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Washington Memo: Ein Kandidat, der keiner mehr sein will

Al Gore, das grüne Gewissen Amerikas, hat ein neues Buch veröffentlicht. Ist das politische Manifest ein Schritt zur Präsidentschaftskandidatur? Die Demokraten und viele Amerikaner wären über einen Präsidenten Gore entzückt.

Von Katja Gloger, Washington

Als ob ihm all' die Spekulationen wirklich Spaß machen. Kaum hat er sich auf Diät gesetzt und ein paar Pfund abgenommen - schon heißt es hoffnungsvoll, er mache sich fit für die Kandidatur. Kaum erläutert er vor dem US-Kongress sein Programm für den Klimaschutz - schon heißt es, er lese aus seinem Wahlprogramm. Und jetzt hat er auch noch ein neues Buch geschrieben, eine Abrechnung mit George W. Bush - ist das nicht schon eine Art Wahlkampf? Will Al Gore noch einmal versuchen, Präsident zu werden? Bei solchen Fragen lehnt sich er sich meist zurück, lacht und dann sagt er, was er immer sagt bei solchen Fragen: "Ich plane nicht, zu kandidieren." Das ist ja eigentlich ein glasklares "No." Doch steckt da nicht doch noch ein klitzekleines "yes" drin? Zumindest ein "maybe"? Vielleicht ein Vielleicht? Und man hofft verzückt.

Eine Mischung aus Obama und Clinton

Es ist schon erstaunlich, wie sich Al Gore, der einst so stocksteife Vizepräsident unter Bill Clinton, in den vergangenen Jahren zu einem amerikanischen Superstar mit Glamour-Faktor "A++" entwickelt hat. Er ist Amerikas grünes Gewissen, ein Held von Hollywood-Format. Wo immer er hinkommt, jubeln ihm Tausende zu. Verfolgen gebannt seine Show über "global warming". Und tragen Anstecker: "Gore 2008". Manchmal grenzt es an Hysterie.

Er, Gewinner und zugleich Verlierer der Präsidentschaftswahlen 2000, ist für viele Demokraten zu einem ultimativen Hoffnungsträger geworden. Schließlich vereine er den Charme und den frischen Optimismus eines Barack Obama und zugleich die operative Erfahrung einer Hillary Clinton, schwärmen Parteistrategen, Journalisten und potentielle Wähler zugleich. "Wenn er kandidieren würde, würde er die Wahl gewinnen", sagt sein Freund Steve Jobs, Chef von Apple, "daran habe ich keinen Zweifel. Ich glaube allerdings, dass er selbst diese Zweifel hegt. Ich habe versucht, ihn zu überzeugen. Bislang ohne Erfolg." Denn dieser Mann sagt heute, seine Liebesaffäre mit der Politik sei zu Ende. Er habe sich befreit, sagt er.

Die Niederlage gegen Bush traf Gore hart

Der Zahl der Wählerstimmen zufolge hatte Al Gore ja die Präsidentschaftswahl des Jahres 2000 gegen Bush gewonnen - und dann durch eine verhängnisvolle Entscheidung des Obersten Gerichtshofes der USA doch verloren. Es war die politische Katastrophe seines Lebens. Er litt verbittert - doch dann berappelte er sich. Folgte dem Rat seiner Frau Tipper, die ihn wieder in die Welt hinausschicken wollte, weg von den feingetuneten Meinungsumfragen und endlosen Fernsehauftritten und den taktischen Ratschlägen von Dutzenden Beratern. Er holte alte Dias aus dem Keller seines Hauses in Nashville, stellte einen Vortrag zusammen und legte los.

Die Umwelt, das Klima, die Rettung des Planeten, das wurde sein Thema. Und wenn Amerikaner heute den Kampf gegen global warming als eines der wichtigsten Themen der Zeit erachten - dann ist dies vor allem Al Gore und seiner "unbequemen Wahrheit" zu verdanken. Bis heute hat er seine Diashow rund 2000 Mal präsentiert, und immer noch reist er mit seinem Vortrag durch das Land. Und 1200 eingefleischte Fans haben sich von ihm in einem Ein-Tages-Seminar bereits selbst zu "presenters" ausbilden lassen. Sein Dokumentarfilm wurde ein Blockbuster, sein Buch ein Bestseller - alle Einkünfte daraus, darauf legt er Wert, gehen an die "Allianz für Klimaschutz", eine Non-Profit-Organisation.

Gore investiert in nachhaltige Unternehmen

Quasi nebenbei sitzt er im Aufsichtsrat für den Computerhersteller Apple und ist einer der Chefberater für die Besitzer der Suchmaschine Google. Hält Aktien in beiden Unternehmen, hat die TV-Station "Current TV" mitgegründet. Und macht Geld mit dem "Generation Investment Management" Fonds, der mittlerweile rund eine Milliarde Dollar Kapital in nachhaltig produzierende Unternehmen investiert. Heute arbeitet Al Gore so viel und so diszipliniert, dass ihm Freunde bereits rieten: "Du solltest mal eine Pause machen. Kandidiere doch für die Präsidentschaftswahlen."

Und dann natürlich der Oscar, die Titelgeschichten und die Freundschaften mit all' den Klima schützenden Superstars. Am 7. Juli wird er "Live Earth" präsentieren - die weltweit neun ausgestrahlten Konzerte sollen zum Klimaschutz aufrufen und bis zu zwei Milliarden Menschen erreichen.

Ein Buch als Abrechnung mit Bush

Jetzt hat er ein neues Buch veröffentlicht, eine Abrechnung, eine politische Kampfschrift mit dem provozierenden Titel: "Der Angriff auf den Verstand." Ein bisschen Neil Postman ( "Wir amüsieren uns zu Tode"), ein bisschen Gesellschaftskritik und jede Menge Generalabrechnung mit George W. Bush, dem Mann, der ihm seine Präsidentschaft stahl und das Land in einen desaströsen Krieg trieb. Es ist ein politisches Manifest, das seziert, wie bedroht Amerikas Demokratie heute ist - und zwar vor allem durch die Massenmedien. Durch die 30-Sekunden "sound-bites" im Fernsehen etwa, die massentauglich maßgeschneiderten TV-Politbotschaften, mit denen man Wahlen gewinnt. "Der durchschnittliche Amerikaner sieht heute 4 Stunden und 35 Minuten pro Tag Fernsehen", schreibt Gore. "In einer Welt, in der Fernsehen so dominant ist, sind alle inhaltlichen Äußerungen eines Kandidaten irrelevant.

Denn die Image-Kampagnen zur Beeinflussung der Wähler sind viel wichtiger. Die hohen Kosten dieser politischen Werbekampagnen wiederum führen dazu, dass Geld in der Politik immer wichtiger wird - und damit natürlich der Einfluss derjenigen, die das Geld zur Verfügung stellen. Es ist kein Wunder, dass beide Parteien nun auf der Suche nach Multimillionären sind, die sich ihre Wahlwerbung mit ihrem eigenen Vermögen finanzieren können."

"Das Internet ist eine Plattform für die Vernunft"

Al Gore beschreibt die Welt der Politik als eine einzige monströse Manipulation: "Vernunft, Logik und Wahrheit werden immer weniger wichtig, wenn Amerika bedeutende Entscheidungen fällt." Allein das Internet mache Hoffnung. Denn dort, auf dem breitbandgefütterten Marktplatz der Ideen und Diskussionen, könne sich die Demokratie neu erfinden. Dort, so glaubt er, werde die amerikanische Gesellschaft klüger. "Das Internet ist eine Plattform für die Vernunft", schreibt er.

Anfang der Woche stellte er sein Buch vor - mit einer rauschenden Veranstaltung ausgerechnet in Beverly Hills, dem Tummelplatz der Superreichen aus Hollywood. Es sollte der Beginn einer nationalen Lesereise sein - doch sie glich mehr einer Wahlveranstaltung. "Run, run, run", riefen seine Fans, ließen ihn gar nicht zu Wort kommen. In den Meinungsumfragen, die Al Gore angeblich so verachtet, liegt er zurzeit an dritter Stelle hinter Hillary Clinton und Barack Obama. Ohne eine einzige Wahlveranstaltung. Und ohne Fernsehwerbung. Es ist nur scheinbar ein Widerspruch: Al Gore wäre ein guter Kandidat - weil er keiner mehr sein will.