Wahlen in Großbritannien Der kleine Nick ganz groß


Nick Clegg, Chef der Liberalen, ist Verlierer als auch Gewinner der Wahlen in Großbritannien: Nur mit seiner Hilfe werden Labour oder Tories an die Macht kommen. Und er verlangt einen hohen Preis.
Ein Kommentar von Cornelia Fuchs, London

Das wars. Der Wahlkampf ist vorbei. Gordon Brown hat sich zum Schlafen hingelegt, Nick Clegg fährt im Zug von seinem Wahlkreis in Sheffield zurück nach London, David Cameron ist ebenfalls auf dem Weg nach Westminster. Und Großbritannien wartet. Während die neue Sitzverteilung des Parlamentes Wahlkreis für Wahlkreis in den Nachrichten verkündet wird, macht sich das Land mit der neuen Realität bekannt: Dieser Freitagmorgen ist der Morgen der Verlierer.

Der größte Verlierer ist der Premier, dessen Partei Labour bisher 85 Wahlkreise aufgeben musste und somit 85 Abgeordnete weniger ins Unterhaus entsendet. David Cameron, Oppositionsführer der Konservativen , dürfte der frustrierteste Verlierer sein. Er konnte zwar mehr Sitze hinzugewinnen, als Labour verloren hat, seine Tories sind mit mehr als 36 Prozent die stärkste Partei - aber für eine Mehrheit im Parlament reicht es trotzdem nicht. Und deshalb muss er zunächst abwarten, ob sich seine Gegner auf eine Koalition einigen können.

Clegg will die Wahlrechtsreform

Nick Clegg, der Parteivorsitzende der Liberaldemokraten, hat im Moment alle Karten in der Hand. Clegg war im Wahlkampf von einer Welle der Euphorie getragen worden - die sich allerdings nicht in Stimmen auf Wahlzetteln übersetzt hat. Der winzige Zuwachs von einem Prozent der Stimmen zeigt, dass die Wähler im letzten Moment wohl doch eher taktisch als emotional gewählt haben. Nur in wenigen Wahlkreisen macht eine Stimme für einen liberaldemokratischen Kandidaten tatsächlich Sinn. In den meisten Fällen ist es ein Rennen zwischen den beiden großen Parteien, eine Stimme für Cleggs Partei fällt dabei nicht ins Gewicht. Clegg verlor mindestens sechs Sitze an seine Gegner.

Und doch könnte er der große Gewinner werden. Clegg wird an diesem Morgen umschwärmt wie ein Honigstock. Labour-Politiker elaborieren in politischen Radio-Sendungen über die Wichtigkeit einer Reform des antiquierten Wahlrechts - eine Hauptforderung aus Cleggs Wahlkampf. Dabei betonen sie gleichzeitig, dass nur die Partei von Premier Brown diese Reform voranbringen kann. Die Konservativen unter David Cameron haben eine Veränderung der Verfassung stets abgelehnt.

Cleggs Qual der Wahl

Nick Clegg, so heißt es, hat sich mit Beratern in ein Abteil seines Zuges auf dem Weg von Sheffield nach London zurückgezogen. Er lässt nur verlauten, dass er - wie versprochen - zunächst mit der größten Fraktion im neuen Parlament sprechen werde. Das sind die Konservativen. Es ist anzunehmen, dass sie Clegg nicht das bieten können, was er will.

Es liegt also an Gordon Brown, die Liberaldemokraten zu ködern. Nick Clegg muss dann entscheiden, ob er wirklich mit den großen Verlierern dieser Wahl zusammen arbeiten will. Erste Argumente dafür werden von seinen Parteikollegen schon vorgeführt: Eine Mehrheit der Wähler hätte schließlich für die Liberalen und Labour und damit für eine Wahlreform und eine links von der Mitte stehende Koalition gestimmt.

Der Misstrauensbeweis

Doch das ist eine schwierige Position in der politischen Landschaft Großbritanniens. Das taktische Wählen ist hier so gut wie unbekannt. Kaum jemand wählt, um eine Koalition in Westminster zu erzwingen. Auch lässt sich mit diesem Argument nicht verdecken, dass die Mehrheit der Wähler vor allem gegen Gordon Brown gestimmt hat - der größte Umschwung war die Bewegung hin zu Camerons Konservativen, auch, wenn die Stimmen nicht zur Mehrheit im Parlament reicht.

So unentschieden das Ergebnis, so klar ist jedoch die Botschaft an die politische Klasse: Keine der Parteien konnte das volle Vertrauen der Wähler gewinnen, kein Parteiprogramm eine Mehrheit überzeugen und selbst die Spitzenkandidaten haben die Wähler nicht wirklich begeistert. Wer immer als nächstes in die Downing Street einziehen wird, muss neben dem gigantischen britischen Defizit vor allem eines bekämpfen: die Politikmüdigkeit der Briten.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker