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Wikileaks-Informant Bradley Manning: Lebendig begraben

Das Strafmaß für Wikileaks-Informant Bradley Manning soll wie ein ausgeklügelter rechtsstaatlicher Schiedsspruch wirken. In Wahrheit ist es die Rache eines düpierten Militärapparates.

Ein Kommentar von Peter Meroth

Das Urteil erinnert an mittelalterliche Strafaktionen: 35 Jahre für Bradley Manning. 25 Jahre alt ist der schmächtige Soldat, der 2010 Hunderttausende Geheimdokumente an Wikileaks überspielte. Nach Abzug der Untersuchungshaft ginge er bei seiner Entlassung auf die 60 zu, wenn Manning die vom Militärgericht in Fort Meade verhängte Strafe in voller Länge absitzen muss. Er käme länger hinter Gitter als ein Mörder, der in Deutschland zu lebenslänglich verurteilt wird.

35 Jahre – dieses Strafmaß ist die Rache des düpierten Militärapparats. 35 Jahre – dieses Urteil soll wie ein ausgeklügelter rechtsstaatlicher Schiedsspurch wirken, nachdem die Anklage 60 Jahre gefordert hatte. Doch 35 Jahre, das heißt für einen jungen Mann wie Bradley Manning "lebendig begraben".

Er hatte gerade das College abgeschlossen, er hatte gerade bei einem Ausflug mit Freunden den unbeschwerten Spaß an seiner Homosexualität entdeckt, da kam er zum Militär. Und musste fortan über seine sexuelle Orientierung schweigen. Manning litt darunter, er fühlte sich erniedrigt, einsam. Zur bitteren Ironie der Geschichte des Bradley Manning gehört, dass jenes homophobe Gesetz, unter dem er so litt, inzwischen aufgehoben ist. Auch in der US-Armee dürfen sich Schwule und Lesben heute zu ihrer Sexualität bekennen. Doch für den verzweifelten Manning kam Obamas Reform zu spät. Er saß auf einem vorgeschobenen Aufklärungsposten im Irak nahe Bagdad. Er hatte Zugang zu Top-Secret-Dokumenten. Und er nutzte das, um sich in seiner stillen Wut Luft zu verschaffen.

Nur ein kurzer Moment des Triumphs

Er erlebte einen kurzen Moment des Triumphs. Doch dann wurde er zum tragischen Helden. Alles schien sich gegen ihn verschworen zu haben. In seinem Aufbegehren vertraute er blindlings Wikileaks-Gründer Julian Assange und der Hacker-Legende Adrian Lamo. Beide von der Öffentlichkeit zu hehren Freibeutern der Internetwelt stilisiert. Doch Lamo bekam kalte Füße, als er das Ausmaß von Mannings Datenpaketen begriff. Und Wikileaks war nach ersten stürmischen Erfolgen im internen Streit um den seriösen Umgang mit dem brisanten Material gespalten.

Wikileaks konnte nicht garantieren, dass einzelne Agenten, Diplomaten, Politiker oder Organisationen bei der Veröffentlichung der 700.000 Dokumente geschützt wurden. Manning entschuldigte sich beim Prozess dafür, dass er diese Menschen gefährdet hatte.

Lamo verriet Manning an die Behörden. Im Mai 2010, rund einen Monat, nachdem das spektakuläre Video "Collateral Damage" vom mörderischen Hubschraubereinsatz im Irak weltweit Aufsehen erregt hatte, wurde der junge Soldat verhaftet.

Haftbedingungen, die an Folter erinnern

Unter Haftbedingungen, die zum Teil einer Folter ähnelten, verbrachte Manning die Zeit bis zu dem Prozess. Er bekannte sich in einigen Anklagepunkten für schuldig. Doch das stimmte das Gericht nicht milde. Es verurteilte den 25-Jährigen nach einem Spionage-Gesetz von 1917, aus einer Zeit, als das Telefon noch eine revolutionäre Technik war und die wenigen Teilnehmer per Hand verbunden werden mussten. Als Akte des Verrats noch nach der Anzahl der einzelnen weitergegebenen Dokumente und Informationen beurteilt wurden. Gemäß diesem Gesetz wurde das Strafmaß nach der Menge der enthüllten Daten aufsummiert.

Bradley Manning muss auch dafür büßen, dass erneut ein Whistleblower geheime US-Daten und die Überwachungswut des Nachrichtendienstes NSA an die Öffentlichkeit gebracht hat. Das Urteil gegen Bradley Manning ist auch eine Drohung gegen Edward Snowden. Und gegen alle, die dem regierungsamtlichen Spitzelapparat der USA unbequem werden könnten.

Theoretisch kann Manning noch auf Gnade hoffen. Oder eine spätere Instanz könnte die Strafe abmildern. Doch die Chancen sind gering. Und bis zu einem endgültigen Urteil kann es Jahre dauern. Bis dahin bleibt er: lebendig begraben.

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