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Zahlen, Daten, Fakten: Von Siemens bis Käthe Kruse

Vorurteile und Irrtümer

Die Auffassung, das Baltikum sei eine Staatengemeinschaft, ist vollkommen falsch. Jedes der drei Länder hat eine eigene Kultur, Sprache und Geschichte. Einig waren die Balten jedoch in der Auflehnung gegen die Sowjetunion, die sich die drei Länder im Zweiten Weltkrieg einverleibt hatte.

Viele Russen meinen, es sei ein schwerer Fehler gewesen, den Balten die Freiheit zu geben. Manche glauben ernsthaft, es lohne sich nicht, ein Visum für Estland zu beantragen - der kleine Staat werde demnächst ohnehin wieder zu Russland gehören.

Probleme

In den Grenzregionen zu Russland grassieren Armut und Arbeitslosigkeit. Die Integration der russischsprachigen Minderheit kommt nur schleppend voran. Viele Russen - vor allem in Lettland - sind noch staatenlos und müssen sich strengen Sprachtests unterwerfen. Konflikte gibt es im Transitverkehr zwischen Russland und der Enklave Kaliningrad.

Noch immer ist das litauische Atomkraftwerk Ignalina (gleicher Bautyp wie Tschernobyl) am Netz. In Estland blüht die illegale Wodkaproduktion, im Jahr 2002 starben dort 193 Menschen an Alkoholvergiftung.

Wirtschaft

Estland liefert elektronische Produkte für den skandinavischen Markt, zum Beispiel an Nokia. Ikea bezieht Ware aus Estland und Litauen; aus Lettland stammen Pullover für Marks & Spencer. Firmen aus Litauen sind Zulieferer für Philips, Siemens, Renault, Volvo, Bosch. Alle drei Staaten exportieren Bauholz, Gartenmöbel und Textilprodukte. Litauen hat viel Pilze. Aus Lettland kommen Fischkonserven (Rigaer Sprotten) und Kerzen für unsere Weihnachtsbäume. Im lettischen Jelgava wird Käthe-KruseKinderkleidung gefertigt.

Baltische Extreme

Litauen hat die höchste Selbstmordrate Europas. Lettland hat die geringste Pkw-Dichte, 240 Autos je 1000 Einwohner, aber die meisten Verkehrstoten. Letten haben die geringste Lebenserwartung, Männer 64,8, Frauen 76 Jahre. Und ihr Land hat die wenigsten Internetnutzer: 133 je 1000 Einwohner. Litauen hat die geringste Inflation in Europa, minus 1,1 Prozent - hier steigt der Geldwert. Esten und Litauer trennten sich 2001 besonders häufig von ihren Ehepartnern. In beiden Ländern lag der statistische Durchschnittswert bei 3,2 Scheidungen je 1000 Einwohner.

Baltische Verhältnisse

Die Balten verdienen in allen drei Ländern wenig, nämlich brutto rund ein Siebtel dessen, was in Deutschland Durchschnitt ist. Die Verbraucherpreise sind nur rund 20 Prozent niedriger, Wohnen aber ist viel billiger. Drei Bürger aus den Hauptstädten haben für den stern ihr Einkommen offen gelegt.

Vaclovas Seniutis, 36, arbeitet als Kfz-Mechaniker in einer Werkstatt, die in einer Plattenbausiedlung am Stadtrand von Vilnius liegt. Er verdient 510 Euro netto. Er ist verheiratet, seine zwei Kinder sind acht und 14 Jahre alt. Die Familie lebt in einer Eigentumswohnung. Mieten sind in Litauen unverhältnismäßig hoch. Wer keine Wohnung kaufen kann, bleibt bei den Eltern. Vaclovas Seniutis hat ein eigenes Auto, einen Mazda, Baujahr 1989. In der Freizeit geht er gern angeln. Laut Gesetz hat jeder Litauer 28 Tage Urlaub. 2003 konnte der Kfz-Mechaniker aber nur zwei Wochen nehmen, er verbrachte sie im Mai an Litauens Küste.

Inna Mulukova, 44, ist Lehrerin in einem angesehenen, kürzlich renovierten Gymnasium im Zentrum von Riga. Sie verdient netto 310 Euro, ist ledig und zahlt für ihre Zweizimmerwohnung (30 Quadratmeter) im Sommer 30, im Winter 75 Euro Miete. Sie hat kein Auto, geht gern spazieren, zum Beispiel am nahen Ostseestrand in Jurmala. Sie hat 48 Tage Ferien, aber ihre letzte Reise liegt schon sechs Jahre zurück. Da war sie drei Tage in St. Petersburg.

Jelena Morozova, 38, ist Hoteldirektorin, hat mit zwei Kolleginnen kürzlich in der Altstadt von Tallinn ein kleines modernes Haus eröffnet. Sie hat ein Ingenieurstudium und danach die Hotelfachschule abgeschlossen und ist jetzt Angestellte des gemeinsamen Betriebs, verdient 235 Euro brutto. Davon gehen ein Prozent Arbeitslosen-, zwei Prozent Rentenversicherung und 15 Prozent Einkommensteuer ab, netto bleiben ihr 192 Euro. Zusätzlich zahlt der Arbeitgeber 77,50 Euro für Kranken- und Sozialversicherung (33 Prozent ihres Bruttoeinkommens). Jelena Morozova hat eine Eigentumswohnung (65 Quadratmeter). Jelena Morozova besitzt kein Auto, hat drei Wochen Urlaub (letzte Reise im September 2002 nach Spanien).

Tilman Müller / print