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#nichtegal - Atommüll: Wer verursacht, zahlt - fast immer

Wir haben gefragt, was Ihnen nicht egal ist und Hunderte Zuschriften bekommen. Einigen Themen sind wir nachgegangen. Heute antworten wir Constanze König, die sich über die Atommüllentsorgung aufregt.

Von Alexander Sturm

In den Wochen vor der Wahl hieß es ständig, Deutschland gehe es gut, es müsse nur so weitergehen. Das Gerede über die Wohlfühl-Republik hatte uns in der stern-Redaktion wütend gemacht. So entstand die Aktion "Es ist uns nicht egal". Nachdem stern-Mitarbeiter und zahlreiche Prominente aufgeschrieben haben, was ihnen nicht egal ist in diesem Land, meldeten sich Hunderte Leser bei uns. Auf Ihre Zuschriften wollen wir nun Antworten geben.

Constanze König ist es nicht egal, "wie sorglos Politiker in Deutschland mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit, besonders der Entsorgung von Atommüll, umgehen."

Hier sechs Fragen und die Antworten zum Thema Atommüll:

Wie viel Atommüll lagert wirklich in Deutschland?

Laut Bundesamt für Strahlenschutz gibt es in Deutschland rund 130.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle, dazu kommt 19.000 Kubikmeter hochradioaktives Material. Die Behörde schätzt, dass bis 2080 300.000 schwach- und mittelradioaktiver und 28.000 Kubikmeter stark strahlender Müll entstehen - schließlich werden die Atomkraftwerke erst schrittweise geschlossen und rückgebaut.

Wer kümmert sich um die Entsorgung? Der Staat oder private Unternehmen?

Grundsätzlich erledigt das der Staat - er ist für den Bau und Betrieb von Endlagern zuständig. Für die Aufbewahrung von schwach- und mittelradioaktivem Material soll der Schacht "Konrad" im niedersächsischen Salzgitter dienen, der frühestens 2019 modernisiert ist. Für hochradioaktiven Müll gibt es noch keinen Ort, weshalb der Bundestag das "Endlagersuchgesetz" verabschiedet hat, um bis mögliche Standorte auszuloten. Bis dahin kommen allerdings tatsächlich private Unternehmen zum Zug: Solange wird der Atommüll in Zwischenlagern untergebracht - meist auf den Geländen von Atomkraftwerken (AKW), die die großen Energieversorger betreiben. Trotzdem behält der Staat seine Kontrollfunktion: Genehmigungen erteile nur das Bundesamt für Strahlenschutz, sagt Ina Stelljes, Mitarbeiterin im Pressereferat, stern.de. Die Länder seien außerdem dafür zuständig, die Zwischenlager zu überwachen.

Wer zahlt eigentlich für den ganzen Müll?

"Für die Endlagerung gilt das Verursacherprinzip", sagt Stelljes. "Wer den Abfall produziert, zahlt." Übernehmen die Energieversorger bei hochradioaktivem Abfall fast alle Kosten (97 Prozent), zahlen sie bei schwach- und mittelradioaktivem Material knapp 65 Prozent, für den Rest kommt die öffentliche Hand auf. Ausnahmen sind das Endlager "Morsleben" nahe Magdeburg und die Schachtanlage "Asse" bei Braunschweig - hier zahlt der Steuerzahler fast alles. Denn Morsleben diente schon in der DDR als Endlager. Und Asse diente von 1967 bis 1978 offiziell als Forschungsstätte, in der der Bund Atommüll für Staat und Industire lagerte.

Warum nimmt man die AKW-Betreiber nicht noch stärker in die Verantwortung?

Das tut man ja schon - zumindest bei der Suche nach einem Endlager für Atommülll. Bis 2031 soll eine solche Stätte gefunden sein, Umweltminister Peter Altmaier (CDU) kalkuliert mit Kosten von rund zwei Milliarden Euro - und die sollen die großen Atomkonzerne tragen. RWE und Eon rechnen damit, jeweils rund eine Milliarde Euro zahlen zu müssen. Das drückt kräftig auf ihre Gewinne.

Wieviel kostet die gesamte Entsorgung des Atommülls?

Die Gesamtkosten lassen sich laut Stelljes nicht genau beziffern, da ehemalige Lager wie Morsleben geschlossen und andere noch gebaut werden müssen. Mit der Energiewende müssen außerdem die Kernkraftwerke verschwinden. Einzelne Projekte erlauben zumindest eine grobe Vorstellung: Das geplante Endlager Konrad kostet nach aktuellen Berechnungen beispielweise 3,2 Milliarden Euro, die Stilllegung von Morsleben 2,3 Milliarden Euro. Die Erkundung des Lagers "Gorleben", in dem seit Jahren Atommüll zwischengelagert wird, hat laut Bundesamt für Strahlenschutz 1,6 Milliarden Euro verschlungen. Die Stätte im niedersächsischen Wendland ist vor allem allem wegen der Proteste von Umweltschützern gegen Castor-Transporte bekannt.

Geht es beim Atommüll in Wahrheit nicht um schnelle, günstige Lösungen?

Nein. Das etwa zeigt der Fall des Lagers Asse: In den maroden Schacht dringen tägliche Tausende Liter Wasser ein, Teile des ehemaligen Salzbergwerks sind einsturzgefährdet – was das Herausholen der 126.000 Atommüllfässer erschwert. Mindestens 2,3 Milliarden Euro lässt sich der Staat die Räumung kosten. Mit dem "Lex Asse" habe der Bundestag im Frühjahr beschlossen, dass die Bergung der Abfälle die bevorzugte Variante sei, um die Schachtanlage Asse stillzulegen, so Stelljes. "Die Rückholung hängt nicht von der Wirtschaftlichkeit des Verfahrens ab."