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"Hygienedemos" und Co. Alles Verschwörungstölpel? Wir sollten die Protestler nicht in einen Topf werfen

Stuttgart am 9. Mai: Protestkundgebung der Initiative "Querdenken 711"
Stuttgart am 9. Mai: Ein Mann steht während einer Protestkundgebung der Initiative "Querdenken 711" mit einem Schild, auf dem "Wir wollen unser Leben zurück" steht, auf dem Cannstatter Wasen
© Sebastian Gollnow / DPA
Der Unmut in Deutschland über die Corona-Maßnahmen nimmt spürbar zu. Tausende gehen demonstrieren. Ein Teil dieser Bewegung bekommt dabei höchstwahrscheinlich zu viel Aufmerksamkeit.

In mehreren deutschen Städten sind in den vergangenen Tagen Menschen, teils Tausende, auf die Straße gegangen, um gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung zu demonstrieren. Für das Wochenende ist in Stuttgart eine Veranstaltung mit einer halben Million Teilnehmern angekündigt. Die Berichte zu solchen Demos hatten zuletzt fast alle eines gemein. Spätestens im dritten Satz fiel immer das Wort Verschwörungstheoretiker. Eine bunte Mischung aus eben jenen sowie Rechts- wie Linksradikalen, Impfgegnern und Esoterikern gehe da auf die Straße. Zwar stand auch immer wieder dabei, es würden ja auch "normale Bürger" darunter sein. Doch was hängen bleibt, ist klar: Da marschiert ein bunter Mix aus Spinnern.

Das ist gleich auf mehreren Ebenen gefährlich. Erstens sind im Moment Grundrechte eingeschränkt. Wohl aus gutem Grund, ja, doch das ändert nichts an dem Fakt. Gegen den (vorübergehenden) Verlust seiner Grundrechte zu protestieren, ist natürlich legitim. Diese Rechte genießen zurecht besonderen Schutz. Mit Kritik an dem Protest sollte man daher besonders vorsichtig sein.

Denn, und damit sind wir bei der zweiten Ebene, es ist von außen völlig unmöglich zu sagen, was für Menschen da jetzt im Einzelnen demonstrieren. Reporter können ja nicht mit 3000 Menschen Gespräche über persönliche Beweggründe führen. Das ist schlicht unmöglich, egal wie sauber man vor Ort recherchiert. Es werden immer lautere Personen aus der Masse herausstechen. Aber allein die Feststellung, wie unterschiedlich die einzelnen Personen sind, die man herausgefiltert hat, zeigt doch, dass sich Rückschlüsse auf die Gesamtheit verbieten. Diese Demonstrationen sind eben kein Naziaufmarsch in Mittweida oder eine Autonomenkundgebung am 1. Mai. Es ist eine heterogene Masse. 

Wieder dieselben Fehler wie bei Pegida?

Das heißt natürlich nicht, dass es auf den "Hygienedemos" und Querfront-Veranstaltungen nicht die beschriebenen Nazis, Demokratiefeinde, Hetzer und Scharlatane gibt. Teilweise standen sie, etwa in Berlin oder Stuttgart, auch auf den Bühnen. Das sollte so nicht sein, dagegen sollten sich die anständigen Protestler wehren. Allerdings: Welchen Anteil die ausmachen, die eben nicht zur Normalität zurückwollen, sondern düstere Ziele verfolgen, das ist von außen unmöglich zu bestimmen – gerade mit Blick auf eine Masse von möglicherweise mehreren Zehntausend Menschen.

Der Vergleich zur Frühphase von Pegida drängt sich jedenfalls auf. Dort – so beschreibt es etwa Meedia-Redakteur Ben Krischke, der damals als Reporter in Dresden im Einsatz war – tummelten sich nämlich zu Beginn keineswegs nur Rechtsextreme, sondern auch jede Menge tatsächlich nur, nun ja, besorgte Bürger. Viele Medien aber konzentrierten sich von Anfang an auf die lauten Pöbler und Hetzer, auf die Leute mit Galgenschildern in der Hand. Wirft man die Menschen aber alle in den gleichen rechten Topf, so treibt man sie unweigerlich zusammen.

Kommt nämlich der "normale Bürger" von der Demo nach Hause und liest und hört nur davon, dass da Extreme und Spinner demonstriert haben, verliert er nachvollziehbarerweise das Vertrauen in diese Medien. Warnt man ihn dann berechtigt vor Hetzern, glaubt er einem nicht mehr. Ergo wird er empfänglicher für die Ken Jebsens dieser Welt, die mit auf Youtube mit groben Vereinfachungen, Viertelwahrheiten und schlichten Lügen aufwarten. Der erreicht mit seinen angeblich informativen Videos über seinen Kanal KenFM teilweise Millionen Menschen.

Apropos Ken Jebsen: Besonders großen Raum in der Berichterstattung bekommen aktuell die sogenannten Verschwörungstheoretiker. Es entsteht der Eindruck, wer aktuell auf die Straße geht, der tut das nur, um die bösen Pläne des bösen Bill Gates und der schrecklichen Impfmafia zu durchkreuzen. Dabei muss ganz klar gesagt werden: Kritik an der Regierung ist noch keine Verschwörungstheorie. Man darf in Deutschland finden und frei sagen, dass man die Anti-Corona-Maßnahmen für übertrieben hielt oder hält. Dass man wieder mehr Normalität will. Das ist von der Meinungsfreiheit selbstverständlich gedeckt. Und um das zu finden, muss man auch kein Verschwörungsspinner sein. Für nicht wenige Deutsche geht die aktuelle Krise an die Existenz, viele können eben nicht einfach im Homeoffice weiter machen, viele brauchen zum Überleben Publikumsverkehr. Dass solche Menschen aktuell auf die Straße gehen, ist nur verständlich.

Man darf übrigens auch selbstverständlich Bill Gates kritisieren, zum Beispiel für dessen mindestens monatelangen Kontakte zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, die die "New York Times" vergangenen Herbst aufdeckte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das Problem mit der moralischen Überheblichkeit

Problematisch an der Lockerungsdebatte – und auch da lässt der erste Umgang mit Pegida grüßen – ist die moralische Überheblichkeit der einen Seite. Die Rollen sind klar verteilt: Wer wieder mehr Freiheit will, der ist ein rücksichtsloser Egoist und nimmt billigend Todesopfer in Kauf. Wer aber pro strikte Maßnahmen ist, der schützt Leben, stellt die Gesundheit über die Wirtschaft und ist daher auf der ethisch einzig richtigen Seite. Auf dem vermeintlich hohen Ross lässt es sich dann auch gut nach unten treten und pauschalisieren: Guck mal, da demonstrieren die Verschwörungsspinner.

Und auch die gibt es ja zweifelsfrei. Prominenteste Beispiele sind aktuell Schmusesänger Xavier Naidoo und TV-Veganer Attila Hildmann. Beide faseln via Telegram von kindermordenden Eliten, die Adrenochromfarmen betreiben und schüren Ängste vor angeblichen Impfpflichten und der bald geltenden Neuen Weltordnung. Schlicht so wirres Zeug, dass es – so sollte man zumindest meinen – auf den ersten Blick als eben solches zu erkennen ist. Was bei diesen und noch schlimmeren Thesen wichtig ist: die Gegenrede. Psychologe Peter Fischer erklärte kürzlich im stern-Interview, dass man den in seinem Verschwörungsglauben Abgetauchten zwar wahrscheinlich ohnehin nicht mehr mit Logik erreichen könne. Dafür verhindere man aber auf diese Weise vielleicht, dass andere den Schwachsinn auch glaubten.

Und damit sind wir bei der tatsächlichen Aufgabe der Medien in solchen Zeiten: Den Märchenerzählern mit Tatsachen entgegentreten. In Faktenchecks, wie sie etwa Youtuber Philipp Walulis gemacht hat, den Schmarn zerlegen, den ein Ken Jebsen an Millionen Menschen rausbläst. Aufklären, dass es nicht um eine Impfpflicht ging bei einem aktuellen Gesetzesentwurf, sondern um einen möglichen Immunitätsausweis, der seinen Träger von gewissen Maßnahmen hätte ausschließen können. Und dass diese Idee nach teils harscher Kritik wieder aus dem Entwurf gestrichen wurde, uns also keineswegs dunkle Mächte beherrschen, sondern Protest Einfluss auf die Politik nehmen kann.

Um das den Leuten aber zu vermitteln, dafür muss man sie und ihre Ängste – ja ich weiß, das klingt abgedroschen, dadurch wird es aber nicht weniger richtig – ernst nehmen. Man muss ihnen auf Augenhöhe begegnen, sich mit ihren Ansichten, so wenig man sie auch teilen mag, auseinandersetzen. Zumindest aber sollte man nicht so tun, als wären die Tausenden Demonstranten in Hamburg, Berlin, Stuttgart oder München allesamt mit Xavier auf der Suche nach Atlantis.


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