigung für einen Republikaner. Doch was ein Befreiungsschlag sein sollte, wurde für McCain zum Problem.

Der Schuss geht nach hinten los

Bei einem Wahlkampfauftritt in dem kleinen Ort Spartanburg zeigte sich, wie die Wähler den Spot einschätzten. Eine Frau meldete sich nach McCains Rede, ergriff das Mikrofon und konfrontierte ihn mit seinem Versprechen für einen sauberen Wahlkampf. "Mein Sohn hat sie bewundert, aber jetzt weiß er nicht mehr was er glauben soll." Die Geschichte beeindruckte McCain, weil er doch vor allem seine jungen Wähler nicht enttäuschen wollte. Er zog den Wahlkampfspot zurück. Seine Berater versuchten ihn davon abzuhalten, doch McCain war fest davon überzeugt, dass er auf diese Art nicht gewinnen wolle. Er legte die Waffen nieder und kapitulierte.

Am Wahlabend in South Carolina dann das niederschmetternde Ergebnis: 53 Prozent für Bush, nur 42 für McCain. Eine deutliche Niederlage, von der er sich nicht mehr erholen sollte. Doch noch schlimmer war, dass er auch seinen Kampfgeist irgendwo in diesen Tagen im Süden verloren hatte. Er grübelte, er zweifelte, und fragte sich: “Wie konnte das passieren?” Und klagte in der Öffentlichkeit über den negativen Wahlkampf, die Attacken gegen ihn. Das sei “eine Botschaft der Furcht”, sagte er den Journalisten in die Mikrofone, und beendete seine Kampagne.

McCain sieht sich mit der Vergangenheit konfrontiert

McCain wusste, dass er beim nächsten Anlauf auf das Präsidentenamt alles ändern musste: Seine Wahlkampfstrategie, sein persönliches Image, seine Beziehung zum christlich-konservativen Teil der Republikaner und zu den einflussreichen Parteigrößen. Er hat es versucht, sich neu aufgestellt, um einen zweiten Sturmlauf aus den eigenen Reihen gegen seine Kandidatur zu vermeiden. Doch seine Frau Cindy zweifelte, ob ihr Mann noch einmal, acht Jahre später, antreten sollte. Vor allem wollte sie ihrer Tochter Bridget, die mittlerweile 16 Jahre alt ist, erneute Schmähungen wegen ihrer Herkunft und Hautfarbe ersparen. Schließlich willigte sie doch ein, und McCain kandidierte.

Jetzt nach acht Jahren kehrt McCain zurück nach South Carolina, mit einem Sieg bei den Vorwahlen in New Hampshire und neuem Selbstbewusstsein. Doch die Geister von damals sind noch immer rege hier im Süden, so als hätten sie all die Jahre hinweg nur auf ihn gewartet. Eine Gruppe, die sich "Vietnam Veteranen gegen McCain" nennt, schickte diese Woche einen Handzettel an Chefredakteure lokaler Zeitungen in South Carolina. Darauf ist eine Karikatur von McCain zu sehen, die ihn als Lügner und Verräter bezeichnet.

Und es ging weiter. Die Gruppe „Common Sense Themen“ rief im ganzen Bundesstaat Wähler an, um die Botschaft zu verbreiten: McCain sei für die Verwendung von ungeborenen Kindern zu medizinischen Forschungszwecken. Eine andere Gruppe ließ alle interessierten Bürger wissen, dass dieser McCain 1980 seine erste Frau Carol im Stich gelassen habe, und sich von ihr scheiden ließ, obwohl sie doch die gemeinsamen drei Kinder während seiner Gefangenschaft in Vietnam allein aufgezogen hatte.

Neuerliche Attacken sollen im Keim erstickt werden

Am Mittwoch standen die Geister plötzlich leibhaftig vor McCain. Sie schwenkten die alte Flagge der Konföderation, ein Symbol der Unabhängigkeit der Südstaaten, und ein Überbleibsel aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Die kleine Gruppe von Leuten machte Stimmung gegen McCain, weil dieser vor acht Jahren die Flagge als "ein Zeichen des Rassismus und der Sklaverei" bezeichnet hatte, und sich damit in den Streit eingemischt hatte, ob diese Flagge auf dem Kapitol von South Carolina wehen dürfe.

Doch dieses Mal scheint McCain besser gewappnet zu sein, um die Attacken abzuwehren. Er hat viele einflussreiche republikanische Funktionäre aus South Carolina auf seiner Seite und eine sogenannte "Wahrheitstruppe" gegründet, die für ihn im Einsatz ist, um falsche Behauptungen aufzuspüren und gegen sie anzugehen. Zusätzlich hat er die "McCain Wahrheitshotline" eingerichtet, und alle freiwilligen Helfer gebeten, jedes Anzeichen einer Schmutzkampagne sofort zu melden.

Und seine Taktik scheint bislang aufzugehen. Die letzten Umfragen sehen ihn alle vorne, mit rund sechs Prozentpunkten liegt er vor seinen Konkurrenten Mike Huckabee und Mitt Romney. Sollte es dabei bleiben, und er am Samstag gewinnen, dann wäre dies ein großer Sieg für McCain. Ein Sieg, der ihn vielleicht bis zur Wahl im Herbst tragen wird. Ein Sieg, der vielleicht hilft, manche Wunde aus 2000 zu heilen.


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