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Analyse

Trotz Parteitagsrede: Warum Andrea Nahles die SPD nicht in bessere Zeiten führen kann

Andrea Nahles hat mit einer kämpferischen Rede den SPD-Parteitag gerockt - und die Groko-Zustimmung erst ermöglicht. Macht sie das schon zur Hoffnungsträgerin der Krisen-Partei? Eher nicht.

"Verdammt nochmal!" Die ist zur Zeit mal wieder zum Aus-der-Haut-fahren. Juso-Chef Kevin Kühnert musste kürzlich deshalb schon in einer Rede fluchen, eine seiner Vorgängerinnen tat dies am vergangenen Sonntag ebenso. Dass es Ex-Juso-Chefin Andrea Nahles war, die mit einer vehementen, kämpferischen Wortmeldung den SPD-Sonderparteitag wachrüttelte, die Entscheidung zugunsten weiterer Groko-Verhandlungen herbeiredete und ganz nebenbei dem erschöpft wirkenden Parteichef Martin Schulz die Karriere rettete, ist keine Überraschung. Die aktuelle Chefin der SPD-Bundestagsfraktion gibt gerne Vollgas - ob bei einer Fahrt im Lamborghini auf dem Nürburgring oder in der Politik. Ohne Rücksicht auf Verluste, und manchmal auch ohne Rücksicht auf das eigene Ansehen.

Unvergessen ist ihr schräger Pippi-Langstrumpf-Gesang, mit dem sie einst im Bundestag die Bundeskanzlerin kritisierte und sich gleichzeitig zum Gespött machte: "Ich mache mir die Welt widewide wie sie mir gefällt." Scharf kritisiert ihr eigentlich gar nicht so konfrontativ gemeinter Spruch in Richtung der CDU-Koalitionskollegen nach der letzten Kabinettssitzung der alten Regierung: "Ab morgen kriegen sie in die Fresse". Und kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen ihre "Bätschi"-Rede zu sich anbahnenden Verhandlungen über eine weitere Groko: "Die SPD wird gebraucht. Bätschi, sage ich dazu nur. Und das wird ganz schön teuer. Bätschi, sage ich dazu nur." Nun also - diesmal viel beachtet - die Wutrede an die kategorischen Groko-Gegner ihrer eigenen Partei.


Andrea Nahles taugt nicht als Hoffnungsträgerin

Ob peinlich oder wachrüttelnd - all' diesen Auftritten gemein ist, dass da eine Vollblut-Politikerin mit Überzeugung für ihre Sache kämpft. Und das reicht in diesen Tagen einer arg mit sich selbst hadernden 20-Prozent-SPD schon, eine Art Hoffnungsträger für diese Partei zu sein. "Leute! Wir geben doch die SPD nicht auf in dem Moment, wo wir uns entscheiden, mit den anderen zu regieren", rief sie dem SPD-Bundesparteitag eine Binsenweisheit zu, die - gemessen am Applaus - diesen Sozialdemokraten aber nochmal erzählt werden musste. Wertvoll machte den Auftritt am Sonntag zudem die Selbstkritik, dass man es nicht geschafft habe, das eigene Profil in den vergangenen Jahren zu schärfen, Probleme der Menschen zu lösen und deren Vertrauen in die Fähigkeiten, dies zu tun, zu gewinnen. "Was um alles in der Welt", rief Nahles mit regionalem Einschlag, "hat dat mit der Merkel, dem blöden Dobrindt und den anderen zu tun? Das ist ausschließlich unser Problem, das wir lösen müssen - und zwar jetzt!"


So spricht doch eine wahre Vorsitzende; eine, die die Partei mitreißen und in bessere Zeiten führen kann - sollte man meinen. Doch so schön das nach dem Verglühen des "Kometen" Schulz für die SPD auch wäre, für diese Rolle taugt gerade Andrea Nahles nicht. Ihr Image als notorische Nervensäge wird die 47-Jährige aus Rheinland-Pfalz einfach nicht los - und Auftritte wie ihre "Bätschi"-Rede haben daran einen gehörigen Anteil. Als Arbeitsministerin war sie erfolgreich, ihre Kompetenz in der politischen Arbeit bezweifelt niemand, der das beurteilen kann, doch beim Wähler kommt sie einfach nicht an. In den Rankings der bekanntesten Politiker liegt sie meist weit hinten. Nahles ist das bewusst. "Das hat mich beschäftigt", gestand sie einmal dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung", "viele Jahre lang". Heute ist es ihr weniger wichtig, gemocht zu werden, "heute will ich Respekt", betont sie.

Unverzichtbar, aber nicht die Heilsbringerin

Unter Politik-Kollegen ist ihr dieser Respekt sicher; das Wahlvolk erinnert sich eher an die Fremdschäm-Momente. Für die SPD ist unverzichtbar, die Aufgabe, die Partei zu neuer Stärke und zu besseren Wahlergebnissen zu führen, müssen aber andere erfüllen.