Washington Memo Der Gipfel der Berufung


Der "Kleiderschrank-Katholik" wird George W. Bush, der sich von Gott ins Weiße Haus berufen fühlt, genannt. Nun rollt er einem anderen Berufenden den Roten Teppich aus: Benedikt XVI. In ihm sieht der US-Präsident einen Verbündeten im Geiste, doch für den Papst ist die USA-Reise nur ein Promo-Trip.
Von Katja Gloger, Washington

Mehr Pomp, mehr Zeremonie, mehr roter Teppich geht nicht. Höchstpersönlich holte der Präsident His Holiness am Militärflughafen Andrews Air Force Base ab - das machte er noch nie zuvor bei einem Staatsbesuch. Selbst Tochter Jenna hatte er mitgebracht, dezent in schwarz gekleidet. 5000 Journalisten haben sich akkreditiert, sie warten seit den frühen Morgenstunden, um einen Blick aufs Geschehen zu erhaschen. Und beim Empfang im Garten des Weißen Hauses sollten sich am Mittwoch bis zu 12.000 Würdenträger aller Art quetschen. Pfadfinder, Nonnen, Senatoren, die Kandidaten Barack Obama und Hillary Clinton, auch John McCain. So viel Ehre gab's noch nicht mal für Queen Elizabeth - die brachte es im vergangenen Jahr gerade mal auf 7000 Gäste.

Es ist der zweite Besuch eines Papstes im Weißen Haus - und der erste so richtig offizielle. Das erste Treffen zwischen Johannes Paul II und Präsident Carter 1979 galt als inoffiziell. Denn damals gab es noch nicht einmal eine Botschaft des Vatikan in den USA - die wurde erst 1984 eröffnet, als Ronald Reagan die Verdienste des Papstes im Kampf gegen den Kommunismus würdigen wollte.

Afrikatiefe Schlaglöcher auf der Massachusetts Avenue

Und zur Freude der Autofahrer wurden zur Visite jetzt endlich, endlich auch die afrikatiefen Schlaglöcher auf Washingtons Massachusetts Avenue mit feinem Asphalt bedeckt. An der Straße liegt die Botschaft des Vatikans - und der Papst wohnt hier. Da darf die Limousine nicht rumpeln.

Benedikt XVI, alias Joseph Alois Ratzinger aus Marktl am Inn, ist auf Staatsbesuch - und eine Stadt geht in den Ausnahmezustand. Die halbe Innenstadt wird gesperrt, Massen wollen zu den beiden großen Messen pilgern, die der Papst halten wird. Eine davon vor 45.000 Fans im gerade eröffneten Baseball-Stadion der Nationals - dort, wo Präsident Bush unlängst ausgebuht wurde. Dem Papst werden am Donnerstagmorgen 570 Chorsänger freudig entgegen jubilieren, und dann wird Tenor Placido Domingo das "Panis Angelikus" anstimmen.

Angesichts des erwarteten Besucheransturms hatte sich die PR-Abteilung der Washingtoner U-Bahn einen ganz besondere Botschaft ausgedacht: mit einer kleinen Papst-Puppe mit Wackelkopf wollte man in einem Reklame-Video dafür werben, die U-Bahn zu benutzen. Umweltfreundlich und beim Erwerb der päpstlichen Sondertageskarte auch noch preiswert. Doch die Erzdiözese Washington zeigte sich nicht amüsiert. Falsche Kleiderfarbe, rügte man: "Der Papst trägt keine roten Käppis!" Hilflos verteidigte man sich: man habe den Wackelkopf bei e-bay ersteigert, für 16,99 Dollar, Versand inklusive. Nichts half - das Video musste zurückgezogen werden.

Im diözeseeigenen Souvenirshop allerdings gibt es gerahmte Fotos und T-Shirts mit dem Schriftzug "Eigentum von Papst Benedikt" zu kaufen. Schließlich müssen die drei Millionen Dollar Besuchskosten irgendwie wieder in die Kasse kommen.

Und wenn der Papst an diesem Mittwoch auf den Präsidenten trifft, dann begrüßen sich zwei Gleichgesinnte - meint zumindest George W. Bush. "Der Papst und der Präsident werden ihren Dialog über die Wechselwirkung zwischen Glauben und Vernunft fortsetzen", heißt es offiziell. Zwar ist Bush nicht katholisch, er bezeichnet sich als "wiedergeborenen Christen" und gehört einer Methodisten-Gemeinde in Texas an. Doch Bush ist fasziniert vom Katholizismus. Hat sich mit so vielen katholischen Beratern und Redenschreibern umgeben, dass man ihn gar schon den "Katholischen Präsidenten" nennt. Katholischer als John F. Kennedy, immerhin erster Katholik im Weißen Haus.

Noch vor seiner ersten Wahl zum Präsidenten ließ Bush seine Berater Bücher über katholische Soziallehre studieren. Sein erster öffentlicher Auftritt als Präsident im Januar 2001 war, so notiert der kundige Journalist Daniel Burke vom Religion News Service, ein Abendessen mit dem damaligen Washingtoner Erzbischof. Bush ernannte zwei Katholiken zu Richtern am Obersten Gericht, darunter auch den Vorsitzenden John Roberts. Sein ehemaliger Redenschreiber Michael Gerson, selbst gläubiger Evangelikaler mit Hang zu Offenbarungen ("Achse des Bösen"), sagte: Wenn man Bushs Innenpolitik verstehen wolle, brauche man sie nur durch die Brille des Vatikans zu betrachten. Und einer seiner Berater nannte Bush gar einen "Kleiderschrank-Katholiken."

Mit der Bibel ins Bett

Der Präsident, der jeden Abend die Bibel liest und sich immerhin von Gott ins Weiße Haus berufen sieht, betrachtet den Papst eine Art Verbündeten im Geiste. Bush schätzt die historische Dimension der Institution Kirche, die strenge Hierarchie, heißt es. "Die Kirche ist ein Fels", sagt er. Er schätzt die Disziplin, die festen Überzeugungen und die Unerschütterlichkeit, mit der dieser Papst seine doktrinären Positionen vertritt. Wie nannte man ihn, als der Mann noch Joseph Ratzinger war? "Kardinal No." Und schließlich hatte er der "New York Times" damals auf eine Frage nach seinen unpopulären Positionen geantwortet: Seinen Glaube, ihn selbst, könne man vielleicht als nonkonformistisch betrachten." Und Nonkonformisten, die öffentlichen Applaus erheischen, sind doch irgendwie lächerliche Figuren."

Damit spricht er dem moralischen Rigoristen George W. aus der Seele. Auch Bush sieht sich als einer, der in historischer Dimension denkt. Als ein Verkannter, dessen wahre Bedeutung wohl erst von den Historikern erkannt werde. Er wolle die Überzeugungen des Papstes ehren, sagte Bush dem katholischen Fernsehen. " Ich teile seine Einschätzung, dass es im Leben Entscheidungen zwischen Richtig und Falsch gibt und dass moralischer Relativismus eine Gefahr ist. Was er erblickt, wenn er Benedikt in die Augen sieht? "Gott", antwortete der Präsident.

Offiziell will der Papst auf seiner sechstägigen "apostolischen Reise" den Amerikanern die "Goldene Regel" des Zusammenlebens vor Augen führen. "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen", hatte er vor der Abreise gesagt. Falls dies eine Kritik an der Kriegspolitik des Präsidenten war, dann hatte er sie trefflich verpackt. Denn natürlich geht beim Treffen der beiden Dogmatiker auch um knallharte Politik. Der Kampf gegen islamischen Fundamentalismus, die Rolle der Kirche in einem Kuba nach Castro, die Lage im Nahen Osten. Als Mann der Menschenrechte und des Friedens will sich Benedikt vor allem während seiner Rede vor den Vereinten Nationen am Freitag präsentieren, es heißt, er werde über den Frieden im Nahen Osten sprechen.

Doch in Wahrheit ist der Mann natürlich auf Promo-Tour, will in den USA sein Image des Erzkonservativen weichspülen. Auch in den USA ist Benedikt noch weit entfernt von seinem Vorgänger, dem Rock-Star-Papst Johannes Paul II.

Dabei er mag Amerika, oft war er hier. Zwar erinnert sein (fließendes) Englisch mit dem harten deutschen Akzent selbst Wohlwollende an die (bösen) Deutschen in Filmen über den Zweiten Weltkrieg - doch er hatte sich stets mit amerikanischen Beratern umgeben. Sein Nachfolger als oberster Glaubens-Verteidiger ist ein Amerikaner. Und jahrelang war auch der eloquente Pressemann des Vatikans ein Amerikaner. "Amerika war immer eine Nation, die Religion wertschätzt, weil sie dazu beiträgt, eine lebendige und ethisch gesunde Demokratie zu sichern", sagte der vor wenigen Wochen.

23 Prozent der Amerikaner sind katholisch

Außerdem bilden Katholiken mit 67 Millionen Gläubigen, 23 Prozent der Bevölkerung, immer noch die größte religiöse Gruppe in den USA - heute vor allem dank der Immigranten aus dem katholischen Mittelamerika. Heute ist fast jeder zweite Einwanderer in die USA Katholik. Wenn sich die Zahl der Latinos in Amerika in den kommenden vierzig Jahren auf bis 130 Millionen verdreifacht, dann wächst auch die Macht der katholischen Kirche. Noch spricht der Papst vor allem die hardcore Katholiken an, viele junge Menschen darunter, die keinen "Cafeteria-Katholizismus" wollen. Sie fordern die Vormacht der katholischen Kirche, wollen Gottesdienste auf Latein, sie wollen Gehorsam und die Reinheit des Glaubens. Doch auch in den USA leiden Gemeinden unter Mitgliederschwund, schließen Kirchen, es fehlt vor allem an Priestern.

Doch für viele katholische Amerikaner gleicht Benedikt immer noch einem Wolf im Schafspelz. Sie fürchten seinen Anspruch auf doktrinäre Reinheit, auf absolute Wahrheit. Diese Katholiken wollen eine liberalere, refomorientierte Kirche, sie setzen sich für die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen ein; sind für das Recht auf Abtreibung. Sie praktizieren "gläubigen Dissens", so Professor Jose Casanova von der Washingtoner Georgetown-Universität.

Vor allem aber fordern sie endlich deutliche Worte - und Taten - in einem der größten Missbrauchs-Skandale der Geschichte der USA: Kindesmissbrauch durch katholische Priester. Mehr als 5000 Opfer zählt man, seit die ersten Fälle vor sechs Jahren in der Diözese Boston öffentlich wurden, bis zu 12.000 sollen es seit 1950 sein. Die Kirche zahlte bislang mehr als zwei Milliarden Dollar Entschädigungen - eine der größten Summen in Entschädigungsklagen überhaupt, sechs Diözesen mussten Bankrott anmelden. Dafür aber wurden Priester nicht angeklagt, ihre Vergehen nur kirchenintern untersucht, viele lediglich versetzt. Man zahlte - und vermied Öffentlichkeit, Gerichtsverfahren, gar Verurteilungen. Doch von 19 Bischöfen, die sich selbst des Kindesmissbrauchs schuldig gemacht haben, lebten 13 noch, drei seien sogar noch im Amt, kritisiert SNAP, die Selbsthilfegruppe für von Priestern Missbrauchte, die hat nach eigenen Angaben 8000 Mitglieder zählt. Mehrere Opfer begingen Selbstmord.

Vier Fragen beantwortet

Als er jetzt auf dem Flug nach Washington vier von vielen zuvor schriftlich eingereichte Fragen von Reportern beantwortete, nahm der Papst auch zum Pädophilie-Skandal Stellung. Er empfinde "tiefe Scham", sagte er auf englisch mit seinem harten deutschen Akzent, die Schicksale der Opfer bereiteten ihm großes Leid. Wer des Kindesmissbrauchs schuldig sei, könne niemals Priester sein. Am Freitag, während der Papst vor den Vereinten Nationen spricht, will das Missbrauchs-Opfer Robert Costello die Namen der Opfer laut vorlesen. "Hat er wirklich Mitleid mit den Opfern, wenn er gar nicht mit uns spricht?" fragt er.

Benedikt XVI. weiß, er hat Viel wieder gut zu machen. Bescheiden will er sich geben, demütig, gütig. Dem an seinem heutigen 81. Geburtstag zu seinen Ehren ausgerichteten Gala-Dinner im Weißen Haus bleibt er fern. Ein Papst isst schließlich nicht in der Öffentlichkeit, heißt es. Dabei soll es bayerische Spezialitäten geben. Was immer das heißt, bei den Bushs zuhause.


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