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USA: Bilderflut der Gewalt

Das Video über die makabre Hinrichtung des 26 Jahre alten Amerikaners Nick Berg fügt sich ein in die große Zahl von Gewaltbildern, die derzeit die US-Bürger aufschrecken. Erbittert wird gestritten, ob nicht sofort alle Folter-Fotos und Videos gezeigt werden sollen.

Der Vater des ermordeten Nick Berg versuchte, der grauenvollen Enthauptung seines Sohnes vor laufender Kamera noch etwas Tröstliches abzugewinnen: "Besser, als wenn er eines langen Foltertods gestorben wäre", sagte der sichtlich aufgewühlte, bittere Michael Berg in dem kleinen Ort West Chester nahe Philadelphia (US-Bundesstaat Pennsylvania) in die Mikrofone der Reporter.

Die US-Regierung betonte, die Täter würden unnachgiebig verfolgt und bestraft. Die Enthauptung offenbare die "wahre Natur der Feinde der Freiheit", sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan. Der britische Premierminister Tony Blair verurteilte die Tat am Mittwoch als "wahrhaft barbarischen Akt". Die Täter, die dem Terrornetzwerk El Kaida nahe stehen sollen, hatten den brutalen Mord vor laufender Kamera als Reaktion auf die Folterungen irakischer Gefangener im Gefängnis von Abu Ghoreib bezeichnet.

US-Bürger sind aufgeschreckt

Das etwas unscharfe Video über die makabre Hinrichtung des 26 Jahre alten amerikanischen Antennenexperten fügte sich ein in die Bilderflut der Gewalt, die derzeit die US-Bürger aufschreckt. Seit zwei Wochen stellen immer neue Fotos gedemütigter und gefolterter Gefangener das amerikanische Selbstverständnis in Frage, der zufolge die USA auch moralisch die Welt führen soll.

"Unsere Soldaten werden den Preis zahlen für die schockierenden Bilder aus Abu Ghoreib", hatte die Zeitung "USA Today" führende US-Offiziere zitiert. Der Film über die Hinrichtung bestätigte nun die schlimmsten Befürchtungen über die drohende Spirale der Barbarei. Weltweit kann sich jedermann die Bilder abrufen, auf denen zu sehen ist, wie einem ganz in Orange gekleideten, abgemagerten Nick Berg mit einem großen Messer der Kopf abgeschlagen wird. Der vermummte Islamist kündigte in dem Video weitere Massaker an Amerikanern an.

Das Video könnte neue Aggressionen gegen irakische Gefangene provozieren

"Es ist eine besonders grausame Art zu demonstrieren, dass die Terroristen alle Amerikaner töten werden, derer sie habhaft werden können", betonte der Direktor des Nahost-Instituts der Universität Vermont, Gregory Gause. Während die Bilder aus dem Gefängnis Abu Ghoreib den Hass auf Amerika in der arabischen Welt schüren, fürchten US-Militärs nun, dass das Video der Enthauptung neue Aggressionen gegen irakische Gefangene provozieren könnte.

"Amerika-Hasser, die entsetzt sind über die Folterbilder, betrachten die Hinrichtung als angemessene Vergeltung (...) und viele Amerikaner werden sagen, dass die Gefängnisbilder bei weitem nicht so schrecklich sind wie die blutige Enthauptung", so der Medienwissenschaftler Tom Rosenstiel in "USA Today". Der republikanische Senator James Inhofe hatte zuvor erklärt, er sei "empört über die Empörung" (in den USA über die Folterbilder). Bei den misshandelten Gefangenen handele es sich "schließlich nicht um Verkehrssünder, (...) sondern um Terroristen und Mörder, an deren Händen oft amerikanisches Blut klebt".

Beide waren Juden

Nick Berg war nach der Ermordung des "Wallstreet Journal"- Journalisten Daniel Perl im Februar 2002 in Pakistan der zweite Amerikaner, der von Islamisten vor laufender Kamera getötet wurde. Aufmerksam registrierte die "New York Times", dass beide Juden waren.

In den USA ist inzwischen ein Kampf um die Bilder der Gewalt ausgebrochen. Erbittert wird gestritten, ob nicht sofort alle Fotos und Videos mit den amerikanischen Gräueltaten in Abu Ghoreib gezeigt werden sollen. Der US-Sender CNN berichtete unter Berufung auf Regierungsquellen es gebe noch 200 bis 300 weitere Fotos und Videoclips, die Misshandlungen durch US-Soldaten zeigten. Angeblich soll das Weiße Haus dafür sein, damit mit den Enthüllungen ein für alle Mal Schluss ist, das Pentagon soll dagegen sein. US-Senatoren sollten am Mittwoch für drei Stunden einen Einblick in die Fotos und Clips aus Abu Ghoreib gezeigt bekommen, die alles bisher bekannt gewordene in den Schatten stellen sollen. Folter, Sodomie und Vergewaltigungen seien da zu sehen, hieß es.

Zehn Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt

Der entführte US-Bürger Nicholas Berg (26) war von vermummten Islamisten vor laufender Kamera enthauptet worden. Das Video mit dem Titel "Abu Mussab el Sarkawi beim Abschlachten eines Amerikaners" wurde unter anderem auf der Internetseite der islamistischen Gruppe Muntada el Ansar veröffentlicht. Der Jordanier Abu Mussab el Sarkawi wird von den US-Geheimdiensten als enger Vertrauter von El-Kaida-Chef Osama bin Laden eingeschätzt. Er soll für zahlreiche Anschläge im Irak verantwortlich sein. Die US-Behörden haben eine Belohnung von zehn Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt.

Die Leiche Bergs war bereits am Samstag von einer US-Patrouille an einer Schnellstraße in Bagdad gefunden worden. Die Familie Bergs gibt US-Streitkräften und der Regierung von Präsident George W. Bush jedoch eine Mitschuld am Tod des 26-Jährigen. Dessen Vater Michael Berg sagte am Dienstag, sein Sohn hätte längst wieder in den USA sein können, wenn er nicht an einer Kontrollstelle in Mossul von irakischen Polizisten festgenommen und dann 13 Tage in US-Gewahrsam gewesen wäre. Erst nach einer Klage der Familie vor einem Gericht in Pennsylvania wurde Berg am 6. April freigelassen.

Die Kämpfe mit radikalen Schiiten dauern an

Im Irak gingen unterdessen die Kämpfe zwischen schiitischen Aufständischen und US-geführten Besatzungstruppen weiter. In der Stadt Kerbela wurden am Mittwoch bei Gefechten mit schiitischen Milizionären mindestens 26 Iraker getötet. US-Panzer und Infanterietruppen hatten in der Nacht das Büro der Bewegung des radikalen schiitischen Predigers Muktada el Sadr im Zentrum von Kerbela angegriffen.

Für die südirakische Pilgerstadt Nadschaf zeichnete sich unterdessen eine Lösung an. El Sadr hat sich nach Angaben seiner Sprechers mit Vertretern der im Regierungsrat vertretenen Schiiten- Partei SCIRI auf einen Abzug der Kämpfer seiner "Mahdi-Armee" geeinigt. Im Gegenzug sollten alle US-Soldaten Nadschaf verlassen.

Mutmaßliche Terroristen im Nordirak festgenommen

Kurdische Sicherheitskräfte nahmen in der nordirakischen Stadt Suleimanija 30 mutmaßliche Mitglieder der Terrororganisation Ansar el Islam fest. Die irakische Gruppe soll Beziehungen zu El Kaida haben und Anschläge auf Ausländer geplant haben.

Die Lage im Irak und im Nahen Osten sollte auch bei den abschließenden Gesprächen von Bundesaußenminister Joschka Fischer am Mittwoch in Washington im Mittelpunkt stehen. Im Weißen Haus sollte er mit Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice zusammentreffen. Gegenüber Außenminister Colin Powell hatte Fischer bereits klare Konsequenzen aus dem Folterskandal im Irak gefordert. Freunde und Verbündete Amerikas seien "tief bestürzt" über die Berichte von Misshandlungen irakischer Soldaten.

USA sollen Internationalen Strafgerichtshof beitreten

Im Berliner "Tagesspiegel" hatte Fischer die USA aufgefordert, das Abkommen über den Internationalen Strafgerichtshof zu unterzeichnen. Ein Beitritt zu dem Pakt wäre "ein wichtiger Schritt und ein positives Signal", um die moralische Glaubwürdigkeit nach den Foltervorwürfen wieder herzustellen, sagte Fischer. Das Thema hat bei den Gesprächen in Washington allerdings keine Rolle gespielt, sagte dazu ein Sprecher des Außenministeriums. Die Position der Bundesregierung sei bekannt und müsse nicht immer wiederholt werden.

Laszlo Trankovits, DPA, AP / AP / DPA