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US-Wahlkampf: Limbaughs Feldzug gegen Hillary

Die Clintons mag er gar nicht. Aber auch Schwule, Umweltschützer oder Menschenrechtler kriegen bei ihm ihr Fett weg: Der US-Radiomoderator Rush Limbaugh ist die Stimme der Konservativen - und für die anderen ein populistischer Kotzbrocken.

Ein Porträt von Michael Streck

Es waren Feiertage für Rush Limbaugh, Amerikas bekanntesten Radio-Talkmaster. Hillary Clinton muss sich bei Barack Obama entschuldigen, weil einer ihrer Mitarbeiter auf dessen - längst bekannte - Drogen-Jugendsünden rekurrierte und behauptete, die Republikaner würden ihn dafür schlachten. Der Mitarbeiter musste gehen. Genau das sind die Geschichten, die Limbaugh braucht kurz vor den Vorwahlen in Iowa und New Hampshire. Schließlich führt er eine Vendetta gehen Hillary Clinton, und alles, was ihr vermeintlich schadet, ist gut für Limbaugh. Stundenlang kann er sich damit beschäftigen. Er ätzt, er geifert, er macht sich lustig. Er äfft sie nach. Was wäre Limbaugh ohne Hillary?

Rush Limbaugh ist nicht nur Talkshow-Host, sondern Performance-Artist. Kein anderer Radio-Mann ist nur annähernd so bekannt, so reich, so verhasst und so geliebt. Den einen ist er willkommener Einpeitscher, den anderen populistischer Kotzbrocken. Auf jeden Fall gilt: Der Kerl ist eine Institution in den USA, und auch Kritiker wie die Schauspielerin Whoopi Goldberg müssen einräumen, dass er in Maßen unterhaltsam ist. Limbaugh erreicht mit seiner syndizierten und landesweit von 600 Stationen ausgestrahlten Show 15 Millionen US-Bürger, er schrieb zwei Bestseller, und Ronald Reagan, selig, nannte ihn Anfang der 90er Jahre die "führende Stimme der Konservativen in diesem Land". Die Republikaner können sich voll und ganz auf ihn verlassen und entlohnen ihn mit kleinen Liebesbeweisen. Manchmal ruft Dick Cheney an in seiner Sendung, und als der Präsidentenberater Karl Rove noch Bushs Gehirn war, meldete auch der sich zuverlässig.

Die Konservativen besaßen kein Sprachrohr

Man muss Limbaugh, 56, lassen, dass er wenigstens ein gutes Gespür und vielleicht sogar so etwas wie eine Vision hatte vor knapp 20 Jahren. Damals sah die Medien-Landschaft in Amerika noch ziemlich öde aus. Es gab die großen Fernseh-Networks ABC, CBS, NBC und CNN auf Kabel, Murdochs konservativer Nachrichtenkanal Fox News war gerade erst auf Sendung gegangen und noch kein politisches Instrument. Die Konservativen besaßen kein richtiges Sprachrohr, und genau diese Nische besetzte Limbaugh. Heute tummeln sich haufenweise rechte Agitatoren in Funk und Fernsehen oder schreiben Bücher und Kolumnen. Sie heißen Bill O'Reilly oder Sean Hannity, Michael Savage oder Anne Coulter. Sie alle eint eine tiefe Abneigung gegen Liberale, Umweltschützer, Menschenrechtler, Schwule, Lesben, die Vereinten Nationen, die so genannten "liberalen Medien" und darüber hinaus ein fataler Hang zum Fakten-Verfälschen. Der geistige Vater der Bewegung aber war Rush Limbaugh, der die Infamie als Geschäftsmodell entdeckte.

Keine seiner dreistündigen Sendungen vergeht ohne irgendeine Entgleisung. Das erwarten seine Hörer. Er sitzt in seinem großen Studio in Palm Beach, Florida, oder auch in New York und quatscht und quatscht und quatscht. Manchmal quatscht er sich um Kopf und Kragen und gerät in die Schlagzeilen, aber das - bad news are good news - ist dann wieder Futter für seine Show. Mal nennt er Frauenrechtlerinnen "Feminazis", mal beleidigt er den an Parkinson erkrankten Schauspieler Michael J. Fox, der sich für die Stammzellenforschung engagiert ("Er sah aus, als hätte er seine Medikamente nicht genommen"), mal bezeichnet er den geistig verwirrten Attentäter von Virginia Tech als Liberalen, und zuletzt geißelte er kriegsmüde Soldaten als "phony soldiers", "falsche Soldaten". Es gibt keinen Fettnapf, den Limbaugh auslässt, und dahinter steckt Methode. "Ich habe erfolgreich das Image eines Einsiedlers geschaffen", sagt Limbaugh über Limbaugh.

Gegen Skandale ist er immun

Die Demokraten waren speziell von der "phony soldiers"-Attacke derart empört, dass Mehrheitsführer Harry Reid einen von 41 demokratischen Senatoren unterzeichneten Brief an Limbaughs Chef von Clear Channel schrieb und eine Entschuldigung verlangte, und das geriet wieder zum Festtag für Limbaugh. Der Radio-Mann versteigerte Reids Brief für 2,1 Millionen Dollar auf Ebay und spendete die Summe. Selbst Skandale perlen an ihm ab. Jahrelang wetterte er gegen Drogenmissbrauch und für harte Strafen, bis zum Vergnügen des moderaten Amerikas heraus kam, dass Mister Limbaugh höchst selbst Tabletten-abhängig war. Er gab das kleinlaut zu, checkte in eine Reha-Klinik ein - und seine dritte Ehefrau checkte unterdessen bei ihm aus. Limbaugh bekam eine 18-monatige Bewährungsfrist, verdiente in dieser Zeit nichtsdestotrotz 50 Millionen Dollar, und kehrte lauter als je zuvor ans Mikro zurück.

Der Mann ist bar jeder Selbstzweifel. Und zuweilen fragt man sich, ob er den Stuss, den er verbreitet, tatsächlich glaubt. In seltenen Momenten räumt er nämlich ein: "Vergesst nicht, die Show ist nur eine Aufführung." Aber solche Zweifel verfliegen schnell, denn Limbaugh ist kein guter Schauspieler, zumal er seine politische Agenda mit brachialer Wortwahl verfolgt. Global Warming? "Maßlos übertrieben." Umweltschützer? "Sozio-ökonomische Parasiten." Die Demokraten? "Gefahr für die nationale Sicherheit." Nichts aber umtreibt ihn mehr als der Feldzug gegen seine Lieblingsfeinde: Die Clintons. Hillary mehr noch als Bill. Er verfolgte sie schon, als die noch First Lady war. Er implizierte beispielsweise, sie trage Mitschuld am Tod des Präsidentenberaters Vincent Foster, der sich 1993 das Leben nahm. Er zerpflückte ihre Idee Pläne von einer Gesundheitsreform als "sozialistisches Gedanken-Modell" und unterstellte ihr sogar homophile Züge. Hillary Clinton ist Limbaughs Obsession. Sie sprach wiederholt von einer "right wing conspiracy", einer Verschwörung von rechts. Aber so stimmt das nicht. Verschwörer taktieren im Geheimen, und Limbaugh und O`Reilly und Hannity und Coulter tragen die Scharmützel mit ihr in aller Öffentlichkeit aus.

Mrs. President wäre Rush Limbaughs größte Niederlage

Die Frage ist nur: Wie mächtig sind die rechten Demagogen wirklich? Schließlich, so wie die Dinge stehen, werden sie Hillary im Weißen Haus nicht verhindern können. Nicht mit Häme, nicht mit Wut, nicht mit Übertreibungen und Gerüchten, nicht mal mit Lügen. Mrs. President wäre Rush Limbaughs größte Niederlage, und vielleicht wäre das Großmaul sogar einen Moment lang: sprachlos.