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Meinung

Coronavirus: Bitte keinen Shutdown für die kritische Debatte

Im Angesicht der Coronavirus-Krise müssen wir zusammenhalten. Aber das darf nicht dazu führen, dass wir Kritiker als Außenseiter brandmarken und den Behörden stets blind vertrauen.

Coronavirus: Lothar Wieler, Jens Spahn, Angela Merkel

Müssen sich auch in Zeiten des Coronavirus der Kritik stellen: Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (l.), Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)

Getty Images

Es ist ja richtig: Durch die Coronavirus-Krise kommen wir nur gemeinsam. Physisch Abstand halten, aber als Gesellschaft zusammenstehen, darauf kommt es an.

Aber schon schleicht sich ein gefährlicher Unterton in die Debatte. In der Talkshow warnt die ARD-Börsenexpertin vor Besserwissern und "Schuldzuweisungen". Der Virologe Alexander Kekulé, der schon Ende Januar entschlossenere Schritte gegen die Ausbreitung des Virus forderte, wird von Kollegen zum "Außenseiter" erklärt. Es klingt ein bisschen so wie: Wir kennen keine Parteien mehr, wir kennen nur noch potentielle Viren-Opfer.

Das ist ein gefährlicher Zungenschlag. So als solle der Shutdown nicht nur für das soziale Leben gelten, sondern auch die gesellschaftliche Debatte.

Kritik – auch und grade in Zeiten des Coronavirus

Aber kritisches Hinterfragen muss erlaubt bleiben. So wie die US-Presse das Agieren von Donald Trump in der Krise hinterfragt – auch wenn Trump ganz sicher mehr Fehler gemacht hat als Angela Merkel oder Emmanuel Macron. Aber auch bei uns gilt: Blindes Vertrauen passt nicht zu einer Demokratie.

Es bleibt eben eine Tatsache, dass die Politik auch in Europa zu langsam reagiert hat. "Wir haben zu Anfang alle das Ganze etwas unterschätzt", räumte Wirtschaftsminister Peter Altmaier am Montag ein. Kekulé formulierte es deutlich schärfer: „Wir haben bis jetzt einfach viel Zeit verschlafen“, sagte er am Sonntag. Eigentlich sei bereits "Mitte Januar" klar gewesen, welche Gefahr droht.

Heute meinen einige bei uns, es sei unvermeidlich, dass sich ein Großteil der Menschen im Land ansteckt. Aber warum hat eine Stadt wie Hongkong bis heute nur gut 150 bestätigte Fälle? 

Richtig, Hongkong lag einerseits näher dran, war stärker in Gefahr – und darum war den Menschen die Gefahr auch stärker bewusst.  Aber hatte man nicht auch uns immer wieder gesagt, dass die Welt vernetzter sei denn je?

Und natürlich, die Menschen in Ostasien hatten die Sars-Pandemie aus dem Jahr 2003 in den Knochen. Sie waren bereit zu Einschränkungen, die die Politik hierzulande den Menschen nicht hätte erklären können. All das ist richtig.

Aber auch Menschen hier fragen sich nun, was eigentlich das Robert-Koch-Institut getan hat, um uns vorzubereiten. Das RKI ist keine unabhängige wissenschaftliche Einrichtung, sondern eine Behörde, die dem Gesundheitsministerium untersteht und die Bundesregierung berät. Als der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet am Sonntag in der ARD-Talkshow "Anne Will" von dem Virologen Kekulé für die langsame Reaktion der Politik auf das Virus gescholten wurde, verwies Laschet auf die Virologen, auf die man gehört habe. Gemeint war wohl auch das RKI.

Gab es dort wirklich keine Experten, die das Ausbreitungsrisiko ähnlich kritisch sahen wie der "Außenseiter" Kekulé?

Was wurde aus der Risikoanalyse von 2013?

Einige Bürger stießen auf der Webseite des Bundestages rasch auf ein offizielles Risikoszenario, das Ende 2012 maßgeblich vom RKI entwickelt und im Januar 2013 veröffentlicht wurde. Dort wurde eine Epidemie durchgespielt, die ein neuartiges Sars-Virus auslösen könnte – mit sechs Millionen Infizierten in Deutschland allein im ersten Jahr und unter eher günstigen Bedingungen. In der Folge breche die medizinische Versorgung "bundesweit zusammen".

Coronavirus: #ShutdownGermany – Twitter-Reaktionen auf Corona-Maßnahmen

Auf Nachfragen weist das Robert-Koch-Institut den Vorwurf zurück, dass man aufgrund dieser Risikoanalyse hätte gewarnt sein müssen. Das Szenario sei nicht übertragbar. Es habe sich "nicht um eine Vorhersage der Entwicklung und der Auswirkungen eines pandemischen Geschehens" gehandelt, "sondern um ein Maximalszenario ausgelöst durch einen fiktiven Erreger, um das theoretisch denkbare Schadensausmaß einer Mensch-zu-Mensch übertragbaren Erkrankung mit einem hochvirulenten Erreger zu illustrieren".

Zum Beispiel hatte man in der Modellrechnung eine viel höhere Sterblichkeit angenommen als heute bei Corona zu verzeichnen. Zehn Prozent der Erkrankten würden sterben, nahm man an – sehr viel mehr als bei Covid-19.

Wahr ist aber auch, dass einige Annahmen im damaligen Szenario aus heutiger Sicht vergleichsweise optimistisch klingen. So nahm das RKI offenkundig ein Ansteckungsrisiko an, das geringer war als heute bei Corona. Menschen seien erst mit dem "Auftreten der ersten Symptome" ansteckend, nahm man an. Weil man die Infektiosität offenbar vergleichsweise gering einstufte, sah die damalige Risikoanalyse keine Gefahr für die Arbeit der Parlamente voraus: "Bundestag und Länderparlamente können ihre Arbeit weiterführen", hieß es in dem Szenario.

Daran gibt es in der aktuellen Krise bereits Zweifel. Das Szenario sah damals übrigens Kritik voraus: "Die Suche nach 'Schuldigen' und die Frage, ob die Vorbereitungen auf das Ereignis ausreichend waren, dürften noch während der ersten Infektionswelle aufkommen."

Es ist also amtlich: Kritische Fragen müssen erlaubt sein. Und wir, als Journalisten, als Bürger, müssen sie stellen.

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