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US-Medien im Wahlkampf: Die Macht der hasserfüllten Pöbler

Obama-Beleidigungen im Radio, Propagandafilme in der Werbepause, Twitter-Gewitter beim TV-Duell. Die Medien mischen im Wahlkampf kräftig mit. Von Unabhängigkeit keine Spur.

Von Nora Schmitt-Sausen, Washington

Sie stehen an Autobahnabfahrten, großen Kreuzungen, auf den Zubringerstraßen zum Einkaufszentrum: meterhohe Schilder, auf denen in Großbuchstaben geschrieben steht "Glauben Sie nicht den liberalen Medien". Von Los Angeles bis New York, von Chicago bis New Orleans beten Konservative ihr Mantra von einer einseitigen US-Medienwelt herunter: Pro Obama, anti Romney.

Tatsächlich sieht die Sache so aus: In den USA weiß jeder mündige Bürger, zu welchem Medium er greifen muss, wenn er an Pseudo-Aufklärung interessiert ist. Die Präferenzen sind unterschiedlich - je nachdem aus welchem Lager man kommt. "Fox News", "The Rush Limbaugh Show" und "Drudge Report" sind die Hausmedien des rechten Lagers. Auf "MSNBC", "Huffington Post" oder den Blog "Daily Kos" schwört der linke Teil der Gesellschaft. Ungefärbte Informationen sind Mangelware.

Schwarz-weiße Welt im TV

Auf "Fox News" interpretiert Beratermogul Karl Rove am Morgen die politische Landkarte der USA aus konservativer Weltsicht. "Obama wird Ohio verlieren. Er hat in allen Umfragen absteigende Werte." Am Nachmittag serviert "MSNBC"-Frontfrau Rachel Maddow ihre Weisheit zu Ohio - und verweist auf Umfragen, die Obama fünf Prozentpunkte vor Romney sehen. Beim neuen Volkssport der USA – "Political Fact Checking" - ein ähnliches Bild: Identische Zahlen werden unterschiedlich ausgelegt. Je nach Gusto wird die Studie herangezogen, die das Ergebnis präsentiert, das im Sinne des jeweiligen Kommentators ist.

Die Folge des einseitigen Meinungsgeschnatters: Das Vertrauen der US-Bürger in ihre Medien war noch nie so gering wie in diesem Jahr. 60 Prozent glauben nicht, dass Zeitungen, Fernsehen und Radio die Polit-Nachrichten "vollständig, akkurat und fair" wiedergeben, wie eine Umfrage des renommierten Gallup-Instituts ergab.

Obama ruft Zeitung an

Selbst Tageszeitungen, im Allgemeinen eine Bastion der Glaubwürdigkeit, trifft die Wählerskepsis. Aus gutem Grund. Kurz vor dem Wahltag ist es auch mit ihrer Unabhängigkeit nicht mehr weit her. Sie beteiligen sich an der Meinungsmache. Traditionell beziehen sie klare Position für einen Kandidaten - in offenen Unterstützungsbekundungen auf Seite eins. "Präsident Barack Obama ist besser aufgestellt, um ein Navigator zu sein als sein republikanischer Herausforderer, der ehemalige Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney", verkündete jüngst die "Washington Post".

Um sich den Zuspruch der Tageszeitung "The Des Moines Register" im hart umkämpften Battleground-Staat Iowa zu sichern, hat Obama höchstpersönlich zum Telefonhörer gegriffen. Er bat offen um die Unterstützung. Ein Skandal? Die Geschichte entlockt den Amerikanern bestenfalls ein müdes Lächeln. Auch den Zeitungsoberen konnte der präsidiale Anruf nicht imponieren. Wenige Tage später verkündete das Blatt seine Unterstützung für Romney.

Keine Schmerzgrenze

Der Oberpöbler der Nation aber sitzt hinter einem Radiomikrofon. Es ist der konservative Moderator Rush Limbaugh, dessen "Rush Limbaugh Show" seit mehr als 20 Jahren das amerikanische Wahlvolk entweder begeistert oder entsetzt. Limbaugh hat jede Karte auf der Hand: Rassismus, Sexismus, Verschwörungstheorien - und spielt sein Blatt jeden Tag aufs Neue runter, drei Stunden täglich. Obama nennt er wahlweise einen Neger oder Araber (Behauptung: Kenia, woher Obamas Vater stammt, sei arabisch), der nur über eine Schwarzenquote zur Harvard-Universität gekommen sei. Kritiker machen Limbaugh dafür mitverantwortlich, dass die Stimmung gegen Obama vielerorts hasserfüllt ist.

"Schlampe" und "Prostituierte"

Limbaugh sorgte in diesem Wahljahr für den größten Hit auf der langen Liste verbaler Totalsausfälle. In der hitzig geführten Debatte um den Zugang zu Verhütungsmitteln im Rahmen von Obamas Gesundheitsreform bezeichnete er eine Jurastudentin in seiner Sendung als "Schlampe" und "Prostituierte", die wohl so viel Sex habe, dass sie kaum mehr laufen könne. Die junge Frau war bei einer Anhörung im US-Kongress aufgetreten und hatte sich für die Politik der Demokraten stark gemacht. Limbaughs giftige Attacken versenden sich nicht im Nirgendwo. Im Gegenteil: Bis zu zwanzig Millionen Amerikaner schalten ein, wenn der Moderator seine Extremansichten heraushaut. Viele Wähler konsumieren Limbaugh, "Fox News" und sonst nichts.

Propaganda-Schlacht ohne Ende

Nicht einmal bei Sportübertragungen und Spielfilmen sind die Wähler vor der Polit-Propaganda sicher. Zwischen Spots für Autoreifen und Margarine machen die millionenschweren Werbekampagnen beider Lager die Wahl zu einer Art Dauerwerbesendung. Kinofans horchen auf, wenn sie die sonorige Stimme von Hollywood-Haudegen Clint Eastwood hören. Beim Blick auf den Bildschirm entpuppt sich der Spot jedoch nicht als Kinotrailer, sondern als platte Romney-Werbung: "Wir können uns vier weitere Jahre Obama nicht erlauben", knurrt der Schauspiel-Veteran aus der Fernsehröhre. Eine halbe Spielfilmstunde und drei Werbeunterbrechungen später preist Bill Clinton Obamas Politik, als sei die Zahl von 47 Millionen Empfängern von Essensmarken eine Saga aus dem Morgenland.

Auch die Online-Gemeinde mischt in diesem Wahlkampf kräftig mit. In Echtzeit werden Großevents wie die TV-Duelle in Blogs, Tweets und via Facebook kommentiert. Allein beim zweiten Duell zwitscherten 7,2 Millionen Twitter-Nachrichten ins Off. Meist gnadenlos subjektiv, oft voller Häme. Zum Sieger wird ausgerufen, für den ohnehin das Herz schlägt. Egal wie offenkundig schlecht die Kandidaten-Performance auch war. Stimmungsmache par excellence.

80 Prozent der Propagandamails werden gelöscht

Selbstredend, dass auch Obama und Romney das Netz für ihren Feldzug nutzen. Allein <limkextern adr="https://twitter.com/BarackObama">Obama hat auf Twitter mehr als 21 Millionen Follower und posaunt nur über diesen Kanal bis zu 20 Botschaften täglich heraus. In den finalen Tagen platzen landauf landab E-Mail-Postfächer aus den Nähten. Die schlechte Nachricht für Obama und Co: 80 Prozent der schöngefärbten politischen Statements wandern ungelesen in den Papierkorb. "Die Leute öffnen die E-Mails nicht mehr so oft, weil die Kampagnen dieses Mittel völlig überreizt haben", sagt Obamas ehemaliger Online-Berater Scott Goodstein dem Online-Blatt "Politico".

Vielen US-Wählern fällt nach monatelangem medialem Dauerwahlkampf nur noch eines ein: ausschalten, abdrehen, löschen.