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Merkel bei CDU-Konferenz: Die Kühle aus dem Norden erwärmt die Herzen in Wuppertal

Bis vor kurzem hatte sie geschwiegen. Doch seitdem Angela Merkel warme Worte für Flüchtlinge findet, begeistert sie selbst ihre Gegner. Nun startet sie in Nordrhein-Westfalen ihre Überzeugungstour an der Basis.

Ein Ortstermin von Frank Gerstenberg

Merkel in Wuppertal

Merkel, die unterkühlte Protestantin aus der Uckermark, findet auf der Bühne des monumentalen Neorenaissance-Baus in Wuppertal-Elberfeld herzliche, empathische Worte für die Flüchtlinge

Nach dem "Brandbrief" von 34 CDU-Funktionären und den fortwährenden Attacken des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik durfte man gespannt sein auf den Auftritt der Bundeskanzlerin beim NRW-Landesverband der CDU in Wuppertal. Bei der ersten von insgesamt vier "Zukunftskonferenzen" vor dem Bundesparteitag am 14. und 15. Dezember in Karlsruhe ging es zwar formell darum, wie die Union künftig Arbeit, Bürgergesellschaft, Lebensqualität und sich selbst gestalten will. Doch den rund 700 Mitgliedern, die an diesem Donnerstagabend auf das Fußball-Länderspiel gegen Irland verzichtet hatten und in die Historische Stadthalle am Johannisberg gekommen waren, war klar, dass hier vor allem ein Thema aus der sehr realen Gegenwart besprochen wird: die Flüchtlingsfrage.

Vor kurzem war sie noch die große Schweigerin

Es ist noch keine zwei Monate her, da war Angela Merkel die große Unbekannte und Unsichtbare in der Flüchtlingsdebatte: Sie besuche keine Flüchtlingsheime, sie äußere sich nicht, und wenn, dann mit vagen Allgemeinplätzen, die Kanzlerin schien die Menschen mit ihren Sorgen allein zu lassen - Flüchtlinge wie Helfer und Kommunen.

Dieses Bild und womöglich auch ihre Sicht der Dinge hat sich in nur sechs Wochen fundamental gewandelt. Merkel, die vermeintlich unterkühlte Protestantin aus der Uckermark, findet auf der Bühne des monumentalen Neorenaissance-Baus in Wuppertal-Elberfeld herzliche, empathische Worte für die Flüchtlinge: Nicht "Massen" kämen, sondern "einzelne Menschen" Schutzbedürftigen müsse geholfen werden. Wer nicht schutzbedürftig ist, müsse jedoch wieder abreisen. Wer hier bleibt, müsse sich an die Regeln und Gesetze in Deutschland halten. Merkel sagte, sie wisse, was sie den Menschen in Deutschland zumute und strich dabei besonders die Rolle Bayerns heraus. Aber was solle sie tun? "Ich kann an den Grenzen kein Stoppschild aufstellen.", sagt Merkel, die an diesem Abend keine gedeckten Farben, sondern ein stierkampfrotes Sakko trägt.


Für Europa, besonders für Deutschland gehe es um viel: "Wenn wir jetzt nicht anständig mit den Menschen umgehen, wird unsere Stimme in der Welt nicht mehr das Gewicht haben, das es heute hat." Das zog. Merkel wirkt überzeugt und unbeirrbar. Sinkende Umfragewerte oder Friedensnobelpreis: Weder über das eine noch über das andere hat sie offensichtlich Zeit und Lust nachzudenken. Hier steht eine Frau für eine Sache, möglicherweise für die Sache ihrer Kanzlerschaft. Die Kanzlerin hat in 20 Minuten der NRW-Basis klar gemacht: Es gibt keine einfache Lösungen. Den Menschen muss ohne Wenn und Aber Menschen geholfen werden. Die Flüchtlingsfrage ist die "schwierigste Aufgabe seit der Wiedervereinigung". Schwieriger wohl, denn diesmal ist ein Staatenbund und die internationale Diplomatie gefragt.

Die Basis fühlt sich allein gelassen

Ihr Mantra "Wir schaffen es" wiederholte die Kanzlerin zwar nicht, dies besorgte ein junger CDU-Mann aus Wuppertal: Freimütig bekannte er vor dem Mikrofon, "mit großer Skepsis hierhergekommen", nun aber überzeugt zu sein, dass "wir das schaffen können." Damit dürfte er in etwa die Stimmung unter den rund 700 Zuhörern im Großen Saal der Stadthalle getroffen haben. Dennoch wurden auch kritische und besorgte Stimmen laut, und das will im traditionell braven NRW-CDU-Landesverband schon etwas heißen. So fühlte sich eine Studentin, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert, mit dem "Chaos" bei der Flüchtlingsregistrierung "allein gelassen."


Ein Kommunalpolitiker wisse nicht, was er den Menschen in der Fußgängerzone sagen solle, wenn sie sich Sorgen machten, wie "200-300 junge Männer" in der Turnhalle auf die Schülerinnen und Schüler reagierten. Und ein Psychotherapeut mahnte, dass die schwer traumatisierten Kinder und allein reisenden Jugendlichen sofort eine Traumatherapie benötigten, und nicht erst in einem oder in zwei Jahren. Weder Merkel noch der CDU-Landesvorsitzende Armin Laschet hatten hier Lösungen parat - aber Antworten, die zeigten, dass sie es ernst meinen mit den Bürgern wie mit den Flüchtlingen. Einen Brandbrief aus NRW dürfte es jedenfalls nicht geben.