Very British Mr. Brown lernt balancieren


Gordon Brown galt schon als ausgezählt. Doch plötzlich befindet sich Englands Premierminister wieder im Aufwind. Selbst den schwierigen Auftritt vor der Irak-Kommission wusste er für den Wahlkampf zu nutzen.
Von Cornelia Fuchs, London

Anders als sein Vorgänger Tony Blair nahm Premierminister Gordon Brown heute Morgen den Haupteingang in das Queen-Elizabeth-Konferenzzentrum in der Mitte Londons, um zu seiner Anhörung vor der Irak-Kommission zu kommen. Er nickte den Fotografen zu, die auf seinen Auftritt gewartet hatten, er strich sein Jackett glatt. Es war der Auftritt eines Regierungschefs, der weder die Öffentlichkeit noch die Diplomaten und Historiker zu scheuen braucht, die an diesem Freitag mit unangenehmen Fragen in einem schmucklosen Konferenzraum auf ihn warteten.

Es war das erste Zeichen, welches fein austarierte Bild Gordon Brown vor der Irak-Kommission zu vermitteln versuchte: Anders als sein Vorgänger Tony Blair, der Ende Januar im Schutz der Dunkelheit durch einen Hintereingang kam und ebenso wieder verschwand, hat Brown nichts zu verbergen vor seiner Nation. Und anders als Blair hat er auch die Öffentlichkeit nicht zu fürchten. Nach den neuesten, ziemlich überraschenden Umfragen ist seine Beliebtheit gestiegen, obwohl Brown gerade von allen Seiten beschuldigt wird, das Leben seiner Angestellten durch seine unkontrollierten Wutanfälle sehr schwierig zu machen. Er schien dieses Bild wenn nicht bestätigen, so doch wenigsten variieren zu wollen: Mit Brown bekommt die Nation ein Schwergewicht, und wer will in diesen Zeiten schon einen jungen Neuling wie den konservativen Herausforderer David Cameron?

Auf der Suche nach der goldenen Mitte

Es war ein schwieriger Balanceakt, den Gordon Brown in den fünf Stunden seiner Befragung absolvierte. Auf der einen Seite war er 2002 und 2003 in den entscheidenden Monaten vor dem Irakkrieg nicht Premierminister, sondern Schatzkanzler. Er war also, das bestätigen auch viele Kabinetts-Mitglieder, keinesfalls mit jeder Entscheidung Tony Blairs vertraut. Auf der anderen Seite darf er als heutiger Regierungschef nicht den Anschein erwecken, als habe er damals nicht im Zentrum politischer Entscheidungen gestanden.

Dazu kommt, dass Blair und Brown in diesen Jahren nicht gut aufeinander zu sprechen waren. Die damalige Entwicklungshilfeministerin Clare Short sagte vor der Kommission aus, sie habe in dieser Zeit ziemlich oft mit Gordon Brown Kaffee getrunken und darüber gesprochen, wie wenig Informationen aus dem Kreis der engsten Blair-Vertrauten nach außen dringe. Von einer "Sofa-Regierung" in Blairs Privat-Räumen war die Rede. Es gab viele, die erwarteten, dass Brown diese Fakten bei seinen Aussagen für sich sprechen lassen würde - und Tony Blair damit im Nachhinein noch eine auswischen könnte.

Den Gegner in die Knie zwingen

Doch Brown entschied sich für die Rolle des großen Staatsmannes. Der BBC-Kommentator Nick Robinson nannte ihn einen geschickten Schachspieler, so präzise setzte Brown seine Antworten, so vorsichtig formulierte er seine Seitenhiebe. Wer Brown zuhörte in seiner monotonen, keinen Widerspruch duldenden Art, der konnte erahnen, was diesen Mann zu dem formidablen Machtpolitiker gemacht hat, der er ist. Gordon Brown weiß in jeder Sekunde genau, was er sagen muss, um seine Gegner daran zu hindern zu fragen, was sie fragen wollen. Seine Rhetorik zielt nicht darauf, ihn brilliant wirken zu lassen. Sondern er zwingt seine Gegenspieler durch endlose Wiederholungen und Überfrachtungen mit Zahlen und Fakten in die Knie.

Der Irak-Krieg sei die "richtige Entscheidung aus den richtigen Gründen" gewesen, so fing Brown an, und schon bei seiner ersten Antwort ließ er seine Frager kaum zu Wort kommen. Danach beantwortete er selten die Fragen, die gestellt wurden, sondern die Fragen, die nach seiner Ansicht hätten gestellt werden sollen.

Keine Fehler, aber Raum für Verbesserungen

Der Höhepunkt fand sich in der Antwort auf die Frage, ob er von Tony Blair über dessen private Absprachen mit George Bush informiert worden sein. Nein, sagte er, er habe private Briefe zwischen Blair und Bush nie gesehen und hätte dies auch nicht erwartet: "Ich hoffe, ich kann hier richtig lesen, was ich mir aufgeschrieben habe. Tony Blair hat ordnungsgemäß gehandelt. Und ich wurde stets über die Dinge informiert, die ich wissen musste." Mit anderen Worten: Tony Blair hat nichts falsch gemacht, aber er hat mir als Schatzkanzler auch nicht mehr Raum gegeben, als das Budget zu bestimmen.

Schwieriger war es für Brown, der schweren Kritik hoher Militärs zu begegnen, die zuvor vor der Kommission ausgesagt hatten. Als Schatzkanzler habe er seit Jahren das Militär finanziell aushungern lassen, hieß es da. Aufgrund fehlender gepanzerter Fahrzeuge und Hubschrauber seien Soldaten unnötig gestorben. Gegen diese Anschuldigungen ging Brown in die Offensive: Das Militär habe stets alles erhalten, was es für den Einsatz brauchte und anfragte. Das Verteidigungs-Budget sei jedes Jahr kontinuierlich gestiegen. Und doch, und da schlug eine angedeutete Faust des eisernen Schatzkanzlers auf den Tisch: Das Verteidigungsministerium habe seinen finanziellen Spielraum komplett überzogen, habe falsche Prioritäten gesetzt. Wenn jeder so gehandelt hätte, sagte Brown, dann hätte die Regierung plötzlich zwölf Milliarden Pfund mehr ausgegeben als geplant. Er habe hier durchgreifen müssen, sonst wären die Dinge außer Kontrolle geraten.

Brown ganz und gar staatsmännisch

Lehren müssen gezogen werden aus dem Chaos nach dem Einmarsch im Irak, sagte Brown und entschied sich damit am Ende der Frage-Stunden für einen ganz anderen Ton als Tony Blair. Der hatte vehement darauf bestanden, dass seine Entscheidungen bis weit nach dem Einsatz richtig gewesen waren. Brown schlug vor, dass bei den Vereinten Nationen eine Art Einsatztruppe für die Rettung von Chaos-Staaten bereitgestellt werden sollte. Er werde sich dafür einsetzen, sagte er. Der Verlust von Menschenleben sei immer furchtbar, sagte er. Aber schwierige Entscheidungen müssten getroffen werden von Staatsmännern.

Und damit kam der Staatsmann Brown zurück zu seinem Wahlkampf gegen den momentan etwas blass wirkenden David Cameron. Die nächsten Tage werden zeigen, ob er mit seinem Auftritt seine Chance auf eine weitere Amtszeit erhöht hat.


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