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Wahl in den USA: Amerikas Schicksalswahl

Mit dieser Wahl endet die finstere Ära des dunklen Fürsten George W. Bush. Mehr noch. Die US-Bürger haben die Chance, mit Barack Obama den Gegenentwurf zu Bush ins Weiße Haus zu befördern. Obama verspricht die Rückkehr des guten Amerikas - zu Hause und in der Welt. Eine Entscheidung für ihn könnte Generationen prägen.

Ein Kommentar von Florian Güßgen

Präsidentschaftswahlen in den USA sind für jeden Politik-Junkie immer etwas Besonderes. Großes Kino: ein Duell, Mann gegen Mann, ausgetragen auf der ganz großen Bühne, über Monate hinweg, mit Kitsch, Konfrontation und einem grandiosen Finale. Die Bedeutung des Dramas ist ohnehin für jeden augenfällig. Denn hier wird der mächtigste Mann der Welt gewählt, der Führer der freien Welt, wie es früher hieß, einer, der die Stimmung weit über Amerika hinaus prägen kann. Es geht also immer um viel, wenn die Bürger der USA das Weiße Haus neu besetzen. An diesem 4. November 2008 geht es um besonders viel. Dieses Datum markiert schon deshalb einen Einschnitt, weil eine finstere Ära zu Ende geht. Wie tief dieser Einschnitt jedoch sein wird, hängt davon ab, ob sich die Wähler für den Demokraten und vermeintlichen Heilsbringer Barack Obama entscheiden oder für dessen republikanischen Konkurrenten John McCain.

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Bush zeigte eine Fratze Amerikas

Aber zunächst zum Zeitalter George W. Bushs, des dunklen Fürsten. Dessen zerstörerisches Wirken war fundamental, ging an die Substanz. Bush griff den Gründungsmythos Amerikas im Kern an, den Glauben an die Freiheit. In normalen Zeiten wären seine brandgefährliche Abkehr vom Rationalismus, sein missionarischer Eifer, seine kruden Vorstellungen von Gut und Böse vielleicht nicht ins Gewicht gefallen. Aber Bush regierte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nicht in normalen Zeiten. Er regierte in einer Notstandsphase, einer Phase, die er als Endzeitkampf biblischen Ausmaßes begriff, der die Anwendung aller Mittel erlaubte, ja, sie sogar zwingend notwendig machte. Die historischen Umstände veredelten die schlechten Eigenschaften George W. Bushs zu Grundlagen amerikanischer Politik. Der unsinnige Krieg im Irak steht für diese Politik, die Misshandlung von Häftlingen im Gefängnis Abu Ghraib, das Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba, die Kontrollexzesse der neu geschaffenen Heimatschutzbehörde, rechtswidrige Abhörpraktiken in den USA.

Ende einer düstren Ära

Die Regierung Bush verwandelte Amerika, in vielerlei Hinsicht das Vorbild einer offenen Gesellschaft, in eine Gesellschaft der Angst, des Misstrauens, der Aggression. Er schuf ein Klima, wie es seit den dunklen Jahren der Kommunistenhatz Joseph McCarthys in den 50ern nicht mehr geherrscht hatte. George W. Bush zeigte seinen Bürgern und der Welt eine Fratze Amerikas - und verprellte sie so beide. Zuerst die Welt, dann seine Bürger.

Nun ist die düstere Ära vorbei. Sie geht gleichsam natürlich nach acht Jahren zu Ende, an diesem Tag mit der Wahl eines Nachfolgers, am 20. Januar 2009 mit dessen Vereidigung. Fest steht dabei schon jetzt: Einerlei, ob John McCain oder Barack Obama dann ins Weiße Haus einziehen wird. Jeder der beiden wird Amerika aufatmen lassen. McCain mag sich im Wahlkampf manch populistische Volte erlaubt haben. Aber eine bloße Fortsetzung der Bush-Jahre würde seine Präsidentschaft nicht mit sich bringen. Im Kern ist McCain viel weiter in der Mitte angesiedelt, als Bush es je war.

Obama verkörpert den Aufbruch

Gleichwohl, Objektivität wäre geheuchelt, bietet der Demokrat Obama den Amerikanern die größere, die größtmögliche Chance, sich von der Ära der Finsternis loszusagen. Mehr noch. Obama verkörpert die Hoffnung auf einen Stimmungswandel, auf einen Aufbruch, wie ihn zuletzt nur John F. Kennedy hatte erzeugen können. Kennedy war der erste Katholik im Weißen Haus, mit seiner Wahl rissen die Bürger eine gesellschaftliche Hürde ein, brachen ein vormaliges Tabu - und wagten etwas Neues.

Mit Obama wäre es ähnlich. Er wäre der erste Schwarze im Weißen Haus. Rasse, würde das signalisieren, darf nun endgültig kein Hindernis mehr sein für Erfolg in diesem Land. Aber es ist nicht nur das Mal eines vormaligen gesellschaftlichen Stigmas, das bei Obama an Kennedy erinnert. Sein Auftreten, sein Charisma, seine Eleganz, seine geschliffene Rhetorik, das alles gepaart mit einer Botschaft der Hoffnung, der Offenheit und des Dialogs, verspricht ebenfalls eine Politik, die angstfrei ist, und vor allem: nachvollziehbar, ein Stück berechenbar. Die amerikanische Gesellschaft, tief verunsichert, tief gespalten, lechzt nach so einer mutigen, verbindenden, leicht daherkommenden Politik. Sie hat endgültig genug von dem schweren Muff der Bush-Jahre. Aus genau diesem Grund feiert die Jugend, feiern Kinder, Schüler, Studenten Obama, den 47-Jährigen, wie einen Popstar. McCain, der Krieger, wird so eine Stimmung nie erzeugen können.

Und auch Amerikas Partner dürfen von einem Präsidenten Obama eine entscheidende Veränderung im Umgang miteinander erwarten. An Amerika, dem Hegemon der westlichen Welt, werden sich immer viele Partner reiben, vor allem die Europäer. Auch ein Präsident Obama wird harte, kontroverse Entscheidungen fällen. Entscheidend aber ist, dass er diese wird begründen und verteidigen können, nicht mit missionarischem Eifer, sondern mit Argumenten. Das ist viel wert. Sehr viel.

Dass Obama mehr ist als nur Charisma, garniert mit wolkigen Worten der Hoffnung, dass er das Potenzial hat, seine Versprechen auch mit Härte und Kompetenz einzulösen, hat sein Wahlkampf eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Er hat es zuerst geschafft, die Clintons in einem bisweilen zermürbenden Vorwahlkampf zu besiegen, mit einer klugen Strategie, trotz Rückschlägen. Dabei hat er, und das ist außergewöhnlich, sich zu keinem Zeitpunkt zu Populismus hinreißen lassen. Dann hat er McCain ausmanövriert. Unter Ausnutzung der Möglichkeiten des Internets sammelte Obama so viele Spendendollar wie niemand zuvor und übertrumpfte den Gegner mit diesem Geld bei allen klassischen Mitteln des Wahlkampfs - bis hin zu jener denkwürdigen 30-Minuten-Werbesendung, die in der vergangenen Woche auf mehreren US-Sendern ausgestrahlt wurde.

Der Wahlkampf als Meisterwerk

McCain hatte der Obama-Dynamik wenig entgegenzusetzen. Er versuchte es mit Populismus, dann mit persönlichen Angriffen. Aber das alles verfing kaum, stattdessen machte sich McCains Nummer zwei, Sarah Palin, unbeholfen zum Gespött der Nation. Obama dagegen blieb cool, ließ sich nicht zu einem Fehler verleiten. Stattdessen stellte seine Wahlkampfmaschine in der Finanzkrise Kompetenz unter Beweis, die Lernfähigkeit des Kandidaten - und nährte die Hoffnung, dass eine Regierung Obama in der Lage sein wird, sich auf neue, überraschende Situationen schnell und kompetent einzustellen. Obama, das signalisierte die Organisation seines Wahlkampfs eindrucksvoll, ist in der Lage, große Herausforderungen intelligent und pragmatisch zu meistern. Zumindest laut Umfragen hat er die Wähler mit alldem überzeugt. Er geht als Favorit in diesen Wahltag. Sogar der wirtschaftsliberale "Economist" hat ihn empfohlen. Ein Sieg McCains an diesem Wahltag wäre deshalb eine faustdicke Überraschung. Mit diesem Wahlkampf hat Obama seine Meisterprüfung bestanden.

Die Bedeutung eines Wahlsiegs Obamas ist trotz all seiner Erwartbarkeit dennoch nicht zu überschätzen. Denn wenn sich die Amerikaner für Obama entscheiden, befreien sie sich nicht nur eindrucksvoll von der Finsternis der Bush-Jahre, sie entscheiden sich gleichzeitig für einen Aufbruch, für einen modernen Präsidenten, für einen Präsidenten, der Euphorie erzeugen und der Welt ein positives Bild Amerikas vermitteln kann. Barack Obama verspricht, dass er das gute Amerika zurückbringen kann. Schon jetzt hat dieses Versprechen eine ungeheure Wucht entfaltet. Entscheidet sich Amerika heute für Obama, könnte die Umsetzung dieses Versprechens Generationen prägen.

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