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Wahlen in den Niederlanden: Geert Wilders - Narziss und Großmaul

Er mag eng geschnittene Anzüge und stramme Sprüche gegen Muslime. Der niederländische Populist Geert Wilders ist der große Gewinner der Parlamentswahlen - und liebäugelt mit einem Ministerposten.

Ein Porträt von Tilman Müller

Fern der Heimat kann Geert Wilders noch so richtig die Sau rauslassen. Er sitzt als Gastredner der nationalistischen Independence Party auf dem Podium eines überfüllten Saals im britischen Oberhaus. An der Wand hängt das Ölporträt eines längst verblichenen Herzogs mit stattlicher Perücke, davor Wilders, dessen blondierte Mähne ihm den Spitznamen Mozart einbrachte. Provokationsprofi Wilders legt einen Galaauftritt hin, wie er zu Hause kaum noch möglich ist. Der Prophet Mohammed, sagt er, sei "ein Massenmörder, ein Barbar und ein Kinderschänder". Kopfnicken beim Publikum, wenn Wilders Sprüche drischt.

Der türkische Präsident Recep Erdogan sei ein "totaler Spinner" und der Koran gehöre genauso verboten wie Hitlers "Mein Kampf", sonst würden die Muslime bald "ganz Europa dominieren". Zwischen all den Tiraden hat der Niederländer auch "gute Nachrichten", wie er sagt: "Bei uns sind bald Wahlen. Ich will bescheiden bleiben, aber vielleicht werde ich Premierminister." Ganz so weit ist es nicht gekommen. Aber bei den Parlamentswahlen ist seine PVV, die "Partei für die Freiheit", die drittstärkste Fraktion geworden - mit Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung.

Rund um die Uhr bewachen ihn der Sicherheitsdienst

Der PVV-Chef arbeitet in Den Haag streng abgeschottet in einem Parlamentsbüro, das mit Zugangscode an der Tür und schusssicherer Abdeckung vor dem Fenster einer kleinen Festung gleicht. Rund um die Uhr bewachen ihn Beamte des königlichen Sicherheitsdiensts DKDB. Fast täglich erhält er Todesdrohungen militanter Islamisten; dauernd, raunen Hollands Medien, müsse er die Quartiere wechseln und manchmal sogar in Militärbasen übernachten.

In Wahrheit lebt der 46-Jährige in einem Haager Vorort in einer Apartmentanlage des niederländischen Staats. Das erzählen Leute aus seinem Umfeld. "Die 200-Quadratmeter- Wohnung, die er mit seiner ungarischen Frau Krisztina teilt", so ein früherer Weggefährte, "bietet allen Komfort und hat einen separaten Fahrstuhlzugang." Jeden Morgen holen ihn die Bodyguards dort ab, nie kann er sich einfach in ein Café setzen und mit Leuten unterhalten.

Früher war Wilders ein Spitzentennisspieler

Oder mit seinem Audi TT, der in der Garage verstaubt, zum Tennis brausen - früher zählte er zu Hollands Spitzenspielern. Wer seine Parteiversammlungen besuchen will, muss sich online bewerben und passiert beim Einlass eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen. Seit gut fünf Jahren geht das so. Damals begann Wilders, zuvor Abgeordneter der liberal-konservativen Regierungspartei VVD, gegen den Bau von Moscheen und die EU-Verhandlungen mit der Türkei zu polemisieren. Prompt gewann seine neu gegründete PVV bei den Wahlen 2006 neun der 150 Sitze und wurde fünftstärkste der zehn Parlamentsfraktionen.

Im Prinzip ist Wilders der legitime Erbe seiner Vorbilder Pim Fortuyn und Theo van Gogh. Beide attackierten den Islam, beide polarisierten auf beispiellose Weise das Land mit seinen fast 17 Millionen Einwohnern, von denen jeder Fünfte aus Einwandererfamilien stammt. Und beide wurden ermordet: Geradezu bestialisch kam van Gogh ums Leben: Mohammed Bouyeri, ein Marokkaner, schoss ihn 2004 in einem Amsterdamer Park vom Fahrrad. Danach schnitt er ihm mit einem Krummdolch die Kehle durch. Diese Hinrichtung war für Hollands multikulturelle Gesellschaft, berühmt für Toleranz und Konsensfreudigkeit, ein Todesstoß - eine Art 11. September.

Schon zuvor hatte der renommierte Soziologe Paul Scheffer seine Landsleute vor der zügellosen Zuwanderung gewarnt und das "Ende der multikulturellen Gesellschaft" ausgerufen.

Gegen alles Islamische, gegen Europa, gegen "Gesindel"

Für Wilders indes war der Tod van Goghs das Fanal zu einem regelrechten Kreuzzug, den er seither erbittert wie kein anderer in Europa führt - gegen alles Islamische, gegen Europa, gegen liberale "Multikulti-Typen" und gegen "Gesindel", das abgeschoben gehöre. Gerade läuft ein Prozess gegen ihn, wegen Anstiftung zu Hass und Diskriminierung. Die ständige Bedrohung ist Wilders kaum anzumerken, wenn er von Bodyguards umringt seine einzig sichere Bühne betritt: das Haager Parlament. Abgeordnete anderer Fraktionen grüßen ihn freundlich. Tief sitzt seine Röhrenhose. Eng das dunkle Jackett. Grellgrün die wie immer einfarbige Krawatte. Zwischentöne mag er nicht, weder in der Politik noch in der Mode. Ein Außenseiter ist Wilders gewiss nicht. Seit zwölf Jahren agiert er hier im Saal, und bis vor Kurzem war er sogar der populärste Politiker des Landes. Die niederländischen Journalisten kürten ihn 2007 zum "Mann des Jahres".

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wilders glaubt, der Islam sei keine Religion, sondern eine Ideologie, die danach strebe, die Gesellschaft zu dominieren. Doch selbst Intellektuelle wie Leon de Winter sind froh, dass es ihn gibt

Kopftücher eine "visuelle Umweltverschmutzung"

Auch jetzt belagern sie Wilders in den Pausen - womöglich beschimpft er ja wieder mal die Regierung als einen "Oldtimer mit leerer Batterie", lästert über die "linken Hobbys" der Sozialdemokraten oder über Kopftücher islamischer Frauen, die er "kopvodden" - Kopflumpen - nennt. "Es ist Zeit für einen Frühjahrsputz", polterte er kürzlich, eine "Kopflumpensteuer" müsse her, 1000 Euro pro Jahr für die "visuelle Umweltverschmutzung".

Tumult brach aus in Hollands Hohem Haus, eine Abgeordnete konterte: "Warum keine Steuer für das Spray, mit dem Sie Ihre Haare färben?" Wilders genießt den Krawall, der für Diskussionen in den Boulevardblättern sorgt - und für neue Unterstützer. "Seine Wähler", sagt der VVD-Mann Halbe Zijlstra, "sind die zornigen weißen Männer der mittleren und unteren Einkommensklassen. Die haben noch nie einen Muslim gesehen, lesen in den Zeitungen, dass die schrecklichen Kerle bald in ihre Nachbarschaft ziehen, und unterstützen dann aus lauter Angst diesen Rechtspopulisten." Wilders wildert auch fleißig auf linkem Terrain. Er ist gegen die Rente mit 67 und für eine Änderung des Sozialversicherungssystems zugunsten der Einkommensschwachen.

Erst Hetzer, dann Staatsmann

Clever taktiert er zwischen den Fronten und ändert bei Bedarf abrupt den Kurs. Als Gentleman, seriös und freundlich, perfekt englisch und deutsch parlierend, staatsmännisch in der Haltung und entschieden im Ton - so präsentiert sich Wilders beim Vieraugengespräch in einem alten Ratssaal des Parlaments. Schnell versucht er, von seinen üblichen Slogans wegzukommen. Ja, die "Kopflumpensteuer" führe er ein, sobald er ein Mandat dafür habe. Und "natürlich" sei Premier Erdogan ein Spinner, ein "gefährlicher Wolf im Schafspelz" sogar.

Dann aber spricht er lieber über die Leitlinien seiner Politik. Es sei die "große Krankheit des Westens, alle Kulturen gleichzubehandeln", sagt er. "Aber wir in den Niederlanden haben eine bessere Kultur als die islamischen Länder. Wenn wir das nicht begreifen, ist alles verloren." Der Islam, behauptet er, sei keine Religion, sondern eine Ideologie, die danach strebe, die Gesellschaft zu dominieren; einen gemäßigten Islam gebe es nicht. "Die Einwanderer haben keinen Respekt vor unserer Kultur. Wir wehren uns nicht gegen ihre Kriminalität, schon jetzt ist unsere Sicherheit gefährdet, und irgendwann ist es zu spät." Wilders klingt wie ein israelischer Ultrarechter. Und tatsächlich ist er eng mit Israels Hardlinern befreundet, vor allem mit Außenminister Avigdor Lieberman, einem Heißsporn, der schon mal drohte, Ägyptens Assuan-Staudamm zu bombardieren. Beide, Wilders und Lieberman, sprechen öfters vom "islamischen Tsunami"; sagen, die Palästinenser brauchten keinen eigenen Staat, sie besäßen bereits einen: Jordanien.

In Israel ist Wilders stets willkommen

Konsequenterweise intensivierten die Parteien beider Politiker jüngst ihre Zusammenarbeit. Häufig reist Wilders nach Israel, wo er Anschläge auf seine Person nicht fürchten muss und überall herzlich empfangen wird. Sogar im Hauptquartier des Mossad gab es Briefings für ihn. "Ich bin kein Agent des israelischen Geheimdiensts", wiegelt er ab. Aber ein wichtiger Kontaktmann zu dem Land. "Als 2006 Israels neuer Botschafter bei uns eintraf", erzählt ein hochrangiger Haager Diplomat, "wurde er an einem Montag von Königin Beatrix empfangen - am Dienstag speiste er mit Herrn Wilders."

Wilders wuchs im grenznahen Venlo auf, katholisch erzogen. Sein Vater, ein Ingenieur, kämpfte im Zweiten Weltkrieg im Widerstand gegen die Nazis. Schon mit knapp 18 Jahren, nach der mittleren Reife, zog es Geert Wilders nach Israel. Über die Vorfahren seiner Mutter, erzählt er, stecke auch "jüdisches Blut" in ihm. Anfang der 80er Jahre blieb er gut zwei Jahre in Israel, arbeitete in einem Kibbuz bei Ashkelon und in einer Kooperative bei Jericho. Auch Ägypten, Syrien und Iran bereiste er damals - Länder, über die er seither mit Verachtung spricht.

Prägend sei, sagt er, die Zeit in Utrecht gewesen. Dort lebte er von 1988 an zehn Jahre lang in "Kanaleneiland", einem Problembezirk mit 75 Prozent Ausländeranteil, und begann als kleiner Krankenkassenbeamter seine politische Laufbahn im Gemeinderat. Die hohe Kriminalität in dem Einwandererquartier habe ihn "wahnsinnig genervt". "Als Lokalpolitiker und später als Parlamentsabgeordneter musste ich oft vom Auto zur Tür meines Wohnblocks spurten, um keine Prügel zu bekommen." Die 16.000 Einwohner, meist Marokkaner und Türken, sind in den Betonsilos von Kanaleneiland kaserniert; Berlin-Neukölln ist dagegen charmant. Noch desolater und teils militant wie in Frankreichs Banlieue geht es in Rotterdam zu. 40 Prozent der Bewohner sind Muslime, 2015 werden es mehr als die Hälfte sein.

In Rotterdam gilt mancherorts schon die Scharia

Die Wilders-Vision, aus Europa könne einmal Eurabien werden, ist in der Hafenstadt bereits ansatzweise Realität. In den Zuwandererghettos gilt vielfach die Scharia, das islamische Recht; nahe dem Feyenoord-Stadion wird Europas größte Moschee gebaut - eine Parallelgesellschaft entsteht. Obendrein regiert ein Bürgermeister die Stadt, der in Marokko zur Welt kam. Doch Ahmed Aboutaleb ist ein westlich orientierter Mann, der das kulturelle Miteinander betont, gegen Burka-Trägerinnen Front macht und inzwischen als "Obama von Rotterdam" gilt. Was Wilders überhaupt nicht passt: "Aboutaleb hätte besser Bürgermeister von Rabat werden sollen." Warum immer so abweisend und aggressiv, Herr Wilders? "Ich muss aufrütteln, scharf formulieren, vielleicht auch übertreiben, das ist mein Stil. In unserem Konsens- Land schlafen doch alle, keiner rührt an den Problemen." Offenbar arrangieren sich die Niederländer mit dem Provokateur. Viele beteuern, sie würden ihn nie wählen, tun es aber doch. 24 von 150 Sitzen hat er mit seiner Partei nun errungen.

Der Soziologe Scheffer hält ihm zugute, nicht - wie etwa der französische Nationalist Jean-Marie Le Pen - rechtsradikale Traditionen zu verkörpern. Und der jüdisch-niederländische Bestsellerautor Leon de Winter findet, Wilders sei ein sanftmütiger, fröhlicher Mensch: "Er ist ein leidenschaftlicher Populist, der ganz genau weiß, wann er die Medien mit extremen Äußerungen provozieren kann." Er würde ihn bestimmt nicht wählen, sagt de Winter, aber ist froh, dass es einen wie Wilders gibt.

Mitarbeit: Albert Eikenaar/print